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Corona-Beschränkungen in München:"Heute alles voll und Montag Lockdown"

Coronavirus in Deutschland: Fußgängerzone in München während der Pandemie

Die Fußgängerzone in der Münchner Innenstadt ist am vergangenen Samstag gut besucht.

(Foto: Ralph Peters/imago)

Am Wochenende sind noch einmal viele Münchner in der Stadt unterwegs. Über letzte Restaurantbesuche, ein abschließendes Bier an der Isar und die Frage, was mit Blick auf die Coronazahlen vertretbar ist.

Von Philipp Crone

Ob er in einem moralischen Dilemma ist? Lukas setzt die Bacardi-Cola-Dose auf den Rasen neben seiner Decke ab, schaut an seinem Kumpel vorbei auf die Menschen am Isarufer, dann zu denen auf der Reichenbachbrücke, die am Samstagnachmittag noch die wirklich allerletzten Sonnenstrahlen mitnehmen wollen. Dann sagt der 24-Jährige: "Ja, irgendwie schon."

Lukas und Tausende andere sind am Samstag in der Stadt unterwegs. Der Viktualienmarkt ist voll, als gäbe es alles umsonst, in den Lokalen sind die Sonnenplätze restlos belegt und auf den Wegen, ob nun die Bürgersteige der Innenstadt, die an der Isar oder im Englischen Garten, sieht es aus, als wäre ganz München in Reih und Glied zu einem Grundschul-Wandertag aufgebrochen. Ist alles erlaubt. Aber ist es auch richtig?

Lukas nimmt die Dose hoch, setzt sie wieder ab und sagt: "Wir sind hier jetzt zwei Hausstände." Er sitzt neben seiner Freundin, der Kumpel ihm gegenüber. Außerdem sind sie an der frischen Luft. Er hat das Gefühl, dass das in Ordnung ist. Wobei das Gefühl, was in Ordnung ist, was richtig und gut ist, gerade mal wieder sehr unterschiedlich ausfällt in dieser Stadt, wahrscheinlich auch im ganzen Land und sogar auf dem ganzen Planeten. Und wie gehen die Leute damit um? Sind sie sauer, dass Montag wieder Lockdown ist? Ist es ihnen egal, weil sie es schon kennen? Halten sie sich an die Regeln? Ein Rundgang. Das Wochenenddilemma ging schon am Donnerstag los.

Da wurde in diversen Chatgruppen eingeladen. Zum Beispiel zur Halloween-Feier für Kinder mit Punsch am Samstag. "Kommt doch ab 17.30 Uhr vorbei", hieß es in einem Fall. "Schöne Idee, aber vielleicht der falsche Zeitpunkt?", war die Antwort, worauf sich eine Diskussion in den Chat ergoss. In einem Männer-Chat schrieb einer am Samstagmittag: "Am Viktualienmarkt ein paar Bier in der Sonne?" Biere in der Sonne sind für viele wunderbar, das ist bekannt. Viele Menschen auf einem Haufen ist für die Ausbreitung des Virus wunderbar, auch das weiß man. "Man merkt doch, wie die Gesellschaft funktioniert: Man hält sich an die Regeln, aber reizt sie aus", sagt einer aus der Männerrunde. Da sei schon die Frage, warum so viele sich gegen Vorgaben so wehren würden - und was passieren würde, wenn man der Eigenverantwortung der Menschen freien Lauf ließe.

Unten an der U-Bahn-Station Fraunhoferstraße tragen am Samstagnachmittag alle Maske. An einer der gelben Säulen steht ein Paar und küsst sich, durch zwei Masken. Zehn Meter weiter das gleiche Bild auf einer Bank. Und oben, zwei Meter vor der Rolltreppe, auf der alle vorbildlich je zwei Stufen Abstand voneinander halten, steht ein drittes Paar im Freien. Auch sie küssen sich ausgiebig, dann ziehen sie ihre Masken auf und gehen runter zum Gleis. Frühlings- und Pflichtgefühle lassen sich also durchaus vereinen.

Passanten genießen den warmen und sonnigen Herbsttag bei einem Spaziergang durch den herbstlichen bunten Hofgarten der

Tagsüber geht es auf den Wegen, wie im Hofgarten, zu wie beim Grundschul-Wandertag.

(Foto: Ralph Peters/Imago)

Hundert Meter von der Rolltreppe, in der Cordobar, sind alle Sonnenplätze besetzt, alle Schattenplätze leer, im Mucki & Floyd ein paar Meter weiter sitzen kurz nach Anpfiff der Fußball-Bundesliga vier Gäste in einem halbfertigen Schanigarten. Spontan oder geplant? "Stand im Kalender", sagt ein junger Mann und lacht. Die drei Frauen und er sind Arbeitskollegen und waren lange für den Tag verabredet. "Wir arbeiten ohnehin zusammen und sitzen draußen, in dem Rahmen ist es okay", sagt Anna, 30. Für Bella ist es sogar mehr als okay. Sie ist die Betreiberin des Lokals.

Bella und ihre Kollegen sind gerade dabei, den Garten zu überdachen, für die nächsten Monate. Dafür haben sie von Montag an dann viel Zeit. Sollen möglichst viele Münchner jetzt noch mal raus in Bars, Cafés und Kneipen? "Unbedingt!" Warum? "Weil sie auch in vier Wochen vielleicht noch eine gastronomische Vielfalt haben wollen."

Bei Bella steht auf einer Tafel, wie viel Schulden sich beim ersten Lockdown aufgehäuft haben, 24 409,61 Euro in zehn Wochen. Diesmal ist sie zumindest mit dem Ablauf einverstanden. "Beim ersten Mal wusste keiner, wie lange es dauert, da kamen immer noch einmal zwei Wochen dazu." Die Folge: Sie ließen Kühlungen und Geräte laufen, mussten sehr viel Essen und Getränke wegwerfen. Jetzt ist von Montag an alles zu und sie haben maßvoll eingekauft. Trotzdem hält sie die Regeln für falsch. "In der Gastronomie steckt sich kaum einer an", sagt sie und redet über jeden Einwand laut drüber.

An diesem Nachmittag wird viel diskutiert in der Stadt, über Trump und Fußball, aber vor allem über die Einschränkungen, und manche Gespräche laufen dann eben so. Gegenüber im Sax, das wie immer Fußball zeigt, ist man sich auf dem Ecksofa einig. Die Bayern führen längst, als Fabian den Besuch seiner zwei Freunde aus Aalen erklärt. "Erst Fußball, dann gehen wir noch mal essen. Das ist doch im Rahmen." Der 26-Jährige nickt seinen Freunden zu, als sie berichten, dass sie schon auch immer wieder darüber nachgedacht haben, wie man das Wochenende nun angeht. "Was wir machen, ist okay", sagt Fabian. Und was ist nicht okay? "Ein Rave mit 150 Leuten im Schlachthof, wie es ihn neulich gegeben hat." Lukas sitzt vor einem Bier und sagt: "Wenn wir uns alle ganz an die Vorgaben der letzten Monate gehalten hätten, bräuchten wir vielleicht jetzt diesen Lockdown nicht."

Er ist Stuttgart-Fan, Dauerkartenbesitzer auf der Stehtribüne, von der treuen Sorte. Er sagt: "Selbst wenn ich gekonnt hätte, wäre ich nicht ins Stadion gegangen." Aus Hygienegründen? "Es fehlt halt alles, was das Fansein ausmacht: die Freunde, das Biertrinken und die Fangesänge." Wobei der Viktualienmarkt an diesem Nachmittag durchaus als Stehtribüne light durchgehen könnte.

In den Lokalen rund um den Viktualienmarkt stoßen viele Münchner nochmal an.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Geräuschpegel ist beachtlich und das Gedränge ebenfalls. Manche führen noch einmal ihre Tracht aus, auch das würde man ja an einem normalen Wochenende Ende Oktober machen, die Afterwiesn-Trachtveranstaltungen besuchen. An den Tischen des Restaurants Hochreiter im Freien ist kein freier Platz, die Kellner tragen Champagner- und Sektflaschen rum, an einem Tisch sitzt Marina, 25, und sagt: "Es ist schon seltsam." Sie sind zu fünft, vier Frauen, ein Mann, die Damen gut geschminkt und so angezogen, dass man überall reinkäme. "Strange, heute alles voll und Montag Lockdown", sagt Marina. "Aber klar, jeder will noch einmal raus." Neben ihr sitzt Ramona, 24, die sagt: "Ich finde das nicht fair.

Hier ist alles geregelt, man ist im Freien, und in der U-Bahn ist es eng und voll." Und die U-Bahnen würden aber weiterfahren, die Lokale müssten schließen. Ramona ist mit der Familie am Sonntag verabredet, "wir gehen noch mal essen, mein Vater hat es Lockdown-Essen genannt." Auch Marinas Familie macht das. Hier sitzen im Übrigen zwei Hausstände zusammen, eine Dreier-WG und ein Pärchen. "Das ist doch in Ordnung", sagt Marina. Die Sonne sinkt, die Bayern führen 2:0, und auf der Reichenbachbrücke stellen sich die Menschen am Geländer auf, um den letzten sonnigen Abend vor den Einschränkungen zu genießen. Ein Pärchen steht da, eng umschlungen, eine Dreiergruppe um einen Kasten Bier oder ein Mann alleine mit Kopfhörern, das Skateboard ans Bein gelehnt und das Münchner Genießeretikett in der Hand: eine Augustinerflasche. Er schaut auf den Sonnenuntergang und runter an die Isar.

Da sitzt auch Lukas mit dem moralischen Dilemma. Als es längst dunkel ist, laufen weniger Menschen über die Bürgersteige, dafür sind sie nun besser kostümiert. Halloween-Kinder mit Masken sind unterwegs. Im Zephyr hockt ein Erwachsener in Skelett-Kostüm an der Bar und trinkt. Auch irgendwie ein Bild für diesen Moment, für diese Zeit. Alex Schmaltz hinter der Bar ist froh um jede Stunde, die er offenlassen darf. Und viele Gäste sind froh um jeden Drink und jedes Essen auf vorgewärmten Tellern. Die Burg Pappenheim ist voll mit Studenten, die vor Schnitzeln sitzen, die Bar Ménage ist gut besucht, das Klenze 17 sowieso.

In der Zephyr-Bar sitzt ein Skelett einsam an der Bar.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Aufregung ist allerdings kaum zu spüren an diesem Abend. Auch bei Lukas an der Isar nicht. Der 23-Jährige ist Barkeeper und hat zuletzt wochenlang selbst Stammgästen jeden Tag wieder sagen müssen, dass sie bitte ihre Maske aufziehen, wenn sie auf die Terrasse gehen. Er musste sich gefallen lassen, dass manche ihm den Mittelfinger zeigten. Lukas ist von Montag an arbeitslos, was er seit Donnerstag weiß. Er sagt: "Gut, dass die Regeln deutschlandweit einheitlich sind. Man musste ja einfach was unternehmen."

© SZ vom 02.11.2020/mmo
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