Der Juni ist der Theatermonat, der sich so anfühlt wie die letzte Kurve vor dem Zieleinlauf. Es ist fast geschafft, jetzt geht es in die Vorbereitung für den Sprint. Die Reserven werden mobilisiert und man hofft auf den Glanz fürs Foto-Finish. Kurzum: Die Theater im Juni bereiten die letzten Premieren vor, mit denen sie dann diese spannende, deutlich politische Spielzeit beenden werden. Eigentlich möchte man diese gerne noch etwas festhalten, weil so viel Schönes, aus der Komfortzone Lockendes dabei war. Aber Theater ist eben eine flüchtige Kunst, sie existiert nur im Moment.
Was gibt es nun also in dieser letzten Premieren-Phase der Saison in München? An den drei großen Schauspielbühnen sind es allein vier Produktionen, die neu ins Repertoire kommen, zusätzlich wird es ein Festival geben. Es ist also schon noch einiges an Energie-Reserven da für den Zieleinlauf.
Vor allem, so scheint es, existieren diese am Residenztheater. Dort inszeniert zuerst die italienische Regisseurin Silvia Costa zwei Texte der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras. La Musica – zwischen ihr und ihm heißt der Abend. Kombiniert sind mit „La Musica 2“ und „Die englische Geliebte“ zwei unterschiedliche Beziehungsenden: Die eine Version ist die Scheidung, die für das Paar auch das Ende vieler gemeinsamer Möglichkeiten bedeutet, in die es sich noch einmal hineinträumt. Das andere ist die Weiterführung des gemeinsamen Lebens als brutaler Albtraum (Premiere: Samstag, 6. Juni).
Nicht einmal eine Woche nach dieser Premiere, am Freitag, 12. Juni, kommt auf der großen Bühne Die Präsidentinnen heraus, Werner Schwabs berühmtes Fäkaliendrama. Darin sinnieren Erna, Grete und Mariedl nach einer Papstmessen-Fernsehübertragung über Gott und die Welt, steigern sich in Fantasien hinein, werden schließlich gewalttätig. Hausregisseurin Claudia Bauer wird Schwabs Stück inszenieren mit Katja Jung, Myriam Schröder und Lisa Wagner – eine Besetzung, die augenblicklich Lust macht, diese „Präsidentinnen“ zu sehen.

Das Resi ist dann schon so im Flow, dass es wiederum eine Woche später das Welt/Bühne-Festival noch ergänzt: Sieben Tage lang vom 19. bis zum 25. Juni sind internationale Autorinnen und Autoren mit ihren Arbeiten zu Gast im Marstall. Sie alle sind Teil des Staatstheater-Residenzprogramms. Bei mehrmonatigen Aufenthalten in München entstehen Texte, die die Vielstimmigkeit und die unterschiedlichen Thematiken in der Gegenwartsdramatik abbilden, und zwar quer über die Kontinente, aus Iran und Israel genauso wie aus der Ukraine, Ruanda, Serbien, Südkorea und den USA. So nah und unkompliziert wie bei „Welt/Bühne“ kommt man selten mit internationalen Autoren in Kontakt.
Während dieses Neue am Residenztheater entsteht, wird parallel eine Inszenierung zum letzten Mal zu sehen sein: Das Vermächtnis hat Philipp Stölzl 2022 am Residenztheater inszeniert, eine zweiteilige Produktion mit einer Dauer von sieben Stunden inklusive der Pausen. In dem Stück von Matthew Lopez geht es um Schwulsein in New York, um die Aids-Epidemie in den Achtzigerjahren und die gegenwärtige LGBTQ-Community samt der politischen Anfeindungen. „Das Vermächtnis“ funktioniert dabei wie eine Serie, die man in einem Stück anschauen will, sozusagen Theater-Binge-Watching.
Das Münchner Volkstheater biegt mit I Wanna Contact The Living – Das Gespenstische von Canterville in die Spielzeit-Zielgerade ein. Regisseurin Katharina Grosch arbeitet hier frei nach Oscar Wilde und fragt danach: Was erschreckt uns heute noch, wenn wir es gewohnt sind, durch die schauerlichsten Nachrichten zu scrollen? Braucht es nicht etwas Grusel für das gesellschaftliche Zusammenleben (Premiere: Donnerstag, 11. Juni)?
Bleiben noch die Kammerspiele: Regisseurin Leonie Böhm ist zurück an dem Haus an der Maximilianstraße, zum einen mit dem Publikumsmagneten „Fräulein Else“, einem Soloabend mit Julia Riedler. Zum anderen mit Mein kleines Prachttier nach dem Roman von Lucas Rijneveld mit Premiere am Samstag, 13. Juni. Darin geht es um Pädophilie erzählt aus der Täter-Perspektive, zentrale Figuren sind ein Landtierarzt und die 14-jährige Tochter eines Bauern. In den Niederlanden stand der 2021 erschienene Roman monatelang auf der Bestsellerliste – bestimmt ein starker Antrieb für die letzten Meter auf der Zielgeraden.


