Das hat sich der Bürgermeister, also der Acker Rudi, so schön vorgestellt: Dass man da ein Einkaufszentrum hinstellt, wo früher der Sumpf war. Eigentlich immer noch ist, der Sumpf, weil schon drei Tage vor der Eröffnung vom „Zenter“ (so steht es in großen Lettern auf der Bühne) hat der Beton Risse, da so ein Sumpf halt kein fester Untergrund ist. Weder physisch noch metaphysisch.
Fürs Physische steht der Beton, fürs andere eine Leiche. Und dann noch eine. Und schon wackelt die ganze Idee von etwas Prosperierendem. Dass den Leichen auch noch das Herz fehlt, macht die Sache nicht besser. Schlechte Kunde für potenzielle Kunden. Vielleicht müssen die Bewohner der kleinen, namenlosen Stadt halt doch weiter zum Einkaufen in die Großstadt fahren und sich dort der Arroganz derer Bewohner aussetzen.
Ferdinand Schmalz, geboren 1985 in Graz, kann tolle Stücke über absonderliche Begebenheiten schreiben. Der Herzerlfresser kam 2015 in Leipzig heraus, hat seitdem einige Inszenierungen erlebt, aber wohl selten eine, die so tief in den Text hineinhorcht wie jetzt am TamS (Theater am Sozialamt). Die Regisseurin Susi Weber braucht nicht mehr als ein paar Schiebetüren und fünf passgenau ausgesuchte Darsteller, um eine Welt und darin viele Szenen entstehen zu lassen, alles mit und durch die Sprache allein. Es ist eine Freude.
Den Herzerlfresser gab es wirklich, im 18. Jahrhundert in der Steiermark, er tötete Frauen und verspeiste ihr Herz, hing einem alten Aberglauben an, durch solches Tun unsichtbar zu werden. Es ist nicht zu vermuten, dass er eine so leuchtend verschrobene Eigenwilligkeit besaß wie jetzt die Leute im TamS.
Helmut Dauner ist der Bürgermeister, der tief im Sumpf steckt, Axel Röhrle der nachtwachende Gangsterer Andi, der versucht, irgendwas zu richten, was aber nur zu einem höheren Scheitern führt. Julian Mantaj ist (vielleicht) der Herzerlfresser, auf jeden Fall irrlichtert eine psychopathische Aura um ihn herum. Und dann sorgen Irene Rovan und Lena Vogt für aufkeimende Amouren, sie sind die Fauna Florentina und die Fußpflege Irene, sind natürlich gescheiter als die Herren und außerdem gut für eine geradezu thrillerartige Schlusspointe (bis 23. Mai, jeweils Mittwoch bis Samstag, 20 Uhr außer am 2. Mai).

Auf tolle Stücken und absonderliche Begebenheiten stößt man übrigens auch gerne beim Festival Radikal jung am Münchner Volkstheater. Zehn Tage lang sind dort Arbeiten von jungen Regieführenden zu sehen, und das bereits zum 20. Mal. Am vergangenen Freitag hat dieses Münchner Theaterereignis begonnen, das Fans genauso anzieht wie Neugierige. Es dauert noch bis zum Sonntag, 3. Mai, an diesem letzten Abend wird auch der Publikumspreis vergebenen.
Es ist dabei für Kurzentschlossene meistens nicht leicht, an Karten zu kommen. Tatsächlich versuchen es manche auf die altbewährte Methode – kleines Pappschild mit der Aufschrift „Suche Karte“ –, noch in die Aufführungen zu kommen. Momentan ohne solche Hilfe sind Tickets für die Volkstheater-Produktion „Die Nashörner“ erhältlich, die sich durchaus Chancen auf den Publikumspreis ausrechnen kann. Zumal Regisseurin Anna Marboe einen sehr lustigen Abend aus Eugène Ionescos absurdem Drama gemacht hat (1. und 2. Mai).
Ebenfalls noch nicht ausverkauft sind „Unruhe“, „Der Idiot“ und „Der Zauberer von Öz“, drei komplett unterschiedliche Produktionen. „Unruhe“ ist ein Happening der Groupe Crisis aus Marseille, das zwischen „Konzert, Theaterstück und Feier angesiedelt ist“. Thematischer Ausgangspunkt ist eine Tanzepidemie, die 1518 die Einwohner Straßburgs befiel (29. April).
Auf den ersten Blick eher ein Theaterabend im herkömmlichen Sinn ist „Der Idiot“. Regisseurin Milena Michalek hat dafür Dostojewskis Roman für die Bühne adaptiert und ihn um einen Text von Clara Kroneck ergänzt. Eingeladen ist diese Inszenierung vom Theater Münster (30. April). Der „Zauberer von Öz“ wiederum beschäftigt sich mit dem ehemaligen Fußballnationalspieler Mesut Özil, sein Leben zwischen Integrationsfigur und Provokateur. Die Performance von Aram Tafreshian vom Theater Bremen beschließt als letzte Produktion das diesjährige „Radikal jung“ (3. Mai).


