Der Erste, dem die Tränen kommen, ist Tanzlehrer Christian Langer. Ganze 22 Jahre hat er „seine Mädels“ unterrichtet, wie er die tanzenden Marktweiber liebevoll nennt, von denen ein paar die 70 schon überschritten haben. An diesem Faschingsdienstag steht er mit ihnen ein allerletztes Mal auf der Bühne.
Und es ist nicht nur für Langer der letzte Tanz: Auch die langjährige Sprecherin Christa Lang, Erika Schuster-Dik, Annemarie Doll, Monika Schneider und Hella Friedl hören heuer auf, nach 15 bis 40 Jahren. Eine Ära geht damit zu Ende. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, die Langer zu betonen nicht müde wird: Der Nachwuchs steht mit fünf jungen Marktweibern schon in den Startlöchern, wenn auch in diesem Jahr noch ohne das standesübliche Kostüm, das jede Marktfrau passend zu ihrem Stand wählt.
Bevor es aber ans Abschiednehmen geht, muss der Faschingsdienstag erst einmal in Fahrt kommen. Bei lauschigen zwei Grad kein leichtes Unterfangen. Als Moderator Christian Schöttl pünktlich um 9.30 Uhr die kleine Bühne auf dem Viktualienmarkt betritt, gibt er zwar gleich Vollgas, das Publikum schunkelt aber anfangs noch eher verhalten mit. Selbst das bayerische Prinzenpaar der Märkte und Volksfeste und später jenes der Narrhalla samt Garde ernten nur mäßigen Applaus. Dass Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dem ein Schal mit der Aufschrift „Mia san Fasching“ als Verkleidung zu reichen scheint, zwischendurch eher ernste Töne anschlägt, hilft nur bedingt, die Stimmung zu heben: Mit Blick auf die Weltlage habe er, so sagt er, zuweilen das Gefühl, die närrische Zeit dauere länger als nur die paar Tage. Und nein, die Gaudi meint er damit wohl nicht.
Am Ende müssen es dann einmal mehr die zwölf gar nicht grantigen Marktweiber und Tanzlehrer Lange richten – nicht immer perfekt im Takt, dafür aber mit umso mehr Charme. Los geht es mit „Ein Wagen von der Linie 8“, so will es zumindest bislang die Tradition. Ob sich daran etwas ändern wird im kommenden Jahr unter dem Regiment von Sprecherin Susanne Müller? Mal sehen.
Jetzt heißt es erst einmal: einsteigen. Platz in der ruckeligen Bahn nehmen neben Reiter Kommunalreferatsleiter Edwin Grodeke und seine Stellvertreterin Kira Weißbach, Narrhalla-Präsident Matthias Stolz, Stadtrat Roland Hefter und Volkssänger Jürgen Kirner. Was folgt, ist allerfeinster Klamauk.



Doch das ist erst der Anfang: Weiter geht es mit einer Mischung aus Walzer, Squaredance, „Viktualien Cheerleading“ zu den Klängen von Helene Fischers Hit „Atemlos“. Da soll noch jemand sagen, die Tradition der Marktweiber sei angestaubt. Drei als Paradiesvögel verkleidete Frauen hätten spontan sogar Lust, sich den Marktweibern anzuschließen, nur einen Stand auf dem Viktualienmarkt bräuchte man dafür wohl, überlegen sie. Und überhaupt: „Dann können wir ja gar nicht mehr feiern.“ Darauf erst mal einen Schluck Sekt.
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Aller guten Laune – oben, unten, vorne, hinten, rechts und links, „gute Laune einfach überall“, klingt es gleich mehrmals aus den Boxen – ist dann nach einer guten Stunde aber doch Schluss, zumindest mit dem Tanz der Marktweiber. Man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist. Für jene sechs, die zum letzten Mal in ihr Kostüm geschlüpft sind, Tanzlehrer Langer inklusive, gibt es Urkunden, Blümchen, vor allem aber Anerkennung: „Tanzende Marktweiber gibt’s sonst nirgends“, nicht einmal in Köln oder Düsseldorf, sagt Reiter.
Während sich die Menge rund um die Bühne etwas zerstreut, geht es an den umliegenden Ständen nun erst so richtig los – zumindest für jene, die sich durch einen kurzen Graupelschauer kurze Zeit später nicht verschrecken lassen. Gegen 14 Uhr kommt dann sogar die Sonne raus, an Ständen wie Szia Szia oder Gürmet legen sogar richtige DJs von Clubs wie dem Legal oder Goldener Reiter auf. Alle, die bis nach 19 Uhr durchhalten, können sogar noch für eine Afterparty weiterziehen, bevor dann um Mitternacht die närrische Zeit erst einmal wieder vorbei ist. Ist aber vielleicht halb so wild, Tanzlehrer Langer hat schließlich versprochen: „Ja, es geht 2027 weiter.“

