Süddeutsche Zeitung

Extra-Ausgabezeiten bei Münchner Tafel:Tagelang im ukrainischen Keller von einer Kartoffel täglich gelebt

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Erst die Corona-Krise, dann der Krieg in der Ukraine: In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der "Gäste" der Münchner Tafel deutlich erhöht. Ein Besuch.

Von Tom Soyer

Gelbe Linien sprüht der junge Mann auf den Asphalt vor der denkmalgeschützten Großmarkthalle 1 in Sendling. Ähnlich wie ein Bundesliga-Schiedsrichter vor dem Freistoß, und auch hier soll gleich was ins Netz gehen. Hier wird keine Mauer gebildet, es reihen sich an den Linien Menschen auf, denen es nicht so gut geht wie Fußballprofis. In ihrem Netz landen: ein Kohlkopf, Kartoffeln, Stangensellerie, Bananen, Nudeln, Eier, Milch, ein Glas Nutella, Brot, FFP2-Masken und vielleicht noch eine Basteltüte für Kinder. Sie sind die "Gäste" der Münchner Tafel. Hier geht es mindestens so emotional zu wie im Stadion, weil Helfen glücklich macht - und weil sich Momente des Glücks an diesem Samstag sogar da und dort in den angespannten Gesichtern von 800 Geflüchteten aus der Ukraine zeigen.

Großmarkthallen-Westtor, vier Grad Celsius, kurz vor zehn Uhr, Aprilwetter mit Sonnenschein und Graupelschauern. Tafel-Personalleiter Axel Schweiger mit dem großen weißen Bart und bairisch-souveräner Ausstrahlung versammelt die ehrenamtlichen Helfer, die gerade wieder alles aufgebaut haben für insgesamt 1200 bis 1300 Tafelgäste heute. Junge Neulinge im Team stellen sich vor, werden beklatscht. "Ohne euch geht's net!"

Laufend kommen Tafel-Lastwagen an, die schon seit Samstagsmorgen bei Supermärkten oder Restaurants gespendete oder gerettete Lebensmittel abholen. Gleichzeitig fährt Fred Weiland mit seinem roten Gabelstapler immer wieder quer durchs ganze Großmarkthallengelände und holt palettenweise Ware aus dem Tafel-Lager hinten an der Schäftlarnstraße, die Ehrenamtlichen in den blauen Schürzen werden sie gleich auf den Ausgabetischen verteilen.

"Es reißt net ab, es werd' immer mehr", sagt der Lager-Chef Weiland, und in der Tat stemmt das Münchner Hilfsprojekt gerade eine enorme Ausweitung der Hilfe. In den zurückliegenden zwei Corona-Jahren habe sich die Zahl der "Gäste" - der wertschätzende Begriff ist Programm - in München von 20 000 auf 22 000 erhöht. Und allein in den vergangenen zwei, drei Wochen, so sagt Tafel-Sprecher Steffen Horak, seien noch einmal 800 bis 1000 Ukrainer hinzugekommen, die nun ebenfalls versorgt werden. Die drei bis fünf Tonnen Lebensmittel zusätzlich pro Woche, die dafür notwendig sind, werden von Spendengeld zugekauft. Rund 15 000 Euro koste das jede Woche, dabei lobt Horak ausdrücklich das Entgegenkommen von Handel und Industrie, "wir haben durch unsere Sponsoren natürlich sehr, sehr gute Konditionen".

Zudem spendeten Einzelpersonen, 78 Euro koste die Jahresversorgung eines Tafelgastes, und auch die neue Aktion "Kauf eins mehr" laufe sehr gut, so Horak. Tafel-Freiwillige stehen dafür in einigen Supermärkten, und wer will, kann gezielt Ware kaufen und dem Team überlassen. Statt "eins mehr" seien ihnen schon volle Einkaufswagen hingestellt worden. Helfen schafft eben besondere Glücksmomente.

Die Zahlen für ganz München sind eindrucksvoll: 800 Freiwillige, darunter mehr als 100 Fahrer und Beifahrer, 28 regelmäßige Ausgabestellen in München, die in der Coronazeit unterbrechungslos weiterliefen, und eine wöchentliche Ausgabe von 125 Tonnen Lebensmitteln, noch ergänzt um Hygieneartikel und immer auch eine gesunde Portion persönlicher Zuwendung - das ist eine gewaltige freiwillige Verantwortung für Bedürftige. Zudem rettet die Münchner Tafel so jährlich 6,5 Millionen Tonnen Lebensmittel vor der Entsorgung.

An diesem Samstag gibt es zwei Ausgabetermine an der Großmarkthalle, um zehn und um 13 Uhr. Der Extratermin nach Mittag wurde nötig wegen der ukrainischen Gäste, und zum Zuge kommt nur - wie immer bei der Tafel -, wer einen Tafelausweis hat, also seine Bedürftigkeit nachgewiesen hat. Für Geflüchtete aus der Ukraine geht das ziemlich unbürokratisch, freiwillige Dolmetscher erklären das Verfahren. Grund für die limitierten Ausweise: Die Tafel kalkuliert verlässlich für die, die zugelassen sind, und möchte nicht überrannt werden. Die Nachfrage wäre noch viel größer, es gibt eine Warteliste. Es gebe eben doch viel Armut in München, auch viel versteckte Armut, sagen die Tafel-Verantwortlichen.

Peter Schreiber und Natalia Craciun rufen am Westtor durchs Megaphon immer wieder Nummern auf für den Einlass, Natalia erläutert auf Russisch, wie die Tafel funktioniert und hört sich die Fragen der Geflüchteten an. Die dürfen sich dann an den gelben Abstandslinien vor Halle 1 anstellen für die Ausgabe, müssen aber auch Geduld mitbringen. Helferinnen und Helfer wie die junge Chrissi Bauer, die zuvor schon bei der Wiener Tafel aktiv war und heute erstmals in München im Einsatz ist, haben immer ein freundliches Wort für die Gäste, bei denen sich allmählich, von Station zu Station, die Kinderwagen, Trolleys, Ikea-Tüten, Koffer, Bollerwagen und Rollstühle füllen. "Schönes Wochenende, tschüss!" Gegenüber entspannen sich tiefernste Gesichter wenigstens ein bisschen.

"Zu uns kommen Menschen, die haben tagelang in irgendeinem ukrainischen Keller täglich von einer Kartoffel gelebt", sagt einer. Da sei Zuwendung auf Augenhöhe wichtig, ergänzt Steffen Horak, und zwei ukrainische Omas, "Babuschkas", die ihn schon ins Herz geschlossen haben seit zwei Samstagen, haken sich bei ihm unter. Solche Zuwendung ist auch kein Problem für die fröhliche Tafel-Helferin Wafaa Alhay, sie erinnert sich noch gut, wie das vor Jahren war, als sie aus Syrien ankam in München und hier Lebensmittel erhalten konnte. Seit fünf Jahren hilft sie selbst bei der Tafel mit, und ihr Mann und ihr Sohn seit einiger Zeit ebenfalls. Gute Hilfe ist auch ansteckend.

Während viele Eltern Schlange stehen, gibt es mitunter Gitarrenmusik für Kinder am Westtor, zur Ablenkung. Der Verein "Kulturraum" organisiert das, unterstützt von einer Sozialpädagogik-Fachakademie, die individuell vorbereitete "Mach-was-Taschen" mit Malbüchern, Stiften und Kuscheltieren an Kinder verschenkt. Mehr als 500 Taschen bisher. Ein Kind habe ihn am vergangenen Samstag beim Musizieren so traurig angesehen, berichtete der Gitarrist der Kulturraum-Ehrenamtlichen Elke Werner-Hinz, er wolle da kostenlosen Gitarrenunterricht geben. Am Samstag traf Elke Werner-Hinz den Jungen und seine Eltern wieder, der Unterricht kommt zustande. Müßig zu erwähnen, dass da wieder Menschen geweint haben vor Freude. Helfen macht glücklich. Den Asphalt vor Halle 1 ziert nicht zufällig auch noch ein großes gelbes Herz aus Sprühfarbe.

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