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Fragen und Antworten:Tempo 30 auf Münchens Straßen - Sinn oder Unsinn?

Laut Oberbürgermeister Dieter Reiter gilt bereits auf 85 Prozent aller Straßen in München Tempo 30.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Zwischen Grünen und SPD ist ein heftiger Streit entbrannt über eine stadtweite Geschwindigkeitsbegrenzung. Wie ist der Vorschlag zu bewerten? Ein Blick auf die Fakten.

Von Andreas Schubert

Die Forderung der Grünen nach Tempo 30 auf Münchens Straßen hat im Rathaus zu Verwerfungen geführt. Denn die Koalitionspartnerin SPD lehnt dies strikt ab und warf den Grünen am Mittwoch gar "Autohass" vor. Oberbürgermeister Dieter Reiter erklärte, in der Stadt gelte bereits auf 85 Prozent aller Straßen Tempo 30, es bestehe kein Anlass, dies generell einzuführen. Über den Sinn und Unsinn des Tempolimits gibt es geteilte Meinungen.

Was sagt die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zu dem Vorschlag?

Was sagt die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG)

zu dem Vorschlag? "Allgemeines Tempo 30 lehnen wir ab, wo es nicht verkehrlich oder aus Sicherheitsgründen sinnvoll ist", teilt ein MVG-Sprecher mit. "Wir befürchten erhebliche Fahrzeitverlängerungen auf vielen Linien. Durch die längeren Fahrzeiten müssten mehr Fahrzeuge eingesetzt werden und es entstünde ein nicht finanzierter Mehrbedarf an Fahrzeugen und Fahrern." Die genauen möglichen Auswirkungen untersuche man derzeit. "Generell gilt aber: Zeitgemäß ist eine Beschleunigung des ÖPNV, nicht sein Ausbremsen", so der Sprecher.

Wo in München gilt bereits Tempo 30?

Wo in München gilt bereits Tempo 30? Das Straßennetz umfasst 1122 Kilometer, von denen vor allem in Wohngebieten etwa 330 Tempo-30-Zonen ausgewiesen sind. Seit einer Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO) Ende 2016 darf die Stadt auch auf Hauptverkehrsstraßen, an denen Kitas, Schulen, Pflegeheime oder Krankenhäuser liegen, die Geschwindigkeit auf 30 begrenzen - und dies tut sie auch. Vor Schulen gilt das Tempolimit montags bis freitags von sieben bis 18 Uhr. In jedem Fall soll darauf geachtet werden, dass die Maßnahme nicht zu Schleichverkehr durch Wohngebiete führt. Denn viele Autofahrer lassen sich zum Beispiel von Google Maps lotsen. Die Navigation zeigt stets den schnellsten Weg an und leitet Autofahrer oft über Nebenstraßen. Auch der ÖPNV soll nicht negativ beeinflusst werden.

Warum begrenzt die Stadt die Geschwindigkeit nicht überall?

Warum begrenzt die Stadt die Geschwindigkeit nicht überall? Die StVO sieht 50 Kilometer pro Stunde als Regelgeschwindigkeit vor. Ausnahmen muss eine Kommune begründen. Von der Möglichkeit, Tempo 30 an bestimmten Einrichtungen einzuführen, macht die Stadt München indes nicht überall Gebrauch. Es geht ihr auch um die Akzeptanz der Autofahrer. An dreispurigen, stark befahrenen Straßen "von entscheidender Bedeutung für das großräumige Verkehrsgeschehen in München" wie etwa die Landsberger- oder die Fürstenrieder Straße überwiegt nach Ansicht der Verwaltung das "allgemeine Interesse an einer Bewältigung des hohen Verkehrsaufkommens und der Beibehaltung eines flüssigen Ablaufs der hohen Fahrzeugdichte".

Was brächte ein reduziertes Tempo für die Verkehrssicherheit?

Was brächte ein reduziertes Tempo für die Verkehrssicherheit?

Bei Tempo 30 beträgt der Anhalteweg rund 18 Meter, bei 40 bereits 28 Meter, bei 50 rund 40 Meter. Das Risiko für Fußgänger, bei einem Unfall tödlich verletzt zu werden, steigt mit der Geschwindigkeit des Autos. Eine Studie der Universität Düsseldorf verweist auf die Physik, der zufolge die Aufprallenergie bei Tempo 50 etwa 2,8 mal größer ist als bei Tempo 30. Der Aufprall mit 50 entspricht einem Fall aus zehn Metern Höhe, bei Tempo 30 aus 3,6 Metern.

Nutzt es der Umwelt, wenn langsamer gefahren wird?

Nutzt es der Umwelt, wenn langsamer gefahren wird? Nicht zwangsläufig. Nach Angaben des Landes Baden-Württemberg hängt dies von verschiedenen Bedingungen ab. Testfahrten mit Tempo 30 und 40 unter realen Verkehrsbedingungen auf ebenen Hauptverkehrsstraßen in Stuttgart führten nicht zu einer Minderung der motorbedingten Emissionen. Andererseits wirbeln langsamere Autos weniger Feinstaub auf. Wenn Tempo 30 unter bestimmten Voraussetzungen dazu beiträgt, dass der Verkehr gleichmäßiger fließt, also weniger beschleunigt und gebremst wird, kann die Belastung durch Stickstoffdioxid sinken. Und auch die Lärmbelastung geht deutlich zurück, laut Umweltbundesamt um etwa die Hälfte. Verlängern sich die Fahrzeiten?

Wenn auf den Straßen nichts los ist, kommen Autofahrer in München natürlich mit 50 Kilometern pro Stunde flotter ans Ziel. Nach Angaben der Stadt sind aber bestimmte Strecken oft so belastet, dass sie unfreiwillig zur Tempo-30-Zone werden. Zwischen sechs und zehn Uhr morgens sowie zwischen 16 und 20 Uhr, herrscht zum Beispiel am Mittleren Ring eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 30.

Welche Städte wollen die Geschwindigkeit reduzieren?

Welche Städte wollen die Geschwindigkeit reduzieren? Überlegungen gibt es vielerorts. Zum Beispiel Freiburg will als erste deutsche Kommune die Geschwindigkeit innerorts generell auf 30 begrenzen. In Stuttgart gilt weitgehend Tempo 40, das macht der Luftreinhalteplan möglich. Auch Frankfurt plant Tempo 40. Und selbst in Paris soll dieses Jahr entschleunigt werden. Die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, hat mit dem Versprechen, dieses Jahr flächendecken Tempo 30 einzuführen, ihre Wiederwahl gesichert. Auf der Stadtautobahn, der Périphérique, soll dann nur noch Tempo 50 statt 70 gelten. Noch ist das Vorhaben nicht umgesetzt.

© SZ vom 05.02.2021/kafe
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