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Politik in München:"Tauben zu hassen, führt nicht dazu, dass deren Zahl sinkt"

Tauben am HBF

Volles Haus: Am Hauptbahnhof, vor allem auf der Nordseite, sind nach wie vor ungewöhnlich viele Tauben zugange.

(Foto: Catherina Hess)

Im Umgang mit den Tieren deutet sich ein Umdenken an: Die Grünen wollen die Population mit Vogelhäusern kontrollieren. Dort sollen die Tauben mit Futter versorgt und immer mal wieder ein Ei gestohlen werden.

Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Das Taubensterben am Hauptbahnhof vom vergangenen Herbst nach der Schließung des Taubenschlags auf dem Bahnhofsdach könnte mittelfristig zu einer Änderung der städtischen Strategie im Umgang mit den Vögeln führen. Denn der Tierschutzbeauftragte im Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Arne Brach (Grüne), hat nun im Gremium mehrere Anträge dazu durchgesetzt - mit dem Ziel, dass die Stadt die Zahl der Taubenschläge beträchtlich erweitert. Allein auf Kooperationen zu setzen mit Eigentümern, die Dächer zur Verfügung stellen, reiche langfristig nicht aus, um Erfolge bei der Reduzierung der Population zu erzielen, sagte Brach, der auch Fraktionssprecher der Grünen ist. "Auf öffentlichen Plätzen können wir uns daher auch Taubentürme vorstellen."

Die einen hassen sie, die anderen möchten ihnen helfen. Auch der sonst meist einmütig abstimmende BA Ludwigsvorstadt- Isarvorstadt zeigte sich, was Stadttauben angeht, vor Polarisierung nicht gefeit. Sowohl die SPD als auch die CSU wollten die Taubenproblematik nicht so lösen, wie Brach sich das vorstellt: nach dem Augsburger Modell, welches vorsieht, die Tauben an den Schlägen mit artgerechtem Futter zu versorgen, und, wenn sie brüten, ihnen immer mal wieder ein Ei zu stehlen.

Tauben seien Schädlinge, in ihrem Kot tummelten sich Bakterien und Pilze, sie würden deshalb von professionellen Taubenabwehr-Firmen bekämpft, erwiderte CSU-Fraktionschef Rudi Cermak. Maßnahmen wie Taubenhäuser brächten da nicht den gewünschten Erfolg. "Wir wollen keine Krankheitsüberträger mit gesundem Futter verhätscheln", sagte Cermak. "Oder hat man jemals eine Rattenplage in den Griff bekommen, indem man Rattenhäuser baut und artgerechtes Futter ausbringt?"

Die Anträge zum Wohl der Tauben wurden trotzdem beschlossen, die Fraktion Grüne und Rosa Liste hat im Ausschuss die Mehrheit. "Tauben zu hassen, führt nicht dazu, dass deren Zahl sinkt", reagierte Brach auf die Einwürfe. "Um das hinzubekommen, muss man Tauben entsprechend betreuen und damit auch wertschätzen."

Tauben zum Abschuss freizugeben, wie es in Bahnhöfen gemacht wird, wenn Fahrgäste sich über Taubenplagen beschweren, ist laut Brach nicht mit dem Tierschutzgesetz in Einklang zu bringen: Der Grünen-Fraktionssprecher setzte auch einen Antrag durch, die Stadt solle konkrete Zahlen dazu nennen und Auskunft darüber geben, wann und wo in den vergangenen sechs Jahren in München und insbesondere im Stadtviertel Tauben abgeschossen und wie die Genehmigungen dafür begründet worden seien. Laut Tierschutzgesetz dürfe niemand Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. "Ein vernünftiger Grund ist bestenfalls dann gegeben, wenn es keine Alternativen gibt und wenn von den Tieren eine unmittelbare Gefahr ausgeht."

Brachs Recherchen zufolge wird die Zahl der Tauben in München auf 40 000 bis 100 000 geschätzt. Innenstadtbezirke, vor allem der Hauptbahnhof, aber auch andere Bahnhöfe und Plätze mit Gastronomie seien Magneten für verwilderte Brief- und Hochzeitstauben, sagte Brach. Als ortstreue Tiere nisteten sie in deren Umfeld und vermehrten sich dort. Nach seinem Dafürhalten könne nur in Taubenhäusern nach dem "Augsburger Modell" die Population kontrolliert und tierfreundlich verkleinert werden. Seine Rechnung: Bei 150 Brutpaaren pro Schlag seien also 130 bis 330 Taubenhäuser in München nötig. Aktuell gebe es aber nicht einmal 20 Taubenhäuser in der Stadt.

Die Verwaltung wird nun gebeten, ein Gesamtkonzept "zur Gesundheitsförderung von Tauben und der Reduzierung ihrer Gesamtzahl vorzulegen". Die Lokalpolitiker wünschen sich darüber hinaus eine Schätzung der Zahl der Tauben im Stadtviertel und eine Einschätzung der Verwaltung, wo begehbare Taubenschläge nötig wären.

Das Stadtteilgremium hat der Verwaltung einige mögliche Standorte zur Prüfung vorgelegt, wo es sich begehbare Taubenschläge für eine Betreuung nach dem Augsburger Modell wünscht: Drei Taubenhäuser sollen direkt am Hauptbahnhof entstehen, weitere auf der Nordseite der Paul-Heyse-Unterführung, an der Ecke Landwehr- und Paul-Heyse-Straße, am St.-Pauls-Platz, alternativ oder zusätzlich auf der Ostseite der Theresienwiese, an den Ecken Lindwurm- und Kapuzinerstraße sowie Lindwurmstraße und Sendlinger Tor. Im BA hieß es auch, man hoffe darauf, dass die Verwaltung sich nicht mangels geeigneter Dächer und kooperativer Eigentümer mit dem Status quo abfinde. Im Zweifel sollten auf öffentlichem Grund, zum Beispiel auf der Theresienwiese oder dem Bahnhofsplatz, freistehende Taubentürme, etwa Holzhäuser auf Sockeln, errichtet werden.

© SZ vom 15.04.2021/baso, van
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