Wie schön ich doch bin: Heute würde ein Narziss wie Dorian Gray wohl notorisch Selfies posten, auf Tiktok oder Instagram, und dann minütlich die Likes checken. Und doch, die KI, die hinterhältige, sie könnte sein altersloses Antlitz im Bruchteil einer Sekunde entstellen, ihn im Netz zum Greis werden lassen, ihn bloßstellen. Deepfake.
Die menschliche Eitelkeit, diese manische Sehnsucht nach ewiger Jugend um jeden Preis, das manipulative Ausnutzen dieser Schwäche. Oscar Wilde, selbst talentierter Dandy, beschrieb schon 1890 im Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, wohin übersteigerter Ich-Kult, ein Hyper-Ästhetizismus führen können. Dorian Grays Wunsch, das Porträtbild möge statt seiner altern, verkehrt sich zum Fluch. Jetzt bringt Enrique Gasa Valga mit seiner Limonada Dance Company Wildes Kultbuch als Tanzstück auf die Bühne des Deutschen Theaters.
Wer die choreografische Handschrift des Katalanen mag – am Münchner Haus waren beispielsweise schon seine Tanzmusiktheater über Frida Kahlo und Romy Schneider zu sehen – der kann sich freuen: Denn nach Dorian Gray (Premiere: 13. Mai) stehen im Juli und August mit „Der Fall Wagner“ und „Carmen“ zwei weitere Deutschlandpremieren auf dem Spielplan des Deutschen Theaters.

Um Schönheit und Verfall geht es auch hier: Nach sechs Jahren wird John Neumeiers „Kameliendame“ ins Programm des Bayerischen Staatsballetts zurückkehren (Start: 12. Mai). Und das Wiedersehen mit dieser Tanzproduktion wird ein besonderes sein. Denn in der Spielzeitpremiere und auch in der Vorstellung am 15. Mai tanzt Ivan Liška, der das Staatsballett von 1998 bis 2016 leitete, die Partie des Monsieur Duval. Eine Vaterrolle für den 75-Jährigen, der selbst einst Erster Solist in John Neumeiers Hamburg Ballett war. Und ein Part, der in diesem Handlungsballett nach dem Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren (veröffentlicht 1848) von großer dramaturgischer Bedeutung ist. Vater Duval besucht Marguerite Gautier, die Geliebte seines Sohnes Armand, und fordert die Prostituierte auf, den Junior zu verlassen. Der Ruf der Familie stünde auf dem Spiel. Aus Liebe bringt die schwerkranke Marguerite dieses Opfer, von dem Armand erst nach ihrem Tod erfahren wird.
Operngängern kommt die Geschichte natürlich irgendwie bekannt vor, denn auch Giuseppe Verdi hatte Gefallen an Dumas Roman gefunden. Doch Neumeier, inzwischen 87, hat für sein Ballett Chopin vorgezogen, und nicht Musik aus Verdis Oper „La Traviata“. Auch nicht jene aus Puccinis „Manon Lescaut“, die auf einem Roman von Antoine-François Prévost (1731) basiert und wiederum in Dumas Buch zitiert wird. Und in Neumeiers Ballett. Roman im Roman, Theater im Theater, Ballett im Ballett. Ehe das hier jetzt alles zu kompliziert wird: Die „Kameliendame“ ist sicher eine der schönsten Arbeiten John Neumeiers, am Staatsballett jetzt im Mai zu sehen und dann wieder im Juli und September.

Karl Reinisch ist über 80, in den 1970ern unter John Cranko war er Ensemblemitglied des Bayerischen Staatsballetts. Nach seiner Karriere führte er lange Jahre eine angesehene Ballettschule in Graz, die er inzwischen geschlossen hat. Was bleibt von seinem Lebenswerk? Was kommt jetzt? Nun, nach fünfzig Jahren ohne öffentliche Auftritte kehrt Reinisch auf die Bühne zurück. Zusammen mit dem um 50 Jahre jüngeren Grazer Sascha Paar. Der war bis 2023 Ensemblemitglied am Theater Chemnitz. Dann zog es ihn nach München, wo er als Performer in Stücken von Johannes Härtl und Ceren Oran auftrat. Auch mit Choreografen wie Ohad Naharin, Marco Goecke oder Alexander Ekman hat er zusammengearbeitet.
Mit Heimatkörper stellt Paar nun sein choreografisches Debüt in München vor. Uraufführung ist am 12. Juni im HochX an der Entenbachstraße 37. Er und Karl Reinisch, ein junger und ein alter Körper, treffen hier aufeinander, umkreisen sich tastend und schlagen eine Brücke zwischen den Generationen. (weitere Vorstellung am 13. Juni)

Jugend und die Leichtigkeit des Seins. Zumindest sieht es danach aus, wenn die Tänzerinnen und Tänzer von Lord of the Dance über die Bühne hüpfen. Auf ihrer Jubiläumstournee – 30 Jahre gibt es zu feiern – machen sie mit ihrer Show auch in München Station. Am 22. Mai werden sich in der Olympiahalle auch die Nachfolger von Michael Flatley, dem charismatischen Großmeister des irischen Stepptanzes, präsentieren. Doch werden die Nachwuchskräfte Macaulay Selwood und Lucas Lawton den Geschwindigkeitsrekord des alten Tanzlords brechen können?


