„Menschen können an einem gebrochenen Herzen sterben.“ Das sagen die Ärzte zu Anna F., als sie im Krankenhaus liegt. Dieser Satz hat sich in ihrem Kopf festgesetzt, weil er so manches erklärt. Ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes hat das Herz von Anna F. nicht mehr so geschlagen, wie es sollte. Mit Blaulicht kommt sie in die Klinik, die Ärzte untersuchen sie, aber finden keine organische Ursache. Sie hören ihr zu und verstehen: Diese Patientin trauert um ihr verlorenes Kind.
An einem kalten Nachmittag Anfang Dezember sitzt die 64-Jährige in einem Café und umklammert mit zittrigen Händen ihre Tasse. Auf einen Filterkaffee lässt sie sich ein, mehr möchte sie nicht. Es geht ihr nicht besonders gut, sie atmet schwer, sie leidet schon seit Längerem an COPD – Chronic Obstructive Pulmonary Disease, auf Deutsch: Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung. Es ist nicht nur das Herz, das ihr Schmerzen bereitet.
14 Jahre ist es nun her, dass ihr Sohn gestorben ist. Anna F. (Name geändert) zuckt leicht mit den Schultern. Eine kleine Stelle an seinem Kopf brachte ihm den Tod. Durch Zufall wurde sie entdeckt. Wer denkt sofort an Hautkrebs, wenn man mal ein bisschen Schorf unter den Haaren hat? Die Chemotherapie schlug nicht an. Er saß bereits im Rollstuhl, als sie den 50. Geburtstag der Mutter planten. Doch der Sohn erlebte den Tag nicht mehr. Warum ausgerechnet er, das fragt sich die schmächtige, blonde Frau immer wieder.
Maligne Melanome kommen häufiger vor, als man denkt. Nach den neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts trat diese besonders aggressive Form des Hautkrebses im Jahr 2023 in Deutschland bei 27 430 Personen auf. Etwas mehr als 3200 Menschen starben 2023 daran, mehr Männer als Frauen. Insgesamt leben hierzulande etwa 4,8 Millionen Menschen, die in den vergangenen 25 Jahren mindestens einmal an Krebs erkrankt waren.
Auch Anna F. gehört dazu. Die Lunge. Nach der Diagnose im Sommer vor zwei Jahren wird der Tumor sofort entfernt. Er sei sehr aggressiv, sagt man damals zu ihr. In der anschließenden Reha findet sie zwei Freundinnen – wie sie waren sie an Krebs erkrankt. Ohne die beiden wäre alles noch unerträglicher gewesen. Denn als sie nach Hause kommt, ist ihre Wohnung fast ausgeräumt. Ihr Ehemann, den sie seit 2015 kennt, hatte sie verlassen und die meisten Möbel mitgenommen. Dass er sie während ihrer Zeit im Krankenhaus nicht besuchte, ist schon nicht leicht für Anna F. gewesen. Aber eine leere Wohnung hat sie nicht erwartet. Wie viel Herzschmerz kann ein Mensch ertragen?
Wer Anna F. oder anderen Menschen, die in Not geraten sind, helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind im neuen SZ-Servicepunkt am Marienplatz, im Kaufhaus Ludwig Beck, Eingang Dienerstraße, 1. OG, möglich. Es ist von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-gutewerke.de.
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Als sie 27 ist, stirbt ihre Mutter vor den Augen der Familie. An Lungenembolie, erzählt Anna F. Auch der Vater hat Lungenkrebs und wird nicht alt. Aufgewachsen ist Anna F. in Berlin, mit 17 kommt sie mit ihren Eltern und Geschwistern nach München, macht hier ihre dreijährige Lehre zur Zahnarzthelferin. Sie schult um zur Pflegebetreuerin, findet dann eine Stelle bei einer Firma, die Plastikprodukte herstellt. 28 Jahre sei sie dort gewesen, sagt Anna F. Sie habe gerne dort gearbeitet. Auch der Job in der Autoteilefirma, den sie später annimmt, habe ihr viel Spaß gemacht. Manchmal fragt sie sich, wie viel Staub sie in den Produktionshallen eingeatmet hat. Aber über die Ursache von Tumoren kann man nur spekulieren. Warum ihr Bruder nicht mehr leben wollte, auch darauf weiß Anna F. keine Antwort.
Vor anderthalb Jahren kommt sie wieder ins Krankenhaus. Sie hat eine Lungenembolie. Das Treppensteigen fällt ihr seitdem noch schwerer als zuvor. Alles, was ihr mal Spaß gemacht hat, kann sie längst nicht mehr tun: Schwimmen, Squash spielen, Fahrradfahren.
Die Wohnung im Münchner Westen, die sie mit ihrem Mann bewohnt hatte, muss Anna F. nun allein finanzieren. Obwohl sie nur 46 Quadratmeter groß ist, kostet sie mehr, als sie sich mit ihrer vorgezogenen Rente leisten kann und nur, weil sie finanziell vom Sozialamt unterstützt wird. Eine neue, günstigere Wohnung sollte einen Aufzug haben oder im Parterre liegen. Neulich, erzählt Anna F., habe sie mal Lust auf ein halbes Brathendl gehabt. Sie lacht auf. Das ist nicht drin. Und ein Friseurbesuch schon gar nicht. Sie zupft an ihren halblangen Haaren: „Die müssten dringend geschnitten werden.“ Vielleicht würde sie sich dann ein bisschen wohler fühlen.

