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SZ Adventskalender:"Derzeit das Einzige, was ich habe"

Bild aus besseren Tagen: Im Januar musizierten Igor Levit und das BRSO unter Leitung von Ivan Fischer im Herkulessaal - vor Publikum.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der SZ-Adventskalender unterstützt freiberufliche Musiker, die wegen der Pandemie gegenwärtig ohne Arbeit sind. Wie das auch den Bewohnern von Pflegeheimen hilft - und Schülern ebenfalls.

Von Hendrik Munsberg

Anfang März erschien Tanja Conrad, 36, die Welt noch in bester Ordnung. "Mein Kalender", sagt sie, "war ausgebucht bis Ende August". Tanja Conrad ist Geigerin, sie hat eine erstklassige Ausbildung absolviert, an der Musik-Akademie Basel und an der Hochschule für Musik und Theater in München. Ihren künstlerischen Werdegang findet man unter www.tanja-conrad.com.

Kein Wunder, dass die Violinistin von ersten Adressen gern als Aushilfe engagiert wird - mal beim Münchener Kammerorchester, mal beim Münchner Rundfunkorchester, mal an der Kammeroper. In manchen Monaten standen in ihrem Kalender 20 Konzerttermine. Und Tanja Conrad, geboren in Basel, hat als freischaffende Musikerin in der Musikstadt München "okay gelebt", wie sie sagt.

Dann aber kam Corona, und in Deutschland gab es den ersten Lockdown. Ungezählte Konzerte wurden seither ersatzlos gestrichen. Zehntausende Musiker - aus Klassik, Rock, Pop und Jazz - verloren über Nacht ihre Existenzgrundlage. Und auch heute, da die Pandemie noch lange nicht unter Kontrolle ist, kann niemand sagen, wie und wann es weitergeht. Ein Ende der Not ist nicht in Sicht.

Besonders hart trifft die Corona-Krise freiberufliche Künstler wie Tanja Conrad. Auch sie versuchte zunächst, die vom Staat versprochene "Hilfe für Soloselbständige" zu beantragen. Aber "das wurde abgelehnt, weil ich keine Betriebskosten hatte", sagt sie - eine bittere Erfahrung, die viele Künstler machten. Kollegen rieten ihr, Hartz IV zu beantragen. Sie tat es nicht, weil sie befürchtete, dann keine "Muggen" mehr annehmen zu dürfen, die für freischaffende Musiker als Einnahmequelle wichtig sind; "Mugge" ist eine unter Musikern übliche Abkürzung für "musikalisches Gelegenheitsgeschäft" - oder kurz: "Musik gegen Geld". Doch seit Corona verschwanden auch die Muggen. Statt aber Hilfe zu bekommen, so Conrad, sei einem Kollegen beim Jobcenter sogar empfohlen worden, sein Instrument zu verkaufen, das sei doch sicher viel wert, sodass man davon einige Monate die Miete bezahlen könne.

So können Sie spenden

Wer helfen will, wird um ein Geldgeschenk gebeten, Sachspenden können leider nicht entgegengenommen werden. Bareinzahlungen sind von Montag bis Donnerstag von 10 bis 18 Uhr, Freitag von 10 bis 16 Uhr sowie nur an den vier Adventsamstagen von 10 bis 16 Uhr im SZ-Servicezentrum, Fürstenfelder Straße 7, möglich. Sicher online spenden können Leser im Internet unter www.sz-adventskalender.de. Überweisungen sind auf folgendes Konto möglich:

"Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung e.V."

Stadtsparkasse München

IBAN: DE86 7015 0000 0000 6007 00

BIC: SSKMDEMMXXX

Spenden sind steuerlich abzugsfähig; bis zu einem Betrag in Höhe von 200 Euro reicht der vereinfachte Nachweis. Bei Spenden in Höhe von mehr als 200 Euro senden wir Ihnen die Spendenbestätigung zu, sofern auf der Überweisung der Absender vollständig angegeben ist. Jede Spende wird ohne Abzug dem guten Zweck zugeführt. Alle Sach- und Verwaltungskosten trägt der Süddeutsche Verlag. www.facebook.com/szadventskalender

Angesichts solcher Nöte fördert der Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung jetzt auch zwei Einrichtungen, die freischaffende Musiker unterstützen: die Deutsche Orchester-Stiftung, die schon im März einen Nothilfefonds für freiberufliche Musiker aus Klassik, Rock, Pop und Jazz eingerichtet hat, und außerdem die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation, die bereits seit Längerem eine Serie von Klassik-Konzerten und -Veranstaltungen in Alten- und Pflegeheimen sowie an Schulen organisiert - und die alle dabei auftretenden Musiker finanziell unterstützt. Beide Stiftungen nutzen die Spenden des SZ-Adventskalenders, um freiberuflichen Musikern in Bayern zu helfen.

Das Coronavirus wird den Musikbetrieb noch bis weit ins Jahr 2021 lahmlegen

Gerald Mertens, Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Orchester-Stiftung (DOS), ist selber verwurzelt in der Klassischen Musik. Er spielt Orgel, Klavier und Flöte, singt im Chor. Die DOS fördert Musiker aller Richtungen, die in Not geraten sind: "Musiker ist Musiker", sagt Mertens, "Hauptsache professionell". Mehr als drei Millionen Euro hat die Stiftung seit Mitte März für die Musiker-Nothilfe eingesammelt. 2,1 Millionen Euro wurden bereits ausgezahlt, rund 900 000 Euro sind derzeit noch im Topf. Zu Beginn der Krise gab es von der DOS für freiberufliche Musiker einen Sofort-Scheck über 500 Euro. "Dann merkten wir", so Mertens, "wie groß die Resonanz war". Die Hilfe wurde auf 600 Euro erhöht - "für jeden der bei uns einen Antrag stellt und die Voraussetzungen erfüllt." Reich wird man davon nicht, jeder bekommt diese Nothilfe nur ein Mal.

Inzwischen ist klar, dass die Pandemie den Musikbetrieb noch bis weit ins nächste Jahr hinein lahmlegt. Die DOS reagierte darauf, so Mertens, indem sie "so schnell wie möglich auf Stipendienzahlung umstellt", wozu erst die Satzung geändert werden musste. Nun können professionelle Musiker, die in Not geraten sind, Stipendien von bis zu 2000 Euro über einen Zeitraum von drei Monaten erhalten. Stipendien haben den Vorzug, dass der Empfänger darauf keine Lohn- und Einkommensteuer entrichten muss. Außerdem, so erklärt Mertens, werde ein Stipendium wohl nicht aufs Arbeitslosengeld II angerechnet.

"Verkaufen Sie doch Ihr Instrument", riet man im Jobcenter einem Kollegen, so erzählt Geigerin Tanja Conrad.

(Foto: oh)

Einen etwas anderen Weg geht die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation, die der Unternehmer Erich Fischer ins Lebens gerufen hat: Sie veranstaltete dieses Jahr Dutzende Konzerte und Workshops für klassische Musik an Schulen, um - wie es Thomas Schütz formuliert - Schülern "das Gefühl des Uncoolen zu nehmen", wenn sie Klänge von Brahms oder Mozart hören. Schütz bestreitet als Bariton Konzerte für die Stiftung und geht als Musikpädagoge in Schulen.

Zudem hat die Stiftung dieses Jahr deutschlandweit fast 900 Mal ihre "Musik am Nachmittag" aufgeführt. Das sind "Konzerte und Musikstunden" in Seniorenheimen - hochwillkommene Unterhaltung für Menschen, die seit Ausbruch der Pandemie weitgehend isoliert von der Außenwelt lebten. "Die Konzerte sind sehr, sehr schön", sagt Tanja Conrad, die schon seit Jahren für die Stiftung spielt.

Noch bis vor Kurzem saßen die Zuhörer wegen der Corona-Vorschriften auf Balkonen oder an geöffneten Fenstern. In Decken gehüllt lauschten sie den Musikern, die im Hof spielen. "Es gab viele rührende Momente", sagt Conrad. Das Geld von der Stiftung sei "derzeit das Einzige, was ich habe". Weil Holzinstrumente wie Tanja Conrads Geige im Winter kaum im Freien spielbar sind, hat die Stiftung mit Unterstützung des Adventskalenders jetzt auch 40 Blechbläser-Konzerte ins Leben gerufen.

© SZ vom 18.12.2020/infu
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