Arbeiten an der Tankstelle:"Die Hemmschwelle ist derart gesunken, das ist irre"

Allguth Tankstelle, München, 2021

Die Allguth-Tankstelle an der Fürstenrieder Straße - für die Beschäftigten hat sich die Arbeit in den vergangenen Jahren spürbar verändert.

(Foto: Robert Haas)

Peter Lehnard arbeitet nachts in einer Münchner Tankstelle. Der Mord in Idar-Oberstein hat auch ihn erschüttert. Er erzählt von aggressiven Kunden, dem Ärger mit Maskenverweigerern - und was sich in den vergangenen zwei Jahren verändert hat.

Interview von Philipp Crone

Peter Lehnard ist seit 18 Jahren Tankwart. Der 52-Jährige unterscheidet dabei verschiedene Zeiträume, denn zuletzt habe sich in seinem Beruf als Nachtschicht in der Allguth-Tankstelle an der Fürstenrieder Straße so viel verändert, dass er als Reaktion auf den Mord in Idar-Oberstein auf Twitter nur schrieb: "Was ich in den letzten zwei Jahren erleben musste, kann man keinem erzählen."

SZ: Herr Lehnard, was hat sich denn in den vergangenen Jahren so verändert?

Peter Lehnard: Früher war nachts natürlich auch was los, da kamen viele von der Arbeit, U-Bahn-Fahrer, Taxi-Fahrer oder Polizisten, und haben bei mir noch eingekauft. Aber seit die Clubs zu sind, geht es bei mir richtig ab. Dabei ist meine Tankstelle ja noch eine kleinere.

Was genau ist anders?

Die Tankstelle ist heute ein Treffpunkt. Manche kommen zu dritt mit dem Auto, parken an der Zapfsäule, kaufen eine Flasche Spezi und bleiben eine Stunde. Manchmal treffen sich aber auch 40 Leute bei mir auf dem Hof, trinken und rauchen.

Und blockieren die Tankstelle.

Ja. Das führt dazu, dass die normalen Kunden oft rückwärts wieder rausfahren müssen. Oder sie kommen gar nicht mehr zur Tankstelle hin, weil alles zugeparkt ist.

Und was machen Sie dann?

Wenn ein Kunde eingeparkt ist, muss ich raus und im schlimmsten Fall 40 Leute fragen, wem das Auto an Säule fünf gehört, dass der bitte wegfährt. Die Antworten können Sie sich denken, nach ein paar Bier und spät am Abend.

Sie könnten die Polizei rufen.

Glauben Sie, dass die eine Streife schicken, weil ich sage: Da stehen welche rum oder da raucht einer bei mir auf der Tankstelle. Dafür haben die doch gar keine Kapazitäten. Und es ist ja an allen Tankstellen so. Manche machen ein regelrechtes Hopping.

Woher wissen Sie das?

Weil wir manchmal im Chat mit den Kollegen feststellen, dass die eine Gruppe, die gerade eine Stunde bei mir war, kurz danach bei einem Kollegen auftaucht und eine Stunde später wieder woanders.

Stehen die auch auf den Parkplätzen?

Standen sie, ja. Aber die müssen wir jetzt um 20 Uhr mit einer Kette absperren, weil es Anwohnerbeschwerden gab.

Wie gehen Sie mit Kunden um, die keine Maske tragen?

Es gibt noch immer viele, die es nicht kapieren. Manche halten sich mit einer Hand das T-Shirt vor den Mund, wollen aber mit der anderen Hand sechs Flaschen Bier halten. Was ich in den vergangenen Monaten an Scherben aufgewischt habe ...

Peter Lenhard

Seit 18 Jahren arbeitet Peter Lehnard in der Nachtschicht als Trankwart, einiges hat sich in der Zeit verändert: "Seit die Clubs zu sind, geht es bei mir richtig ab."

(Foto: privat)

Immerhin versuchen sie es in Ihrem Beispiel noch. Was machen Sie, wenn jemand keine trägt?

Mittlerweile ist es mir egal. Ich habe das mit meiner Chefin besprochen. Die Reaktionen sind so oft so extrem, dass es mir das einfach nicht wert ist. Nicht nur nachts, auch tagsüber. Ein Kollege erzählte mir, dass ein Mann keine Maske tragen wollte, aber mit Kreditkarte zahlen. Da musste die Polizei kommen und die Kreditkarte reinbringen. Das ist doch nur noch absurd.

Bedienen Sie jemanden ohne Maske?

Nein, weil ich sonst selbst dran bin. In Extremsituationen, wenn die Leute ganz aggressiv sind, allerdings schon. Das ist es dann, wie gesagt, nicht wert.

Haben Sie Extremsituationen erlebt?

Es gab in den 18 Jahren nur einen einzigen Moment, der brenzlig war. Da ist einer auf mich losgegangen und über den Tresen gesprungen. Zum Glück war der von der Statur ähnlich gebaut wie ich und ich konnte ihn alleine rauswerfen.

Sie sagen, dass es zuletzt schlimmer geworden ist. Was genau?

Die Aggressivität. Zum Beispiel hatte ich einen Kunden, der das Pfand-Prinzip nicht kannte. Der ist ausgeflippt, weil er statt zwei Euro 2,50 zahlen sollte. In so einem Moment sage ich mir dann: Soll er das Bier mitnehmen, dafür riskiere ich nicht meine Gesundheit. Denn es ist ja so: Ich bin nachts immer alleine.

Manchmal sind noch andere Kunden da.

Das stimmt. Es hängt auch von der Situation ab, ob ich mich jemandem stelle oder nicht. Nachts um vier, ganz alleine mit einem Kunden eher nicht. Aber früher am Abend, wenn noch was los ist, da setze ich die Regeln dann doch eher mal durch.

Haben Sie manchmal Angst?

Nein, das nicht. Seit ich im Zweifel einfach nicht mehr eingreife, geht es ohnehin gut.

Wann würden Sie denn eingreifen?

Wenn ich beschimpft werde zum Beispiel. Was die Leute einem an den Kopf werfen, ist der Wahnsinn. Arschloch ist da noch das Allerharmloseste.

Warum schimpfen die denn?

Wenn ich einem sage, dass er der Dame, die gerade ihre PIN eingibt, nicht ganz so auf die Pelle rücken soll. Wir haben ja wie alle auch die Abstandsaufkleber auf dem Boden. Da explodieren manche schon. Die Hemmschwelle ist derart gesunken, das ist irre. Neulich sollte ein Kunde nach dem Tanken 20,02 Euro zahlen, und als meine Chefin die zwei Cent eingefordert hat, greift der Mann in seine Hosentasche, holt eine Handvoll Münzen raus und schmeißt sie hinter den Tresen mit den Worten: "Nehmen Sie sich Ihre zwei Cent!"

Hätten Sie im schlimmsten Fall die Möglichkeit, zu flüchten oder sich zu wehren?

Nein, ich könnte auch nur in die Bistroküche, aber die hat keine Tür. Ich habe schon ernsthaft überlegt, auch im Gespräch mit einigen Freunden, die bei der Polizei sind, ob ich nicht einen kleinen Waffenschein machen soll, um eine Gaspistole bereitlegen zu können für den äußersten Fall.

Macht Ihnen denn die Arbeit überhaupt noch Spaß?

Ja, und ich wundere mich selbst manchmal darüber. Aber das ist mein Leben, viele Kunden sind Freunde geworden. Pro Nacht kommen 200 Leute, und die 20 Idioten, die halte ich schon noch aus.

© SZ.de/infu
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