Was läuft im Tanz in MünchenLustvolle Schleimerei in den Kammerspielen

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Unter der Schleimdusche: (von links) Ann Muller, Katharina Bach, Martin Weigel und Dennis Fell-Hernandez in Doris Uhlichs Performance „Glitsch“ an den Kammerspielen.
Unter der Schleimdusche: (von links) Ann Muller, Katharina Bach, Martin Weigel und Dennis Fell-Hernandez in Doris Uhlichs Performance „Glitsch“ an den Kammerspielen. Judith Buss

Doris Uhlich hinterfragt mit „Glitsch“ normierte Körperbilder,  Zufit Simon lädt in den „Fight Club“, und beim Dok-Fest  geht der Tanz in den Widerstand.

Von Jutta Czeguhn

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„Bella Figura“ - stilvoll treten sie auf in Jiří Kyliáns gleichnamigem Ballett, das nun noch einige Male im April und dann wieder im Juni im Rahmen des Triple-Abends Common Ground am Bayerischen Staatsballett zu sehen ist. Da tanzen die weiblichen Compagnie-Mitglieder in feuerroten Bauschröcken, mit nackten Oberkörpern. Nichts wabbelt da, sie alle haben die Anatomie von Leistungssportlerinnen, sehnig, muskulös und sehr schmal, ästhetisch bellissima – und genormt.

Stilvolle Nacktheit: Tänzerinnen des Bayerischesn Staatsballetts in Jiří Kyliáns „Bella Figura“.
Stilvolle Nacktheit: Tänzerinnen des Bayerischesn Staatsballetts in Jiří Kyliáns „Bella Figura“. S. Gherciu

„Waaas? Du willst tanzen, mit deiner Figur?“ Doris Uhlich, aufgewachsen in Oberösterreich, musste sich das als Kind anhören, davon erzählt sie in Interviews. Manche Mädchen werden durch solche brutalen Schmähungen in die Magersucht oder Bulimie getrieben. Nicht so Uhlich. Sie ließ sich nicht beirren, auch wenn sie sich später, um in Wien zum Studium der Pädagogik für zeitgenössischen Tanz aufgenommen zu werden, 20 Kilo herunter hungerte. Nur um dann festzustellen, dass sie sich in ihrem Körper fremd fühlte.

Uraufführung an den Kammerspielen
:Samuel Koch tanzt aus der Reihe

Ein Sinnbild auf den geistigen Widerstand gegen die physische Ordnung: Was Doris Uhlich mit ihrem neuen Tanzdrama im Schauspielhaus der Kammerspiele gelingt und was nicht.

SZ PlusVon Rita Argauer

Heute ist die Österreicherin, Jahrgang 1977, eine international renommierte, vielfach ausgezeichnete Choreografin. 2024 etwa war sie Teil der Eröffnungsveranstaltung zum europäischen Kulturhauptstadtjahr in Bad Ischl. Ausgerechnet in der puderzuckrigen Kurstadt zeigte sie ihren „Pudertanz“. Skandal, Skandal! Uhlich ließ nackt ihr Fett tanzen, wie sie es nennt, und brachte zu den Klängen von Vivaldis Winter aus den „Vier Jahreszeiten“ auch Menschen jenseits gängiger Schönheitsideale auf die Bühne.

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Welche Körper verdienen es, nackt gezeigt zu werden? Mit ihren Arbeiten hinterfragt Doris Uhlich normierte Körperbilder, und die Machtstrukturen, die dahinterstecken. Nach „Habitat – pandemic version“ und „In Ordnung“ kehrt die Choreografin mit einem neuen Stück an die Kammerspiele zurück. Glitsch heißt es, und ja, es wird schleimig zugehen. Aus dem Kammerspiel-Ensemble tauchen Katharina Bach, Erwin Aljukić, Dennis Fell-Hernandez, Martin Weigel, Elias Krischke und Tänzerin Ann Muller ein in rutschige Welten aus Schleim.

Der sei weder fest noch flüssig, werde von allen Körpern produziert und unterlaufe Körpergrenzen, beschreibt es Uhlich. „Während in unserer Gegenwart Zwischenwelten zunehmend austrocknen, wird ‚Glitsch‘ zum lustvollen Gleiten.“ Zu erleben am 23. April in einer offenen, zum Mitschleimen einladenden Probe, und dann bei der Premiere am 25. April. Weitere Termine: 28. April, 11. Mai und 7. Juni.

Ein Tanz über den Kampf: das Stück „The Fight Club“ der Münchner Choreografin und Tänzerin Zufit Simon.
Ein Tanz über den Kampf: das Stück „The Fight Club“ der Münchner Choreografin und Tänzerin Zufit Simon. Oliver Look

Eine, die ebenfalls Körperbilder, Machtverhältnisse und Geschlechterstereotype befragt und dekonstruiert, ist die Münchner Choreografin Zufit Simon, die im Schwere Reiter am 29. und 30. April ihren Fight Club vorstellt, eine Tanzperformance über die Ästhetik des Kampfs. Wie war das noch gleich, damals mit dem „Ali Shuffle“ von Muhammad Ali, der seine Gegner durch seinen leichtfüßigen, flinken Tanz im Ring erst irritierte und dann ausknockte? Oder die brasilianische Kampfkunst Capoeira, von der es heißt, dass Sklaven auf den Plantagen die Kampftechnik einst als Tanz getarnt entwickelten? Fight Club ist, so Zufit Simon, eine Performance über den Kampf, „als Akt des Widerstands, als Ritual der Selbstbehauptung und als Möglichkeit, neue Gemeinschaften zu erfinden“.

Auch die Choreografin Gerda König hinterfragt die Normideale des zeitgenössischen Tanzes, der Gesellschaft an sich. 1995 gründete sie in Köln die DIN A 13 tanzcompany, ein Ensemble, das bis heute existiert und in dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Körpern Sichtbarkeit auf der Bühne einfordern. Beim Münchner Dok-Fest (6. bis 25. Mai) läuft der Dokumentarfilm „Movement Unbound“, in dem Miriam Jakobs und Gerhard Schick die vergangenen mehr als 30 Jahre des Kölner Mixed-Ability-Tanzensembles  erzählen, das Türen aufgestoßen hat für andere Compagnien.

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In den Jahren nach dem Euromaidan 2014, vor dem russischen Angriffskrieg, zählten die Clubs von Kiew zu den aufregendsten Europas, mit ihrem Nachtleben schien die ukrainische Stadt sogar Berlin den Rang abzulaufen. Doch seit Frühjahr 2022 ist die Underground-Szene abgeschnitten vom Rest der Welt, und lebt doch weiter als Zufluchtsort. To dance is to resist heißt Julian Lautenbachers Film, der ebenfalls beim Dok-Fest zu sehen ist. Er begleitet die beiden queeren Tänzer Jay und Vol’demar, die in Kiews Club-Community eine Familie finden. Tanz als Widerstand in einer Stadt, die sich nicht unterkriegen lässt. Infos zu den Kinoterminen auf der Website des Dok-Fests unter dokfest-muenchen.de

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