SZ-Adventskalender:Den Teufelskreis der Depression durchbrechen

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SZ-Adventskalender: Tilo K., hier mit seinem Kater "Tiger", hatte eine Depression und möchte nun wieder auf die Beine kommen.

Tilo K., hier mit seinem Kater "Tiger", hatte eine Depression und möchte nun wieder auf die Beine kommen.

(Foto: Catherina Hess)

Tilo K. möchte sein Leben wieder aufbauen, auch seine Gesundheit. Training unter Anleitung wäre gut für ihn, aber das kann er sich nicht leisten.

Von Sabine Buchwald

"Ich will unbedingt etwas ändern", sagt Tilo K. am Telefon. "Ich möchte mein Leben wieder aktiver leben und aufmerksamer mit mir umgehen." Und dann sagt er, dass man ihn jederzeit gerne besuchen dürfe. K. teilt seine Wohnung mit Tiger, seiner rostroten Katze. Sie hat ihren Platz auf dem Fensterbrett. K. nimmt in einem breiten Sessel gegenüber Platz. Vor ihm steht eine leere Müslischale und eine Kanne mit Tee. "Ich habe gerade gefrühstückt", sagt K. Er versuche, bewusster und gesünder zu essen. Keine Pizza mehr, nicht mehr so viele Kalorien. In den vergangenen Monaten hat K. etliche Kilo abgenommen. Dadurch ist er wieder etwas beweglicher geworden. In seinen schlimmsten Phasen brachte er 162 Kilo auf die Waage, wenn er sich denn überhaupt noch daraufstellte. Er ist 1,76 Meter groß und 47 Jahre alt.

Neben dem Sessel im Wohnzimmer stehen Krücken. Das Gewicht belastet K.s Knie und Gelenke. Neulich hat er sich den Fuß verletzt. Die Schmerzen machen ihn nun wieder etwas wackelig. Es dauert ein bisschen, bis er sich aus dem Sessel erhebt. Wenn es K. gut geht, dann führt er Tiger an der Leine durchs Wohnviertel. Er gehe eigentlich sehr gerne raus, sagt er.

Es gab Zeiten, da kam Tiger nicht vor die Haustür. K. möchte, dass es so nicht wieder wird. Der Auslöser damals war der Verlust einer Freundin. Aber es sei noch vieles andere zusammengekommen, erzählt K. Er spürte keine Kraft mehr, aufzustehen und gut für sich zu sorgen. Er verlor seinen Job, dabei mag er es, mit Menschen zusammen zu sein. Zuletzt hat er nachts in einem Hotel als Nightmanager gearbeitet. Die Diagnose seines Arztes: Depression. Schichtarbeit, so sein Arzt, sei bei dieser Krankheit gar nicht gut. K. zog sich mehr und mehr zurück, verbrachte manchmal Tage und Nächte vor seinem Computer, baute sich ein virtuelles Leben in einem Survival-Spiel auf. 16 Stunden am Stück sei er manchmal vor dem Bildschirm gesessen, erzählt er. Neben ihm hätten sich die Pizzakartons gestapelt. Die Wohnung sei in keinem guten Zustand gewesen. Davon ist nichts mehr zu merken. Der Computer ist mit einem großen Tuch abgedeckt.

Durch die Arbeitslosigkeit ist Tilo K. seit einigen Jahren auf Grundsicherung angewiesen. Auch das möchte er ändern. "Man muss sich selbst aus seiner Depression ziehen", sagt K. Er wisse, dass in der Hotel- und Gastrobranche Menschen gesucht werden. Er spricht Englisch, ist überhaupt ein kommunikativer und zuvorkommender Mensch. Er hat Kfz-Mechaniker gelernt und als Masseur gearbeitet. Er denke viel darüber nach, was er tun könne, sobald er wieder sicherer auf den Beinen steht. Neulich sei er in einem Fitnessstudio in der Nähe gewesen, erzählt K.

Man hat ihm dort Übungen gezeigt, um die Sehnen zu festigen und Muskeln aufzubauen. "Das würde mir Spaß machen", sagt K. Er glaubt, dass es ihn anspornen würde, wenn er von fitten Leuten umgeben wäre. Aber leisten kann er sich einen Vertrag in einem Fitnessstudio nicht.

Tilo K.s zuständiger Sachbearbeiter im Jobcenter hält es für eine gute Idee, wenn sein Mandant unter Anleitung trainieren würde. Es sei wichtig, das System zu durchbrechen, das einem Menschen nicht guttut und in dem er verhaftet sei, sagt er. "Kleine Veränderungsschritte können oft große Veränderungen bringen." Noch mehr abnehmen, ist das kurzfristige Ziel von Tilo K. Langfristig möchte er wieder voll zurück ins Leben finden.

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