Stadtwerke:München steigt später als geplant aus der Kohle aus

Stadtwerke: Im Heizkraftwerk Nord in Unterföhring soll künftig keine Kohle mehr verfeuert werden. Die geplante Alternative Gas ist jetzt aber auch knapp.

Im Heizkraftwerk Nord in Unterföhring soll künftig keine Kohle mehr verfeuert werden. Die geplante Alternative Gas ist jetzt aber auch knapp.

(Foto: Florian Peljak)

Das Heizkraftwerk Nord sollte von Ende des Jahres an nicht mehr Kohle, sondern Gas verfeuern. Doch seit dem Krieg in der Ukraine ist Gas zu knapp, um es für die Stromerzeugung einzusetzen, so die Stadtwerke.

Von Irmengard Gnau, Anna Hoben und Catherine Hoffmann

Was jahrelang als völlig unrealistisch galt, war plötzlich zum Greifen nah: Ende 2022 wolle die Stadt keine Kohle mehr verfeuern, verkündete Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) Mitte Januar und sprach von einem "Meilenstein". Die Stadt könne dem Bürgerentscheid "Raus aus der Steinkohle" aus dem Jahr 2017 nachkommen und pünktlich bis zum 31. Dezember dieses Jahres aus der Steinkohle aussteigen. Bis dahin sollten die Stadtwerke das Heizkraftwerk Nord in Unterföhring von Kohle auf Erdgas umrüsten.

Aus diesen Plänen wird wohl nichts, jedenfalls nicht so schnell. Die Stadtwerke München (SWM) wollen den Kohleausstieg um ein oder zwei Jahre aufschieben, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens. Durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sei eine verlässliche Versorgung mit Erdgas schwierig bis unmöglich. Mit dem neuen Gaskraftwerk würde ein Großverbraucher ans Netz gehen, der während der Heizperiode deutlich mehr Erdgas benötige als alle Münchner Privatkunden der SWM zusammen.

Derzeit seien die süddeutschen Erdgasspeicher nicht einmal zu 20 Prozent gefüllt und die Gaslieferungen aus Russland blieben deutlich unter dem langjährigen Mittel. Folglich hat sich der Gaspreis im Großhandel vervielfacht. "Ob es gelingt, angesichts der schwachen Zuflüsse die süddeutschen Gasspeicher im Sommer ausreichend zu füllen, ist ungewiss", heißt es in der Mitteilung der SWM, zumal Russland vor Kurzem mit einem völligen Stopp seiner Gaslieferungen gedroht habe.

SWM-Chef Florian Bieberbach schlägt dem Stadtrat deshalb vor, "den Block 2 im HKW Nord in der nächsten Heizperiode noch einmal mit Kohle zu betreiben". Abhängig von der weiteren Entwicklung könne man dann entscheiden, ob die Umstellung im Winter 2023/24 erfolgt oder weiter aufgeschoben wird. Dies verringere den erwarteten Gasbedarf deutlich und erhöhe die Versorgungssicherheit.

Der Ausstieg aus dem Umstieg ist nicht leicht: Auch die Kohle kommt häufig aus Russland

Im Stadtrat zeichnet sich eine Mehrheit für den Vorschlag ab. Man müsse nicht in Aktionismus verfallen, sagt Grünen-Fraktionsvize Dominik Krause, dürfe eine Verzögerung aber auch nicht grundsätzlich ausschließen. Ein Problem sieht er allerdings darin, dass die Kohle für das Heizkraftwerk Nord ebenfalls zum Teil aus Russland komme. Wichtig sei den Grünen nach wie vor, dass man "dringend aus den fossilen Brennstoffen raus" und Klimaschutzmaßnahmen vorantreiben müsse.

Die SPD unterstützt den Aufschub. "Aktuell kann nicht garantiert werden, dass genügend Gas zur Verfügung steht für die Umstellung in der Heizperiode 2022/2023", teilt Stadträtin Simone Burger mit, die auch im Aufsichtsrat der SWM sitzt. Man habe zudem die Stadtwerke aufgefordert zu prüfen, dass keine Kohle aus Russland bezogen wird. Das politische Ziel bleibe aber, schnellstmöglich aus der Kohle auszusteigen und auf erneuerbare Energien umzusteigen.

In der Gemeinde Unterföhring, wo das Heizkraftwerk Nord liegt, verfolgt man die Pläne der SWM genau. Die Gemeinde setzt stark auf regenerative Energien und sieht darin auch am Standort des Heizkraftwerks Nord Potenzial. Die SPD-Fraktion im Gemeinderat hatte vor einiger Zeit angeregt, dort die Möglichkeiten eines gemeinsamen Geothermieprojekts unter Beteiligung der SWM und des Unterföhringer Erdwärmeanbieters Geovol zu prüfen.

Die CSU im Münchner Stadtrat hatte in dieser Woche gefordert, die Umstellung von Kohle auf Gas im Heizkraftwerk Nord angesichts der weltpolitischen Lage "vorerst" zurückzustellen - ohne ein neues Datum dafür zu nennen. Zudem beantragte sie eine längere Laufzeit für das Kernkraftwerk Isar 2 im Kreis Landshut, das eigentlich Ende 2022 vom Netz gehen soll. Die SWM halten 25 Prozent an dem Kraftwerk, über eine längere Laufzeit müsste allerdings der Bund entscheiden.

Der Wirtschaftsreferent distanziert sich von einem Vorschlag, den er selbst eingebracht hat

Und, auch dies forderte die CSU: Die Stadt solle ihren Ausstieg aus der Gas- und Ölförderung noch einmal überdenken. Sie war über die Firma Spirit Energy an norwegischen Gas- und Ölfeldern beteiligt; der Stadtrat hatte vor Kurzem beschlossen, dass die Stadtwerke ihre Lizenzen verkaufen sollen. 300 Millionen Euro soll das den SWM einbringen. Abgewickelt ist der Verkauf aber noch nicht.

Ohnehin sei er "voreilig" geschehen, sagte nun Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) der Abendzeitung. Grünen-Stadtrat Krause zeigte sich darüber am Donnerstag "entgeistert". Baumgärtner habe die Beschlussvorlage selbst in den Stadtrat eingebracht. Zudem verbessere die Beteiligung nicht die Versorgungslage in München - von dem geförderten Gas und Öl komme nichts in der Stadt an.

Baumgärtner entgegnet, die Vorlage sei von ihm gekommen, "weil es politisch so gewollt war". Er persönlich sei aber anderer Meinung: "Versorgungssicherheit steht an erster Stelle." Es dürften spannende Debatten zukommen auf den Stadtrat im Wirtschaftsausschuss am kommenden Dienstag.

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