Von der Kunst der Bewegung:"In meinen Augen sind alle Künstler"

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Von der Kunst der Bewegung: Sara Ladwig nennt sich als Künstlerin Diosa. Mehrmals täglich tanzt sie irgendwo in München. "Das ist die gesündeste Sucht, die ich habe", sagt sie.

Sara Ladwig nennt sich als Künstlerin Diosa. Mehrmals täglich tanzt sie irgendwo in München. "Das ist die gesündeste Sucht, die ich habe", sagt sie.

(Foto: Catherina Hess)

In der U-Bahn, auf Straßenkreuzungen, im Bus: Vor drei Jahren begann Sara Ladwig, 22, in der Öffentlichkeit zu tanzen - und fand dadurch immer mehr zu sich selbst. Eine Geschichte über Mut

Von Elisabeth Fleschutz

Sara Ladwig, 22, steht mit geschlossenen Augen auf dem Marienplatz, der Mund ist leicht geöffnet. Sie trägt große Kopfhörer. Die kurzen schwarzen Haare fallen ihr in die Stirn, als sie den Kopf hin- und herschwingt. Ihr Körper folgt der Bewegung, das lange weiße Kleid weht im Wind, ihren Mantel hat sie trotz der Kälte ausgezogen. Je länger sie tanzt, desto mehr Passanten drehen sich zu ihr um. Manche lachen, andere verziehen keine Miene. Einige bleiben stehen, beobachten sie, filmen sie sogar. Und doch lässt das geschäftige Treiben sich nicht lange stören. Ob die Tänzerin davon etwas mitbekommt, ist schwer zu deuten. Sie scheint in eine ganz eigene Welt abgetaucht zu sein. Dann öffnet sie die Augen, nimmt die Kopfhörer ab, zieht ihren Mantel an. Es ist es wieder ein ganz normaler Dienstagnachmittag.

Ein paar Tage früher, Sendlinger Tor. Sara tanzt schon auf dem Weg zum Interview. Sie trägt sie einen lila Lidstrich, die Kopfhörer sind an einer Seite geklebt. Sara tanzt meistens, wenn sie ohnehin unterwegs ist. Ein paar Mal hat sie sich eine Erlaubnis besorgt, um in der Münchner Innenstadt zu tanzen, aber hauptsächlich tut sie es einfach in der U-Bahn, im Bus oder auf der Straße. Oft mehrmals täglich. "Das ist die gesündeste Sucht, die ich habe", sagt sie und lacht, während die Zigarette in ihrer Hand zum vierten Mal ausgeht.

Was passiert, wenn ich jetzt lostanze? Hier am Stachus?

"Diosa" nennt sich die 22-Jährige, die vor drei Jahren anfing, öffentlich zu tanzen, und dann einfach nicht mehr damit aufhörte. Als sie am Stachus auf einen Freund wartete, fragte sie sich: Was passiert, wenn ich jetzt lostanze? Auf einmal war die Neugierde stärker als die Angst. Also legte sie los, "vorsichtig wahrscheinlich", und merkte: Da passiert nichts Schlimmes.

In dieser Lebensphase war die Münchnerin Teil des International Munich ArtLab (kurz IMAL) Musiktheaters, eines zweijährigen "Auffangprojekt für lost kids", wie Sara es nennt. Verloren fühlte sie sich vorher tatsächlich. Obwohl sie schon immer kreativ war und gerne tanzte, hatte Sara nach dem Abitur ein Philosophiestudium angefangen. In einem kreativen Beruf sah sie keine Zukunftsperspektive, hatte kaum kreative Vorbilder um sich. Um ihrer Leidenschaft nachzugehen, brauchte sie einen kleinen Stupser: Als Sara von der Mutter eines Freundes zur Poledance-Stunde gefahren wurde, sagte diese über ihren eigenen Sohn: "Ich könnte mir nicht vorstellen, dass er Philosophie studiert. Der muss sich erst mal ausprobieren." Am nächsten Tag tanzte Sara im IMAL vor.

Selbstbewusstsein, Mut, Intuition, mit diesen Themen beschäftigt sich Sara Ladwig häufig

Diesen Stupser will Sara nun weitergeben. "Das schafft eigentlich keiner alleine", sagt sie über den Mut, sich kreativ auszudrücken. Mit ihren Performances will sie andere dazu ermutigen. "In meinen Augen sind alle Künstler, wir alle erschaffen irgendwas. Ich möchte auch Anwälte oder andere Menschen, die nicht als künstlerisch angesehen werden, inspirieren, sich auszuprobieren."

"Göttin" bedeutet der Name Diosa auf Spanisch, der Nachname ihrer Mutter, die Kolumbianerin ist. Am liebsten würde Sara den Namen auch offiziell annehmen, vorerst ist es "die größte Ehre", ihn als Künstlername zu tragen. Es ginge ihr dabei auch um die Göttin in jedem. Das sei für sie eine Metapher für die eigene Intuition.

Selbstbewusstsein, Mut, Intuition, mit diesen Themen scheint sie sich viel zu beschäftigen. Das ist vielleicht unumgänglich, wenn man sich in der Öffentlichkeit so verletzlich macht wie Sara. Oft bewundern andere, dass sie sich traut, überall zu tanzen. Dass es ihr egal sei, was andere von ihr denken. Sie beschreibt es als einen schleichenden Prozess: "Das war nicht immer so, für mich war das lange eine Überwindung." Inzwischen sei das Tanzen auf der Straße oder in der U-Bahn zu ihrer Komfortzone geworden. "In dem Moment mag es aussehen, als sei ich unzerstörbar." Dabei sei das einfach Gewohnheitssache. "Ich zeige eine Seite an mir, mit der ich mich inzwischen sehr wohlfühle", erklärt sie.

Aber auch heute koste es sie manchmal noch Überwindung, anzufangen. Dann beginnt sie mit kleinen Bewegungen. Wenn sie merkt, dass sie nicht bei der Sache ist, sagt sie sich, dass sie gerade in ihrem Trainingsraum ist: "Weil ich keinen habe. Und weil ich das Recht habe, mich zu entfalten." Zwar gebe es manchmal auch skeptische Reaktionen oder sogar Menschen, die sie bitten, aufzuhören, die positiven überwiegen aber.

Ganz besonders seien für sie die Reaktionen von Kindern. "Die sind einfach ehrlich und unverblümt", sagt Sara. Sie lachen oder ahmen ihre Bewegungen nach, anders als viele Erwachsene, die sich häufig nicht trauen, ihr offenkundig zuzusehen. "Da weiß ich immer, dass ich das Richtige mache." Kinder stellen aber auch sehr ehrliche Fragen. So habe eine Neunjährige sie, die im Sommer auch gerne in freizügiger Kleidung tanzt, einmal ganz unschuldig gefragt, ob sie eine Stripperin sei. Da sei die sonst sehr direkte Sara dann doch kurz ins Straucheln gekommen. "Ich habe dann versucht zu erklären, dass ich einfach so bin, wie ich bin", sagt sie.

"Dabei vergessen wir, wie viel Spaß es machen kann, auf die Impulse zu hören, die unser Körper uns gibt."

Seit Kurzem lädt sie auch Bilder von sich beim Tanzen bei BestFans hoch, die auf Instagram wegen zu viel nackter Haut gelöscht werden würden. Warum tut sie das? "Es ist für mich etwas ganz Normales, mich auch ohne Kleidung zu zeigen. Die Art und Weise, wie wir mit Nacktheit in Berührung kommen, finde ich verzerrt." Sie will mit den Bildern eine Gegenbewegung dazu anregen. Und sie verlangt Geld dafür. Ob ihr Publikum das auch richtig versteht? "Natürlich darf das auch was mit einem machen. Es ist ja auch in uns verankert, dass es sexy ist, wenn jemand nackt ist." Aber Sexualität solle, genau wie Tanz, von dem Druck frei sein, funktionieren zu müssen oder für andere etwas richtig machen zu wollen. "Dabei vergessen wir, wie viel Spaß es machen kann, auf die Impulse zu hören, die unser Körper uns gibt."

Nächstes Jahr möchte Sara Bewegungspädagogik, Tanz und soziale Arbeit studieren. Um sich auch nach den zwei Jahren im IMAL finanziell über Wasser zu halten, arbeitete sie in den vergangenen Jahren im Einzelhandel, der Gastronomie und inzwischen in der Pflege. Da ihre Kunst im öffentlichen Raum so sichtbar ist, wird sie immer mehr von anderen Kulturschaffenden angesprochen und ist Teil von Gruppenprojekten und -inszenierungen.

Für eine Performance auf einer Straßenkreuzung übernahm sie die choreographische Leitung

Beispielsweise engagiert sie sich im Kollektiv "Die Städtischen". Bei einer Performance des Kulturkollektivs auf einer Straßenkreuzung übernahm Sara zum ersten Mal die choreographische Leitung und legte damit einen wichtigen Grundstein für sich als Performerin. Die Gruppe sei für sei inzwischen wie eine Familie geworden. "Wir halten überall in München Ausschau nach Plätzen, die wir zum Leben erwecken können."

Denn die Kultur habe gerade jetzt eine wichtige Aufgabe: Nähe schaffen. Man merkt Sara an, wie traurig sie darüber ist, dass die kulturellen Angebote so unter der Pandemie gelitten haben. Dabei bräuchten die Menschen sie vor allem jetzt, sagt sie. Mit einem Selbstvertrauenstraining, das in einem Tanztheaterstück münden soll, will sie 2022 ihren Teil dazu beitragen. Dafür erhält sie eine Förderung des Stipendienprogramms "Junge Kunst und neue Wege" des Bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Wissenschaft.

Nachdem Sara auf dem Marienplatz getanzt hat, kommt eine junge Frau auf sie zu. "Ich fand es so schön, wie du getanzt hast. Wenn ich mehr Zeit hätte, hätte ich gerne mitgemacht", sagt sie schüchtern. Sie tauschen Instagram-Namen aus. Solche Reaktionen seien für sie das Allerschönste, sagt Sara. Wenn sie Leute dazu bewegt, auch tanzen zu wollen.

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