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Theater in München:Was die Kammerspiele in der nächsten Spielzeit planen

Kammerspiele, Theater, München

Die Bühne der Kammerspiele soll weiterhin Schauplatz für politisch und gesellschaftlich relevante Themen sein.

(Foto: Robert Haas/Robert Haas)

Das Theater der Stadt bleibt divers, inklusiv, international und behandelt politisch wie gesellschaftlich relevante Themen. Sorgen bereitet vor allem das Geld.

Von Egbert Tholl

Die Münchner Kammerspiele wollen in der kommenden Saison das fortsetzen, was sie in der vergangenen Saison, der ersten der Intendantin Barbara Mundel, begonnen haben. Also, so weit sie es pandemiebedingt beginnen konnten. Das Theater der Stadt bleibt divers, inklusiv, international, untersucht Stadtgeschichte und politisch wie gesellschaftlich relevante Themen, erfüllt vom Programm her alles, was man heutzutage für zeitgenössisches Theater braucht.

Und doch schiebt sich bei der Spielzeitpressekonferenz vor die künstlerischen Inhalte ein prekärer Punkt. Das Geld. Eingangs lobt der Münchner Kulturreferent Anton Biebl die Arbeit der Kammerspiele in der zu Ende gehenden Saison entlang der oben erwähnten Kriterien, spricht gegen falsch verstandenen Geniekult und für einen Verhaltenskodex gegen Machtmissbrauch, erwähnt die 74 Streams im Lockdown, die durchschnittlich je 1000 Zuschauer gehabt hätten. Dann erzählt Biebl, dass er sehr gern Planungssicherheit geben würde, dass er vom Umgang mit der Kunst angesichts der Corona-Maßnahmen ziemlich erschüttert wurde. Und: Er wünsche sich auch finanzielle Planungssicherheit.

Die Kammerspiele haben in der Coronazeit zwei Millionen Euro ihrer Rücklagen aufgelöst

Doch die wackelt. Die Kammerspiele haben in der Corona-Zeit wegen des Fehlens der Zuschauer und der dadurch fehlenden Einnahmen zwei Millionen Euro Rücklagen aufgelöst, er erwarte bei den alle Referate betreffenden Sparmaßnahmen der Stadt Einbußen von sechs bis acht Prozent im Etat der Kammerspiele. Aktuell kommt noch dazu, dass die Stadtkämmerei offenbar nicht gewillt sei, die Tariflohnerhöhungen mitzutragen. "Wir werden im Kulturausschuss des Stadtrats mit dem neuen Spielplan zeigen, wie wichtig dieses Theater für die Stadt ist. Heute Nachmittag geht's los!"

Zur Erklärung: Seit vielen Jahren übernehmen die öffentlichen Subventionsgeber die regelmäßigen Tariflohnsteigerungen, und zwar außerhalb des normalen Etats. Nun wollten die Kammerspiele ihren Wirtschaftsplan für das Jahr 2022 vorlegen, darin enthalten benötigte 486 000 Euro für Tariflohnerhöhungen. Die Kämmerei und offenbar auch die Stadtratsfraktionen beschieden indes, es gebe keine Haushaltserweiterungen. Um überhaupt halbwegs sicher planen und arbeiten zu können und den dafür notwendigen Wirtschaftsplan vorlegen zu dürfen - darüber entscheidet das Büro des Oberbürgermeisters -, mussten die Tariflohnerhöhungen aus diesem gestrichen werden. Sprich: Die Tariflohnerhöhungen, zu deren Zahlung das Theater verpflichtet ist, müssten demnach vom Theater selbst und aus dessen normalem Etat bestritten werden. Fürs laufende und das kommende Jahr sind das mehr als 800 000 Euro.

Barbara Mundel sieht hierin einen gefährlichen Paradigmenwechsel. 80 Prozent des Haushalts der Kammerspiele bestehen aus fixen Personalkosten. Kämen nun die vom Theater selbst zu tragenden Tariflohnerhöhungen zu den ohnehin schon schmerzhaften Kürzungen hinzu, müsste man entweder Personal entlassen, die Kunst zusammenholzen oder aus dem Tarif aussteigen und fürderhin mit Haustarifverträgen arbeiten. So etwas gab es in der Folge der Wende an kleineren Theatern im Osten; für ein hoch angesehenes Metropolenhaus wäre dies ein einzigartiges Novum. Ein durch die Haltung des städtisches Kämmerers, Tariflohnerhöhungen nicht mehr mitzutragen, evozierter Skandal. Mundel spricht von einem "Hinterzimmerstreich", der offenbar ohne die dafür notwendige Kommunikation vollzogen werden sollte.

Tatsächlich kann man, wie es der Kämmerer tut, Tariflohnerhöhungen wohl kaum als Erhöhung des Zuschusses empfinden, da sie weder der Kunst noch dem Personalstand in dessen Summe zugute kommen, sondern dafür notwendig sind, dass ein städtisches Theater seine bestehende Vertragspflicht gegenüber seinen (letztlich bei der Stadt angestellten) Mitarbeitern erfüllen kann. Diese Pflicht zu negieren, so kann man es interpretieren, dazu ruft der Kämmerer nun implizit auf.

Barbara Mundel, Intendantin Muenchen 08.07.21 Schauspielhaus der Kammerspiele, (Maximilianstraße Spieilzeit 21-22 Praese

Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel stellte das neue Spielzeitprogramm vor und zeigte sich kämpferisch.

(Foto: imago images/Lindenthaler)

Angesichts dessen, was die Münchner Kammerspiele in der kommenden Saison planen, wird die grimmige Haltung des Kämmerers noch weniger nachvollziehbar. Zur Eröffnung am 18. September adaptiert Jan Bosse Gabriele Tergits Roman "Effingers" für die Bühne. Tergit war bis 1933 Gerichtsreporterin, schrieb mit "Käsebier" einen der ersten Romane, der Influencertum analysierte, anhand eines eher unbedeutenden Komikers in den Zwanzigerjahren in Berlin. "Effingers" nun ist eine jüdisch-bürgerliche Familiengeschichte, die in sechs Jahrzehnten in den Abgrund des Dritten Reichs führt.

Auch gleich zu Beginn gibt es zwei internationale Arbeiten, "Los Años" von der Grupo Marea aus Buenos Aires, koproduziert mit der Ruhrtriennale, und die "Heart Chamber Fragments" der Paper Tigers aus Peking. Da hat man doch etwas aus Corona gelernt, denn neu ist hierbei, dass man nicht einfach Produktionen um den halben Globus fliegen lässt, sondern mit internationalen Künstlern hier in München als Residenz zusammenarbeitet und sie von hier aus auf Deutschlandtour schickt.

Der Habibi-Kiosk wird zur Biennale in Venedig reisen

Weitere Höhepunkte der kommenden Saison: Anne Habermehl schriebt den ersten Teil einer Trilogie, Titel "Frau Schmidt fährt über die Oder"; Pinar Karabulut vermisst mit einem Text von Sivan Ben Yishai anhand des Mythos' von Medusa patriarchalische Strukturen; Jan-Christoph Gockel nimmt in einer Revue Reparaturen am Gesamtwerk Alexander Kluges vor, Kluge selbst stellt noch diese Saison, am 18. Juli, seinen Napoleon-Kommentar "Ein Mensch aus Trümmern gegossen" in den Kammerspielen vor. Falk Richter wird Thomas Bernhards "Heldenplatz" mit eigenen Texten zusammenspannen - angeblich passiert dies zum ersten Mal mit einem Stück von Bernhard. Außerdem sind die Kammerspiele auch an der Koproduktion von "Koma" beteiligt, der Oper von Georg Friedrich Haas, die Romeo Castellucci im Auftrag der Bayerischen Staatsoper im Volkstheater inszenieren wird.

Ansonsten: Livekonzerte von Bands wie Vanishing Twin, kulturelle Bildung mit den Schulen "als Komplizen", vor allem in Neuperlach, digitale Kooperationen mit Künstlern in Kiew und Damaskus, 800 Seiten der Tagebücher von Wolfram Lotz und der Habibi-Kiosk als so verstandenes "Fenster zur Stadt", als welches er auch im November zur Biennale nach Venedig reist. Dies alles ein kleiner Ausschnitt des Programms.

Der Kulturausschuss wollte sich am Donnerstag dann doch nicht mit dem Wirtschaftsplan und mit der Frage der Tariflohnerhöhungen befassen und verlegte die in die nächste Vollversammlung. Die ist kurz vor der Sommerpause, die Kammerspiele sind wohl am 28. Juli dran. Es gibt also vielleicht doch noch eine kleine Hoffnung auf mögliche Verbesserungen.

© SZ/pop
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