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München:Wen der neue Corona-Lockdown trifft

Sylvia Kaiser, eine ältere Dame, die eine Bratwurstbude auf dem Christkindlmarkt hätte

Sylvia Kaiser sieht eher schwarz für den diesjährigen Christkindlmarkt, auf dem sie normalerweise eine Bratwurstbude hätte.

(Foto: Florian Peljak)

Die harten Einschnitte könnten "in vielen Fällen zu einer Gefährdung der Existenz" führen, sagt OB Dieter Reiter. Und appelliert dennoch an die Münchner, solidarisch zu sein.

Von SZ-Autorinnen und Autoren

Bars und Restaurants müssen schließen, Theater, Konzerthäuser, Kinos Fitnessstudios, Hallenbäder und Sportvereine. Soziale Kontakte sollen noch strenger begrenzt werden auf maximal zwei Haushalte. Der Einzelhandel darf seine Waren unter strengen Hygienevorschriften weiter anbieten, Schulen und Kitas bleiben offen. Diese Beschlüsse der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten hat der Freistaat am Donnerstag übernommen. Sie gelten vom 2. November an für den ganzen Monat auch in München. Einzig bei der Maskenpflicht für Grundschüler wird die Stadt vorerst bis 11. November eine Ausnahme machen. Am Platz müssen die Kinder bis dahin keinen Mund-Nasen-Schutz tragen.

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) appellierte an die Münchner, solidarisch und rücksichtsvoll zu sein. Er sehe, dass die Maßnahmen "hart" seien und "in vielen Fällen zu einer Gefährdung der Existenz" führten. Deshalb sei es sehr wichtig, dass die angekündigten finanziellen Hilfen "möglichst schnell und unbürokratisch ausgezahlt werden". Auch in München infizierten sich immer mehr Menschen mit dem Virus. So viele, dass es für das Gesundheitsamt nahezu unmöglich sei, "alle Infektionsketten nachzuverfolgen und Menschen, die positiv getestet sind und deren Kontaktpersonen schnellst möglich in Quarantäne zu schicken", erklärte Reiter. Die Zahl der Münchner, die in den Krankenhäusern wegen des Coronavirus behandelt werden müssten, steige weiter an. Deshalb sei es so wichtig, die Zahl der Neuinfektionen zu reduzieren. Am Donnerstag wurden 308 neue Corona-Fälle in München gemeldet. Der Inzidenzwert, der die Zahl der Neuansteckungen in den letzten sieben Tagen je 100 000 Einwohner darstellt, stieg auf 125,6. Für die Stadt gilt deshalb weiter die Warnstufe dunkelrot. Der Krisenstab der Stadt wird sich an diesem Freitag mit den Beschlüssen und der Situation in München befassen. Dort wird auch die Situation der Weihnachtsmärkte zur Sprache kommen. Diese sind bisher noch nicht endgültig abgesagt, ursprünglich sollte etwa der Markt am Marienplatz am 23. November öffnen. Heiner Effern

Heißes Wasser, kalte Räume

(Foto: Robert Haas)

Ein bisschen Spuk muss sein. Und so sollen in regelmäßigen Abständen - wie von Geisterhand aufgedreht - die Duschen in den Münchner Hallenbädern mit hoher Temperatur lossprudeln: Thermische Desinfektion nennt sich das, damit keine Legionellen entstehen in den Leitungen der von Montag an geschlossenen Bäder. Das Ganze funktioniert per Fernsteuerung, berichtet Bäderchefin Christine Kugler. Es muss also niemand durch die leeren Räume streifen und alle Duschhähne aufdrehen. Das Wasser in den Becken wird nicht abgelassen - das lohnt sich nicht für vier Wochen angesichts der riesigen Menge und dem Aufwand, der für die Qualität betrieben wird. Die Umwälzanlagen bleiben auf niedrigster Stufe in Betrieb, damit sich keine Algen bilden. Um Energie zu sparen, wird allerdings die Heizung heruntergedreht - sowohl die für die Räume als auch die fürs Badewasser. Verwaist bleiben die Hallenbäder nicht, es gibt regelmäßige Besuche eines Wartungsdienstes. Die Gelegenheit, aufwendige Revisionen durchzuführen, nutzen die Stadtwerke diesmal nicht. Dafür war bereits im Lockdown des Frühjahrs Zeit, alles ist längst erledigt. Einen gigantischen Last-Minute-Andrang an diesem Wochenende erwartet Kugler nicht. Denn die Besucherzahlen sind schon seit gut einer Woche spürbar zurückgegangen - viele Münchner sind offenbar wegen Corona verunsichert. Dominik Hutter

Nicht gleich wieder zusperren

(Foto: Catherina Hess)

Stefan Stiftl hat so richtig Pech. Vor einer Woche erst eröffnete er das Lokal My Indigo am Oberanger 32. Es handelt sich dabei eigentlich um das Konzept einer Salzburger Systemgastronomiekette; man kann sich ziemlich gesunde Salat- und Gemüsebowls, Suppen und Currys nach eigenem Gusto zusammenstellen oder nach Karte ordern. Stiftl hat sich mit den Salzburgern zusammengetan und führt das Lokal mit seiner eigenen Gesellschaft. Am Donnerstag stand er vor der Entscheidung: ganz zumachen oder zum Abholen offenlassen? So kurz nach dem Start war aber bald klar: erst einmal weitermachen. "In den ersten Tagen waren eh schon viele Leute aus den umliegenden Büros da und haben sich zum Mittagessen schnell was geholt", erzählt er. Und dann ist das Konzept von My Indigo ja ohnehin darauf ausgerichtet, unkompliziert und schnell zu liefern; "to go" ist insofern seit jeher eines der Standbeine des Unternehmens. "Zur Not kann ich mich ja auch noch alleine hier reinstellen", sagt Stiftl und lacht. Zusätzlich wird er aber auch noch einen eigenen Lieferservice anbieten, schon am Freitagmittag hat er den passenden Fahrradverleih dafür gefunden, und so werden sich seine Mitarbeiter bei Bedarf wohl auch aufs E-Bike schwingen und die Bowls und Currys direkt in die Büros und Wohnungen liefern. "Fünf Tage aufsperren und dann gleich wieder einen Monat zumachen", meint Stiftl, "das wäre nichts für mich." Und die 75 Prozent vom Umsatz, die der Staat vielleicht als Verdienstausfall zahlen würde, wären für jemanden, der gerade erst angefangen hat, natürlich auch keine richtige Alternative. Franz Kotteder

Coworking in der VIP-Lounge

West in Grand Hotel in München bereitet sich auf Wiederöffnung nach Lockerungen in der Corona-Krise vor, 2020
(Foto: Catherina Hess)

"Wir haben viel gelernt, die letzten Monate", sagt Paul Peters. Der gebürtige Niederländer ist Complex General Manager vom Sheraton Arabellapark und vom The Westin Grand. Die beiden Hotels haben zusammen 1100 Zimmer und gehören zur Schörghuber-Gruppe. Natürlich sei das alles eine riesige Herausforderung gewesen, aber man habe gemeinsam mit anderen Hotels, die in der Munich Hotel Alliance zusammengeschlossen sind, dem Hotel- und Gaststättenverband und dem Wirtschaftsministerium ein schlüssiges Hygienekonzept erarbeitet, das sich bewährt habe. "Zuletzt hatten wir eine Auslastung von knapp 30 Prozent", sagt Peters, "ein gesunder Mix aus Touristen und Geschäftsreisenden." Auch ganz neue Modelle habe man ausprobiert: "Co-Working zum Beispiel, in unserer VIP-Lounge im 23. Stock, für 25 Euro am Tag." Längerfristige Vermietungen einzelner Zimmer, in Form von "serviced apartments" habe man vereinzelt auch gehabt, um die 30 Buchungen in den letzten Monaten. Das sei aber wirtschaftlich kaum zu machen. Peters rechnet nur mit einem langsamen Anstieg der Gästezahlen und auch dann erst, wenn der "Moment X, an dem ein Impfstoff oder ein wirksames Medikament zur Verfügung steht", da ist. Sollte das im März oder April 2021 der Fall sein, dann werde das internationale Publikum, eine wichtige Gästegruppe für seine Hotels, wohl auch erst Ende nächsten Jahres wieder kommen. Franz Kotteder

Kaum noch Hoffnung auf den Advent

Sylvia Kaiser, eine ältere Dame, die eine Bratwurstbude auf dem Christkindlmarkt hätte
(Foto: Florian Peljak)

Die Kaisers sind eine der bekanntesten Schaustellerfamilien Münchens. 1956 kamen sie mit einer Reitbahn erstmals auf die Wiesn, seither sind sie auf vielen Volksfesten vertreten. Die Fahrgeschäfte Skater, High Energy, Breakdance, Rio Rapidos und Predator gehören den Eltern Siegfried und Sylvia Kaiser oder ihren Kindern und Enkeln. Sylvia Kaiser hat normalerweise eine Bratwurst- und Imbissbude auf dem Christkindlmarkt. An diesem Freitag will die Stadt bekanntgeben, ob er heuer stattfindet, aber Kaiser sieht da eher schwarz: "Wenn es schon in Nürnberg keinen Christkindlesmarkt gibt..." Natürlich sei dieses Jahr furchtbar gewesen, meint sie, über ganz Deutschland verstreut habe man nur hier und da mal gastieren können, meist war das die Enkelin mit ihrer Bratwurstbude. Und beim "Sommer in der Stadt" waren die Kaisers immerhin im Olympiapark mit der Wildwasserbahn Rio Rapidos vertreten. "Aber im Wesentlichen haben wir natürlich in diesem Jahr vom Ersparten gelebt", sagt Sylvia Kaiser, "man muss da halt zusammenhelfen, als Familie." Dabei wirkt sie durchaus zuversichtlich, sie ist eine Frau, die so leicht nichts umwirft: "Wir haben es eigentlich ziemlich gut hinbekommen, am schlimmsten war für mich eigentlich das Warten, bis eine Entscheidung fällt, die Ungewissheit." In den Christkindlmarkt hat sie schon investiert: Desinfektionsspender, Plexiglasscheiben, Abgrenzungen, aber auch die Soßen für die Currywurst. "Das Essen hätte es bei uns sowieso nur in der Semmel gegeben, to go." Die beiden Feuertische, sonst sehr beliebt bei den Gästen, wären dieses Jahr ohnehin im Lager geblieben, sagt Kaiser. Franz Kotteder

Fitnesstraining vor dem Bildschirm

(Foto: Gino Dambrowski)

Jetzt ist wieder Trainingspause angesagt. Auf der Homepage des Fitnessstudios "Körperlounge" in der Maxvorstadt erscheint als erstes eine Mitteilung: Auf Anordnung müsse man das Studio für den gesamten November schließen. "Bleibt gesund!", wünscht das Team seinen Mitgliedern noch. Der Inhaber Matias Funes bereitet sich nun auf die Schließung vor. "Dieses Mal hat man den Rückblick auf den ersten Lockdown", sagt er. Die Überrumpelung sei also nicht mehr so groß gewesen. Nach einem kurzen "Freak-out" habe er, sobald er die Nachricht von der erneuten Schließung gehört hatte, sofort angefangen, über Lösungen nachzudenken. Das Studio selbst muss er zusperren, aber im Internet geht es weiter. Schon in der ersten Corona-Zeit habe er für die Mitglieder, die es wollten, Online-Sessions angeboten. Sein Studio ist auf individuelles Training spezialisiert. Im Moment dürfen nur zwei Menschen gleichzeitig mit Voranmeldung im Studio trainieren - mit Abstand und Trennwand. Die Trainer seien die ganze Zeit mit Maske im Saal. Außerdem werde konstant desinfiziert und gelüftet, erzählt Funes. Trotzdem habe er in diesem Sommer, normalerweise die Zeit, in der die Menschen etwas für ihre Figur tun wollten, kaum neue Mitglieder gewinnen können. Jetzt hofft der Fitnesstrainer, dass ihm keine Mitglieder abspringen - und setzt auf "individuelle und flexible Lösungen" für die Abos. "Ich versuche, positiv zu bleiben", sagt er. Seine Hoffnung: Dass es nach einem Monat wieder weiter gehen kann. Ekaterina Kel

Systemrelevantes Sportangebot

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Pia Kraske ist unter Strom. Die 58-Jährige ist Geschäftsführerin des ESV München, mit 8000 Mitgliedern und 28 Sparten der größte Breitensportverein der Stadt. An diesem Montag soll das Kinder-Ferienprogramm beginnen, 65 Anmeldungen gibt es. "Systemrelevant" nennt Kraske ihren Klub bezüglich dieses Angebots, denn viele Eltern haben ihren Jahresurlaub durch die Pandemie längst aufgebraucht. Sie müssen sich nun wohl umorientieren, nachdem die Bundesregierung dem Breiten- und Freizeitsport am Mittwoch erneut den Stecker gezogen hat: "Nach summarischer Prüfung der mir zugänglichen Infos werden wir die Ferienbetreuung absagen müssen", sagt Kraske. Die mehr als 50 Festangestellten muss sie außerdem wohl erneut in Kurzarbeit schicken, den Mitgliedern wie schon im Frühjahr Digitalangebote nach Hause ins Wohnzimmer senden. "Auch unsere älteren Aktiven waren so glücklich, wieder in die Kurse zu dürfen, und jetzt ist wieder alles dicht", sagt Kraske: "Ich habe totales Verständnis für die Maßnahmen, dachte aber nicht, dass sie so hart werden." Beim ESV gab es bislang nur vier Coronafälle, die Konzepte sind gut, eine Maskenpflicht hatte der Klub schon eingeführt, als diese noch gar nicht verpflichtend war. Draußen vor der Tür steht außerdem ein teurer Sanitärwagen. Das alles ist erst einmal hinfällig. "Die soziale Interaktion fällt komplett weg", sagt Kraske. Die Austritte beim ESV bewegen sich bislang immerhin im üblichen Rahmen. Die Frage ist: Wie lange noch? Sebastian Winter

Proben für den Dezember

Christian Stückl erhält Abraham-Geiger-Preis in München, 2020
(Foto: Stephan Rumpf)

Hört man sich in der Münchner Theaterszene um, ist das vorherrschende Gefühl ein Eindruck von Willkür. Willkür der Politik darüber, was offen bleiben darf und was nicht. Immerhin sieht es so aus, als ob wenigstens der Probenbetrieb und die Arbeit in allen Werkstätten weiterlaufen kann. Anders als im Frühjahr, als Proben nur per Video möglich waren, können Produktionen jetzt einstudiert, die für November geplanten Premieren im Dezember nachgeholt werden. Am Volkstheater etwa können Tickets jetzt auf spätere Termine umgebucht werden. Ins Internet wird das Volkstheater zumindest nicht umziehen. "Wir leben vom Applaus des Zuschauers", sagt Christian Stückl, "im Internet versagen wir eigentlich." Natürlich sei er bereit, im Sinne der Allgemeinheit diese Maßnahmen mitzutragen. Dennoch herrscht bei ihm wie bei vielen seiner Kollegen das Gefühl, dass ihre Anstrengungen nicht gesehen wurden. Die Hygienekonzepte, die aufwendig umgesetzt und für effektiv befunden wurden. Stückl verweist dann aber noch auf die Häuser, die wenig bis keine Unterstützung erhalten. Besonders hart wird das vierwöchige Spielverbot für die Freie Szene und die ganz kleinen Theater, wie etwa das "Theater Undsofort", das "Tams" oder "DasVinzenz", die vor allem von Zuschauereinnahmen leben. Sie hatten sich mit Kreativität noch irgendwie durch die vergangenen Monate laviert und vor einer Handvoll Menschen gespielt. Bei ihnen geht es spätestens jetzt um die schiere Existenz. Christiane Lutz

© SZ vom 30.10.2020/van

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