SZ Gute WerkeJetzt zieht der Großvater den Enkel auf

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Anton P. möchte seinem Enkel ein Leben bieten, von dem er selbst nur träumen konnte (Symbolbild).
Anton P. möchte seinem Enkel ein Leben bieten, von dem er selbst nur träumen konnte (Symbolbild). (Foto: Josep Rovirosa/imago images/Westend61)

Keine Arbeit, kleine Wohnung, die ältere Tochter und deren Partner zwischenzeitlich im Gefängnis. Wie Anton P. für den Enkel kämpfte, sein „Ein und Alles“, und weshalb ihm das Sorgerecht für den Vierjährigen nicht genug ist.

Von Martin Mühlfenzl

Die Augen von Anton P. beginnen regelrecht zu leuchten, wenn er den Namen seines Enkels nennt. „Mein Mio – er ist mein Ein und Alles“, sagt er und ahmt nach, wie der Kleine ihm Küsschen zuwirft. „Er sagt Papa zu mir. Ich sag’ ihm dann immer, dass ich sein Opa bin“, erzählt er. Aber ein Großvater, der das Sorgerecht für seinen Enkel hat, der nur wenige Tage zuvor seinen vierten Geburtstag gefeiert hat. Und dem P. (alle Namen geändert) ein Leben bieten möchte, von dem er selbst nur träumen konnte.

Als Treffpunkt hat der 54-jährige Großvater ein Café vorgeschlagen, ganz oben im Münchner Norden – in der Wohnung wird gerade ein Teppichboden verlegt. Als Glasscherbenviertel war das Hasenbergl einst verschrien. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, auch wenn das Kracherl, eine kleine Zitronenlimo, nur 1,50 Euro kostet. Für P. war das Viertel aber schon früher Heimat, als noch kein Innenstädter je einen Fuß hierher gesetzt hätte. „Ich habe hier ein gutes Leben, auch wenn es ein hartes war.“

Wer Anton P. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden.

Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG, Marienplatz 11, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet.Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de.

Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

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Geboren und aufgewachsen ist P. in Straubing in einer Familie der Sinti und Roma. „Wir waren 14 Geschwister, aber es sind nicht mehr alle am Leben“, erzählt er. Die Schule habe er als Jugendlicher ohne Abschluss abgebrochen, danach dem Vater und der Mutter zu Hause mit den paar Schafen geholfen. Eine reguläre Arbeit habe er nie gehabt. „Ich bin ehrlich, was soll ich auch lügen.“

Nach München, ins Hasenbergl, kam er vor etwa 30 Jahren der Liebe wegen. Mit seiner Partnerin bekam er zwei Töchter – Renata und Andrea. Es war ein Leben auf Stütze, später mit Hartz IV, immer in derselben Sozialwohnung in einem unscheinbaren Miethaus. Doch die Beziehung ging in die Brüche und seine Partnerin verließ P., zog mit den beiden Töchtern aus. Aber der Vater kämpfte und erstritt vor Gericht das Sorgerecht für die mittlerweile 16-jährige Renata und die 21-jährige Andrea. „Ich habe gewonnen, weil ich auch nichts falsch gemacht habe.“

Dass er noch einmal einen Sorgerechtsstreit würde führen müssen, wäre ihm aber nicht in den Sinn gekommen – insbesondere nicht gegen die eigene Tochter. Die wurde früh mit 17 von ihrem Freund schwanger, der damals schon in den Dreißigern war. 2021 kam Sohn Mio zur Welt.

Doch kurz nach der Geburt kamen die Drogen in das Leben der jungen Eltern oder waren es schon lange. Phasenweise wohnte das junge Paar mit dem Sohn beim Großvater, der alles hautnah mitbekam. Zu sehr will P. nicht ins Detail gehen, es ist ihm anzumerken, wie sehr ihm das alles zu schaffen macht. Nur so viel: Immer wieder gab es Konflikte mit der Polizei, über die P. sogar glücklich war. „Dann wusste ich wenigstens, wo sie war.“ Beide – Mutter und Vater – saßen zwischenzeitlich sogar im Knast. Bis es P. genug war: Er schaltete das Jugendamt ein.

Seitdem lebt der Enkel ausschließlich bei ihm, vor Gericht wurde ihm das Sorgerecht zugesprochen. Auch die 16-jährige Renata wohnt fest bei ihm, sie geht zur Schule. Um die ältere, Renata, macht sich P. immer wieder Sorgen. Derzeit lebt auch sie bei ihrem Vater und Sohn, doch ihr Freund, berichtet, P. werde bald wieder aus dem Gefängnis entlassen. „Und dann wird sie ihm wieder hinterherlaufen“, befürchtet er. „Aber ich will ihn nicht bei mir im Haus haben.“ Sehen dürfe er seinen Sohn zwar, aber nur im Beisein einer Sozialarbeiterin.

P. will nach vorn blicken, er möchte weiter ein gutes Verhältnis zu beiden Töchtern haben – auch wenn er die ältere der beiden nicht immer verstehen kann, in Bezug auf ihren Partner. Vor allem aber will er ein gutes Leben für seinen Enkel. „Ein tausendmal besseres als meines. Dass er zur Schule geht, eine Ausbildung macht, arbeitet.“ Und die Wohnung soll etwas aufgehübscht werden, die jüngere Tochter benötigt ein Bett. Und der kleine Mio etwas zum Spielen. Mit dem Opa.

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