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SZ-Adventskalender:Kutschfahrt zurück ins Leben

Kutschfahrt mit zwei Elektromotoren statt Pferden: Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker (links) und Pedalhelden-Geschäftsführer Dominic Staat starten zur Stadtrundfahrt.

(Foto: Gino Dambrowski)

Wegen der Corona-Pandemie blieben Pflegeheime lange Zeit streng abgeschottet. Dank der Spenden von SZ-Lesern können zunächst einige Münchenstift-Bewohner eine Spazierfahrt mit einem E-Fiaker unternehmen.

Von Sven Loerzer

Die Kutsche wartet. Wiehern da nicht auch Pferde? Eingespannt ist zwar noch nicht, der Kutscher mit dem Zylinder, einem echten Chapeau claque, auf dem Kopf steht aber schon bereit. Mit Rollator und Rollstuhl nähern sich fünf Frauen der Kutsche. Erwartungsvoll und leicht aufgeregt wie vor einem Klassenausflug saßen sie zuvor im Foyer des Münchenstift-Hauses St. Maria Ramersdorf. Pflegekräfte helfen den Frauen in die offene Kutsche, in Decken eingewickelt warten sie auf den ersten Ausflug seit Monaten: Wegen der Corona-Pandemie blieben die Pflegeheime lange Zeit streng abgeschottet, um Infektionen bei den besonders von schweren Verläufen bedrohten Menschen möglichst zu verhindern. Auch jetzt noch ist der Zugang streng kontrolliert und limitiert.

Doch Corona verlangte nicht nur dem Pflegepersonal und den Angehörigen viel ab, sondern auch den Bewohnern. "Seit März mussten nahezu alle Veranstaltungen und Aktivitäten in unseren Häusern ausbleiben", sagt Münchenstift-Geschäftsführer Siegfried Benker. "Die Herausforderung war und ist, Events und Aktivitäten zu finden, die mit den strengen Schutzvorschriften vereinbar sind." Rikschafahrten, mit denen jeweils zwei Bewohner einen Ausflug in ihre frühere Umgebung hätten unternehmen können, sind wegen des nötigen strengen Schutzes nicht möglich. Da traf es sich gut, dass die Firma Pedalhelden, die Rikschafahrten in München anbietet, gerade eine moderne Kutsche bekommen hat: den ersten E-Fiaker in München, eine Kutsche mit zwei Elektromotoren statt Pferden. Dank der Leser-Spenden für den SZ-Adventskalender können zunächst 270 Münchenstift-Bewohner eine kleine Spazierfahrt durch ihre Stadt unternehmen.

Eva Lhota-Kühr, die es liebt, Grande Dame zu spielen, hat sich frech die Schiebermütze in die Stirn gezogen. Die 90-Jährige war früher Balletttänzerin in der Oper - zum Beweis hebt sie im Sitzen ein Bein bis über den Kopf. Sie ist mit dem Rollator gekommen. Die gebürtige Wienerin erzählt von ihren vielen Reisen, die sie früher unternommen hat. "Ich habe viele Städte der Welt gesehen, aber nirgendwo ist es so schön wie in München. Ich habe mein Herz verloren an München, die Stadt hat so viel zu bieten." Die Münchner seien durch den Fremdenverkehr offen für alles und zugänglich für Neues, "immer tonangebend in Kunst, Architektur und Mode". An ihrem Urteil lässt sie keinen Zweifel zu, schließlich habe sie viel gesehen, "alles in mich aufgesaugt. Das Leben ist nur einmal, das muss man ausnutzen". Eine erstaunliche Frau, die sich trotz der gesundheitlichen Einschränkungen eine positive Lebenseinstellung bewahrt hat. Und sich auch an kleinen Dingen freut, am schillernden Käfer unter dem Tisch oder den vom Licht gesäumten Wolkenrändern am Himmel.

Trotz Maskenpflicht freuen sich die Bewohnerinnen des Hauses St. Maria Ramersdorf auf den ersten Ausflug seit langem.

(Foto: Gino Dambrowski)

Das Wiehern der elektronischen Pferde wird ein letztes Mal eingespielt. Der Fahrer, Pedalhelden-Geschäftsführer Dominic Staat, drückt kräftig die stilgerechte alte Tröte und los geht es, begleitet von den Klängen zu "Der dritte Mann". Mit bis zu 25 Kilometer pro Stunde zockelt der E-Fiaker von Ramersdorf über Giesing und die Au Richtung Innenstadt. Die Kutsche ohne Pferde sorgt am Straßenrand für heiteres Erstaunen. Passanten zücken das Handy für ein Foto. Und nicht einmal die Autofahrer, die hinterher schleichen, hupen. Weil Dominic Staat das Gefährt als Mietwagen mit Fahrer für Ausflüge und Rundfahrten aller Art anbietet, hat sich das Genehmigungsverfahren ein halbes Jahr hingezogen. Jedes Jahr muss die Kutsche zum Tüv, der Fahrer braucht einen Personenbeförderungsschein. "Die Kutsche fährt sich wie ein Auto." Über die Isar geht es vorbei am Deutschen Museum zum Gärtnerplatz, zum Viktualienmarkt und dann zum Wenden vor dem Alten Peter. Nach kurzem Halt am Rindermarkt wiehern wieder die Pferde, Passanten schauen leicht irritiert. Die Frauen in der Kutsche kichern amüsiert. Zurück geht es vorbei am Gärtnerplatztheater, Klenze- und Fraunhoferstraße, den Nockherberg hoch zu den Klängen des alten Schlagers "Ein Bett im Kornfeld".

"Es war sehr schön, wieder im alten Viertel zu sein, wo ich früher einkaufen gegangen bin", sagt Hildegard Hartschlag, 90, die mit dem Rollator dort nicht mehr hinkäme. Traumhaft schön fand Eva Lohta-Kühr das Gärtnerplatztheater, wie die gesamte Spazierfahrt, auch wenn sie schließlich noch andere Sehnsüchte gesteht: "Ich täte gern rennfahren, mit dem Motorrad - Hauptsache, es ist schnell."

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"In der Corona-Zeit war niemand draußen", sagt Birgit Buckan von der Münchenstift-Hauptverwaltung. Die Fahrten, die in allen 13 Häusern veranstaltet werden, finden unter strengen Hygieneauflagen statt: Die jeweils fünf Bewohner und die begleitende Fachkraft tragen Masken, der Fahrer, ohnehin durch eine Plastikplane hinter dem Kutscherbock abgeschottet, darf nicht zu den Bewohnern, Desinfektion des Fahrzeugs gehört dazu. Auf diese Weise sei aber wenigstens ein bisschen soziale Teilhabe möglich, "die Bewohner können sehen, was sich in ihrem Viertel getan hat", erklärt Birgit Buckan. Selbst für Senioren mit beginnender Demenz seien die Fahrten geeignet. "Der E-Fiaker ist ein Glücksfall, er ist Corona-tauglich." Die Fahrt biete ein intensiv empfundenes Erlebnis, das noch lange nachschwinge.

Eva Lohta-Kühr gerät wieder ins Schwärmen, erzählt weiter von ihren Weltenbummlerjahren, von ihrem Drang, auch jetzt noch, allen Einschränkungen ihrer Mobilität zum Trotz, intensiv zu leben. Sie will anderen Menschen Mut machen, "aus sich herauszugehen und zu sagen, verdammt noch mal, das Alter ist auch schön". Und wenn es nur der kleine Vogel ist, der zu ihr ans Fenster im 2. Stock des Hauses St. Maria Ramersdorf kommt. "Weil er schon als kleiner Kerl was gekriegt hat von mir, bringt er jetzt seine Frau mit." Es sind die Momente, wo "ich wieder mit dem lieben Gott rede und ihm sage: Gib mir noch ein paar Jahre, weil das Leben zu schön ist."

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© SZ vom 05.09.2020/wean
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