Süddeutsche Zeitung

Surf-Weltmeister:Robby Naish reitet die Eisbachwelle

Die Surfer-Legende nutzt die München-Premiere seines Films "The Longest Wave" für einen Abstecher zur vergleichsweise kurzen, aber beständigen Eisbachwelle - und fliegt relativ häufig ins Wasser.

Von Thomas Becker

Wenn Robby Naish in der Stadt ist, liegt eine Frage auf der Hand: Wird er die Eisbachwelle surfen? Meist ist er ja Ende Januar/Anfang Februar da, zur ISPO, doch da ist es selbst wind- und wettergegerbten Wassermenschen wie ihm zu frisch für einen Ritt auf dem dann wirklich eisigen Eisbach. Lustig ist es aber schon, dass bei der Fragerunde nach der Premiere seines Films "The Longest Wave" tatsächlich jemand wissen will, ob er, die lebende Surf-Legende, denn wisse, dass es auch in München eine Welle gebe. Naish grinst milde und sagt: "Ja, zum ersten Mal bin ich da 1979 gesurft." Kinder, wie die Zeit vergeht!

58 ist der Posterboy und Superman des Wassersports mittlerweile. 24 Mal Weltmeister, erster Titel 1976 auf den Bahamas, mit 13. Damals nannte man Windsurfen noch Stehsegeln. Mit Ende 50 steht der ewige Blondschopf immer noch auf dem Brett, natürlich. Wobei: Dieser Film über sein Leben scheint etwas mit ihm gemacht zu haben. Etwas, das er selbst sich nicht vorstellen konnte: Es hat ihn ruhiger, weniger rastlos werden lassen. Aber der Reihe nach.

Seit Jahren liegt ihm sein Sponsor mit der Film-Idee in den Ohren. Naish lehnte stets ab, fühlte sich nicht bereit, wollte keine beliebige Surf-Porn-Ware abliefern, nach dem Motto "Schaut her, wie toll ich bin". Irgendwann kam der Brause-Hersteller mit Joe Berlinger um die Ecke, einem oscar-nominierten Dokumentarfilmer, der mit Sport nichts am Hut, aber eine viel beachtete Metallica-Doku gedreht hatte. Man beschnupperte sich in L.A. und beschloss, es miteinander zu versuchen. Und dann stand der bleiche New Yorker irgendwann in Naishs Heimat Maui am Strand - in schwarzen Socken. Es wurde dennoch ein guter Film - dank Berlingers unverstelltem Zugang und Naishs Mut zur Seelenschau. Denn die Drehzeit von Ende 2014 bis 2018 war die wohl härteste Zeit im Leben des erfolgsverwöhnten Superstars.

Es kam einiges zusammen: Beckenbruch samt innerer Blutungen, im Jahr darauf ein gebrochener Fuß, eine wirtschaftliche Krise seiner Firma und dazu die sich über fünf Jahre ziehende Scheidung von der zweiten Ehefrau. Alles Situationen, in denen man auf ein 16-köpfiges Filmteam gut verzichten könnte. Aber Naish sagt: "It is what it is." Will sagen: Auch auf Hawaii scheint nicht immer die Sonne. Dass die Öffentlichkeit ihm nun leinwandbreit tief in die Seele (und auf die in der Tat beeindruckende OP-Narbe vom Beckenbruch) blicken kann, ist dem Deal mit Berlinger geschuldet, und der sah so aus: Naish hatte null Mitspracherecht, was wie im Film landet. Als er das Endprodukt erstmals sah, war er einigermaßen geschockt, gibt er bei der Fragerunde im Kino am Sendlinger Tor zu: "Sooft wie im Film sage ich echt nicht ,Fuck!'." Ansonsten sei ihm zu wenig Action drin und zu viel Gerede, aber "mittlerweile kann ich den Film anschauen, ohne aus dem Kino zu rennen".

Am Sendlinger Tor war auch eher Reinkommen das Problem. Den Trick mit dem Seiteneingang hatten nicht nur die Fotografen schnell raus, sondern auch das Fan-Volk, und so schrieb Mr Surf erst einmal eine ganze Weile Autogramme, bevor es ins Kino ging, zu all den herrlichen Bildern aus Hawaii, Peru, Namibia und Costa Rica - ganz ohne Surf-Porn ging es dann doch nicht. Was aber auch deutlich wird: Wie viel Druck dieser Perfektionist sich immer und überall macht: Wellen zu niedrig, Bilder nicht spektakulär genug, und überhaupt hätte man diesen oder jenen Aspekt stärker betonen müssen. Sah der Regisseur aber anders. Herrlich auch die mürrischen Blicke, als Naish sich der Disziplin Foiling nähert und tatsächlich ein ums andere Mal stumpf ins Wasser plumpst, als wäre er ein Normalsterblicher.

So ergeht es ihm auch am Tag darauf, am Eisbach. Vor fünf, sechs Jahren sei Naish zuletzt hier gesurft, erzählt Tao Schirrmacher, einer der Local Heroes. Am Morgen hatte ihn die Surf-Ikone angerufen, ob er nicht Lust auf eine Session habe. Schirrmacher war so überrascht wie der Rest der Szene: "Normalerweise ist hier um zwölf fast nichts los", erzählt Janina Zeitler, die Surf-Europameisterin, die fast täglich die Welle reitet. Doch als die Legende um 13.18 Uhr aufs Brett steigt und sich ins Getümmel stürzt, ist doch ganz schön viel Publikum da. Allein: Es hilft dem Meister nicht. Eine Stunde lang versucht er, mit den Locals mitzuhalten, doch bis auf einen respektablen Ritt haut es ihn jedes Mal direkt wieder ins kühle Nass. Und beim sechsten Versuch ist auch unmissverständlich dieses Four-Letter-Word zu hören, das er ja gar nicht so oft benutzt. Denn: Robby Naish, dieser ewig Getriebene, der immer ein Ziel brauchte, auf das er hinschuften kann, er hat nun ein neues Ziel: kein Ziel mehr haben, runterkommen, taking it easy. Es sei ihm gegönnt .

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SZ vom 07.07.2021
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