SZ-Adventskalender für gute Werke:Boxen, um den Alltag zu vergessen

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Juno

Die Gruppe Juno trifft sich einmal die Woche im Bellevue di Monaco und macht gemeinsame Aktivitäten. An diesem Tag wird geboxt.

(Foto: Catherina Hess)

Der Verein Juno hilft geflüchteten Frauen bei der Integration. Hier sammeln die Frauen Erfahrungen, stärken ihr Selbstbewusstsein und wachsen über sich hinaus

Von Ornella Cosenza

Ein stürmischer Dienstagabend Ende November. Trotzdem sind einige Frauen zum Café Juno gekommen. Einmal pro Woche findet dieses Angebot im Bellevue di Monaco statt. Der Verein "Juno - eine Stimme für geflüchtete Frauen" möchte geflüchtete und einheimische Frauen zusammenbringen und hilft ihnen, in München und im Leben Fuß zu fassen. Die Frauen, alle zwischen etwa 16 und 60 Jahren, kommen hier zusammen, tauschen sich aus, kochen gemeinsam. Für die Kinder gibt es eine Spielecke.

"Normalerweise kommen viel mehr Frauen. Aktuell dürfen nur die kommen, die genesen oder geimpft sind", sagt Britta Coy, Leiterin von Juno. Etwa 25 Frauen sind heute da. Vorher sollen es schon mal bis zu 60 gewesen sein, sagt Britta Coy. "Das ist schade, einige sind noch nicht geimpft. Vielleicht wegen mangelnder Aufklärungsarbeit. Dadurch gehen gerade wichtige soziale Kontakte verloren", sagt sie. Am Eingang des Cafés ist eine Teststation aufgebaut - alle werden vor dem Betreten des Cafés zusätzlich getestet.

Juno bietet geflüchteten Frauen neben dem Café auch Boxtraining, Schwimmkurse, Beratungsstunden, Englischkurse und gemeinsame Ausflüge. Wer möchte, hat sogar die Möglichkeit, sich zur Diversity-Trainerin ausbilden zu lassen. Fatima A., 30, ist eine davon. "Ich komme schon seit 2016 immer dienstags zum Café", sagt sie. Es sei nicht immer leicht, die Zeiten für eine Ausbildung mit der Kinderbetreuung zu vereinbaren, daher ist für Fatima, die Mutter von zwei Kindern ist, das Diversity-Training ein guter Mittelweg. Wenn das Training absolviert ist, wird Fatima selbst Workshops zu Themen wie Alltagsrassismus und Diskriminierung geben können - und so Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt sammeln. "Alle Menschen sollten so ein Training machen", es helfe dabei, Vorurteile abzubauen. Was Fatima bei Juno besonders schätzt: "Es ist schön, dass hier so viele Frauen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen. Und es ist eine gute Möglichkeit, Deutsch zu lernen", sagt sie.

Etwa 350 Frauen sind derzeit im Verteiler von Juno. Bei Beratungsterminen geht es oft um Themen wie Kinderbetreuung und Berufsausbildung. "Nicht alle konnten in ihrer Heimat zur Schule gehen, manche wollen eine Ausbildung machen, wissen aber nicht, wo sie in dieser Zeit die Kinder zur Betreuung geben können. Das erschwert die Jobsuche", sagt Britta Coy. Einerseits hätten die Frauen in Deutschland mehr Freiheiten, andererseits wird es gerade geflüchteten Frauen besonders schwer gemacht. "Frauen fallen leider oft hinten runter - bei Juno wollen wir ihnen zeigen, dass sie eine Stimme haben und gehört werden", sagt Britta Coy.

Der Verein kooperiert mit einer Hotelkette, bei der die Frauen eine Ausbildung machen können. "Viele unserer Mädels tragen ein Kopftuch. Das war leider zu Beginn ein Problem", sagt sie. Doch dann habe sich das Hotel dazu entschieden, eine neue Arbeitskleidung zu entwerfen, die ein Kopftuch mit einschließt und die Frauen nicht mehr ausschließt. "Wichtig ist doch, was im Kopf drin ist, nicht was drauf ist", sagt Britta Coy. Auch die Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit wird gerade diskutiert.

Während zwei ältere Frauen Essen in großen Töpfen vorbereiten, klatschen die Frauen an den Tischen. Aus einer Musikbox ertönt Musik - eine junge Frau beginnt zu tanzen. Sie fühlen sich wohl. Genießen das unbeschwerte Zusammentreffen. Khiem Huynh, 28, ist heute Abend auch da. Sie kommt ehrenamtlich zu Juno. Spricht mit den Frauen, wird herzlich begrüßt. Wie unter Freundinnen. "Ich bin privilegiert - habe einen Job, muss nicht in Kurzarbeit. Die Frauen haben oftmals traumatische Erlebnisse hinter sich. Es ist schön, dass man hier für ein Stück Normalität etwas beitragen kann", sagt sie. Khiem Huynh hilft mal bei der Essensausgabe, gibt Hilfestellung, wenn es um Formulare geht, und ist auch einfach da, für Gespräche. Das gemeinsame Essen verbinde, sagt sie.

Der Verein stößt häufig an seine finanziellen Grenzen

Juno gibt es seit 2016. Das Angebot hat sich bei den Frauen nach und nach herumgesprochen. Inzwischen sind es so viele, dass es die ehrenamtlichen und finanziellen Kapazitäten übersteigt. Das Sportangebot muss koordiniert werden. Im Sommer werden Ausflüge unternommen - für eine große Gruppe mit Müttern und Kindern kostet so etwas aber Geld - und das ist nicht immer ausreichend da. Manchmal fehlt es den Frauen auch an Schulmaterialien für ihre Kinder und jetzt im Winter an warmer Bekleidung. Der Verein stößt an seine finanziellen Grenzen, nicht alles kann ehrenamtlich abgedeckt werden.

Gegen 19 Uhr geht es ein Stockwerk nach unten. Boxtraining mit Moritz Bäuerle. Der 27-Jährige gibt neben seinem Studium ehrenamtlich Boxunterricht. Die blauen Handschuhe stehen schon bereit. "Es ist eine gute Möglichkeit, Stress rauszulassen", sagt Eliza K., 26. Sie ist voll konzentriert und fokussiert. Die jungen Frauen sollen sich beim Schattenboxen einen Gegner vorstellen. Obwohl Sport nur ein Teil des Empowerment-Projekts von Juno ist, wurde der Verein im November genau dafür mit dem Preis in der Kategorie "Integration of Women and Girl Refugees Through Sport" der International Sport and Culture Association (ISCA) ausgezeichnet.

Schwimmen oder Radfahren, das war in den Herkunftsländern der Frauen oft nur Männern erlaubt. Durch das breit gefächerte Angebot, im geschützten Raum, sammeln die Frauen Erfahrungen, stärken ihr Selbstbewusstsein, wachsen über sich hinaus. Die sportliche Leistung steht dabei nicht im Vordergrund. Vielmehr ist es eine Möglichkeit, Spaß zu haben, den Alltag zu vergessen - und gesehen und gehört zu werden.

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