Gedenken an Opfer des OEZ-AttentatsAngehörige schreiben offenen Brief an Ilse Aigner

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Auch in diesem Jahr gab es eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechtsextremistischen Terrorangriffs am Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016. Fast zur gleichen Zeit lud Landtagspräsidentin Ilse Aigner am Schloss Schleißheim zum Sommerempfang.
Auch in diesem Jahr gab es eine Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechtsextremistischen Terrorangriffs am Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016. Fast zur gleichen Zeit lud Landtagspräsidentin Ilse Aigner am Schloss Schleißheim zum Sommerempfang. (Foto: Stephan Rumpf)

Am Jahrestag des rechtsextremen Terroranschlags am Olympia-Einkaufszentrum feiern rund 3000 Menschen nahezu zeitgleich beim Sommerempfang des Bayerischen Landtags. Die Familien der Opfer sehen das als „verheerendes Signal“.

Von Thomas Radlmaier

Die Familien der beim rechtsextremen Terrorangriff am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) getöteten Menschen sind tief enttäuscht von bayerischen Landespolitikern. Der Grund: Fast zur selben Zeit wie die Gedenkfeier am 22. Juli fand der Sommerempfang des Bayerischen Landtags auf Schloss Schleißheim statt. Während an der Hanauer Straße im Münchner Norden circa eintausend Menschen der Opfer gedachten, die ein Rechtsextremist dort vor neun Jahren erschossen hatte, feierten weniger als zehn Kilometer Luftlinie entfernt rund 3000 Besucher vor einer prunkvollen Kulisse „das größte Ehrenamtsfest Bayerns“, wie es in einer Pressemitteilung des Landtags hieß.

„Mit großem Schmerz“ haben sich die Familien der OEZ-Terroropfer nun mit einem offenen Brief an Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) sowie an die Landtagsabgeordneten gewandt. Zur Gedenkfeier eingeladen waren die Landespolitiker zwar offenbar nicht. Dennoch habe es sie „zutiefst betroffen und wütend“ gemacht, dass keine offiziellen Vertreter der Staatsregierung und nur einzelne Landtagsabgeordnete bei der Gedenkfeier anwesend gewesen seien und stattdessen ein Sommerempfang mit zahlreichen bayerischen Politikern stattgefunden habe, schreiben die Angehörigen der Opfer.

Die Familien empfinden es als eine „Beleidigung“ und als ein „verheerendes Signal“ an die Gesellschaft, „dass das Gedenken an diesen Akt des Hasses und die Solidarität mit den Opfern nicht die notwendige Bedeutung und Priorität genießen“. Der 22. Juli als Gedenktag müsse in das „kollektive Gedächtnis dieses Landes“ eingeschrieben werden. „Alles andere bedeutet, rechten Terror weiter zu verharmlosen und die Opfer aus der öffentlichen Erinnerung zu tilgen.“

Ilse Aigner (CSU,r.), bayerische Landtagspräsidentin, begrüßte beim Sommerempfang des bayerischen Landtags im Schloss Schleißheim die anwesenden Gäste im Schlosspark. Terroropfer Dijamant Zabërgja ging hier vor seinem frühen Tod oft und gerne spazieren.
Ilse Aigner (CSU,r.), bayerische Landtagspräsidentin, begrüßte beim Sommerempfang des bayerischen Landtags im Schloss Schleißheim die anwesenden Gäste im Schlosspark. Terroropfer Dijamant Zabërgja ging hier vor seinem frühen Tod oft und gerne spazieren. (Foto: Peter Kneffel)

Auf Nachfrage heißt es aus dem Landtag, man bedauere „zutiefst“, dass die Angehörigen der Opfer und Überlebenden des OEZ-Anschlags Schmerz empfänden wegen der Terminierung des Sommerempfangs. Dieser finde seit Jahrzehnten stets am Dienstag in der letzten Plenarwoche vor der sitzungsfreien Zeit im Sommer statt. Der Spielraum für Abweichungen sei äußerst gering, „auch weil der Landtag langfristig durch Verträge und Reservierungen gebunden ist“. Man werde nun auf die Familien zugehen und ihnen die Hintergründe der Terminfindung erklären. „Der Bayerische Landtag ist den Überlebenden und Angehörigen eng verbunden.“

Am 22. Juli 2016 ermordete ein 18-jähriger Rechtsextremist am OEZ sechs Jugendliche und drei Erwachsene. Seine Opfer wählte er nach rassistischen Kriterien aus. Als letzten erschoss er an diesem Tag den 20-jährigen Dijamant Zabërgja aus Oberschleißheim. Dessen Schwester ließ wenige Monate nach dem Tod ihres Bruders auf einer Gedenkfeier eine Rede verlesen. Sie erzählte darin, dass Dimo, wie sie ihren Bruder nannte, gerne im Schlosspark Schleißheim spazieren gegangen sei. Zu den Anwesenden sagte sie, wenn sie durch den Schlosspark gingen, „dann erinnern Sie sich an Dimo. Er würde sich freuen.“

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