Open Air im Münchner OlympiaparkSo kommt das Superbloom-Festival beim Publikum an

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„Don't ever give up on your dreams, Ladies and Gentlemen“, fordert Post Malone das Publikum auf. Er ist nicht der erste Star, der am ersten Tag des Superbloom-Festivals diese Worte wählt.
„Don't ever give up on your dreams, Ladies and Gentlemen“, fordert Post Malone das Publikum auf. Er ist nicht der erste Star, der am ersten Tag des Superbloom-Festivals diese Worte wählt. Catherina Hess

Zwischen großen Träumen, Tausenden Selfies und Superstar-Alarm: Das Superbloom-Festival zeigt im Münchner Olympia-Areal, dass Nachhaltigkeit und Awareness eine gute Basis für ein Pop-Open-Air sind.

Von Anna Grimbs, Hannes Christoph Meck und Julinka Goetz

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Die britische Sängerin Raye lächelt charmant in die Menge. „Glücklich zu sein und eine fremde Person einfach nur anzulächeln – das ist doch das, was Musik ausmacht“, sagt sie. Es ist Samstagabend auf der großen Bühne des „Superbloom Festivals“. Tausende Gesichter strahlen zurück. Mit diesen Worten spricht die Sängerin vielen Besucherinnen und Besuchern aus der Seele – mit dieser Aussage, aber auch mit ihrem glamourösen Bühnenoutfit: Haare und Make-up sitzen perfekt. Ihr hautenges Kleid, bestickt mit Glitzersteinchen, funkelt dem Publikum entgegen und dürfte die ein oder andere Zuschauerin neidisch machen.

Mit Leoparden- und Kuhmustern bedruckter Kleidung, kunstvoll drapierten Frisuren und Glitzer dokumentieren viele ihren Superbloom-Besuch mit dem Smartphone – stets darauf bedacht, selbst makellos im Bild zu sein. Obwohl das Festival im Olympiapark mit ästhetischer instagramtauglicher Szenerie glänzt, steht die Musik weiterhin im Mittelpunkt. Ziel des Veranstalters ist es, ein vollumfängliches Pop-Festival für alle zu bieten. Inklusion und Nachhaltigkeit sind ihnen besonders wichtig.

Wurde das Ziel erreicht? Ein Blick auf den ersten Tag des Superbloom-Festivals.

Zwei große Bühnen des Olympiastadions werden abwechselnd bespielt. Während auf der einen der nächste Auftritt vorbereitet wird, findet auf der Bühne daneben ein Konzert statt. Dadurch eröffnet es die Möglichkeit, nur mit kleinen Pausen dazwischen den ganzen Tag über das Stadion zu bespielen. Dort treten sowohl national gefeierte Bands wie Roy Bianco und die Abbrunzati Boys, aber auch Weltstars wie Post Malone und Shawn Mendes auf.

Bereits zum vierten Mal findet an diesem Samstag und Sonntag das Freiluftfestival im Olympiapark statt und empfängt wie in jedem Jahr Zehntausende, überwiegend junge Besucher. Neben den beiden großen Bühnen sind über das ganze Areal mehrere kleinere Bühnen verteilt. Zusätzlich zu den Shows werden Workshops angeboten. Zudem sind Infostände zum Thema Wissenschaft und Kunst überall auf dem Gelände verstreut.

„Superbloom, die Sonne küsst uns“, ruft der junge Berliner Soho Bani ins Publikum.
„Superbloom, die Sonne küsst uns“, ruft der junge Berliner Soho Bani ins Publikum. Catherina Hess

Nach einem eher zähen Start füllt sich gegen 13.30 Uhr das Olympiastadion. Soho Bani betritt, ganz in weiß gekleidet, die Superstage. Die Sonne lässt sein klerikal anmutendes Outfit erstrahlen, fast als umgebe ihn ein Heiligenschein. Erwartungsfreudige Gesichter sind auf die Bühne gerichtet, der 26-jährige Berliner beginnt zu rappen. „Was ihr an euch hasst, ist eure Stärke!“, deklariert er – die Menge jubelt.

Von überhöhten Ansprüchen und mentaler Gesundheit bis zur Angst, nicht genug zu sein: Eine Gen-Z-Sorge nach der anderen arbeitet Soho Bani in seinen Songs ab. Und doch schwappt die Stimmung nicht ganz auf das junge Publikum über. Bis zu seinem letzten Song, den er mit diesen Worten ankündigt: „Fick die AfD, es ist Zeit, dass sich was dreht.“ Die Menge zeigt sich begeistert.

Zwanzig Gehminuten entfernt befindet sich die drittgrößte Bühne des Festivals. Gegen 16 Uhr beginnt das Konzert des venezolanisch-schwedischen Sängers Omar Rudberg. „Hips don’t lie“, das taten sie schon bei Shakira nicht, und so ist es auch bei Rudberg. Lässig schwingt er die Hüfte, tanzt über die Bühne und setzt dabei ein entspanntes Grinsen auf – ein Sunnyboy durch und durch. „Der kann schon was!“ Oder: „Ach so, der ist das!“ Solche Kommentare hört man während seines 45-minütigen Auftritts immer wieder.

Der Netflix-Star ist auch als Musiker erfolgreich: Omar Rudberg.
Der Netflix-Star ist auch als Musiker erfolgreich: Omar Rudberg. Catherina Hess

Doch woher kennt man Omar Rudberg eigentlich? Er wurde vor allem durch die queere Netflix-Serie „Young Royals“ bekannt. Dort spielt er eine der Hauptrollen: den Loverboy des schwedischen Prinzen. Viele sind nur deswegen zu seinem Auftritt gekommen. Er rappt und singt auf Englisch, Schwedisch und Spanisch. Teilweise wechselt er in einem Song zwischen allen drei Sprachen. Dazwischen haucht er großzügig Küsschen ins Publikum und flirtet mit seinen Backroundtänzern – stets gefolgt von Teenie-Girl-Gekreische.

Auf dem anderen Seeufer ist gerade ein Rave im vollen Gange. Dort wird unter wummerndem Beat ausgelassen getanzt. Der Punk-Rock-DJ Stvw sorgt für Stimmung. Nur einen Katzensprung entfernt auf der kleinsten Bühne des Festivals tritt wenig später die Hamburger Sängerin Fyne auf. Über ihrem überschaubaren, aber leidenschaftlichen Publikum schweben Rauchschwaden und Seifenblasen, dazu spiegelt die Sonne sich im See.

Der Auftritt von Raye kam sehr gut an beim Publikum.
Der Auftritt von Raye kam sehr gut an beim Publikum. Catherina Hess
Über das gesamte Gelände waren Infostände zum Thema Wissenschaft und Kunst verstreut. Und für die passende Schminke wurde auch gesorgt.
Über das gesamte Gelände waren Infostände zum Thema Wissenschaft und Kunst verstreut. Und für die passende Schminke wurde auch gesorgt. Catherina Hess
Begeisterte junge Menschen beim Auftritt von Omar Rudberg.
Begeisterte junge Menschen beim Auftritt von Omar Rudberg. Catherina Hess

Wieder zurück ins Olympiastadion: „Ein gewaltiges Meisterwerk, die göttliche Komödie, der absolute Oberhammer“, ertönt es dumpf aus den Lautsprechern. Mit Fanfaren wird pünktlich um 16.35 Uhr „die heilige Messe des Italo-Schlagers“ eröffnet.

Der Wolkenbruch trübt nur kurz die Stimmung

Roy Bianco und die Abbrunzati Boys sind Genies der Selbstinszenierung. Das Stadion ist rappelvoll, Ultra-Fans – römische Lorbeerkranz-Reifen im Haar – schwenken Schals mit der Aufschrift „Bella Napoli“, Liebespärchen liegen sich knutschend in den Armen. Alles scheint perfekt bis zum Wolkenbruch, der wie jedes Jahr beim Superbloom mindestens einmal sein muss. Und das ausgerechnet während des Songs „Amore Mio“.

Das Publikum zeigt sich genervt – wenn auch nur kurz. Die Menschen ziehen sich Regenponchos über. Als die Band „Bella Napoli“ anstimmt, ist die Nässe vergessen. Ein Schlagerstrudel nach dem anderen erfasst die Menge. „Was ein Fiebertraum“, sagt ein Besucher nach der Show anerkennend.

Fünf Minuten später folgt das Kontrastprogramm zum Italo-Schlager. Ein zerstörtes Büro dient nun als Bühnenbild. Zwischen zertrümmertem Mobiliar wütet der Rapper Alligatoah im roten Trainingsanzug, Fellmantel und mit einem Baseballschläger in der Hand. Minutenlang brüllt der jüngst selbst ernannte Metalhead ins Mikrofon. Dann wendet er sich an die Menge: „Wenn ihr heute ein schönes Video mit euch und euren Mädels für Social Media dreht, dann legt den Song drunter.“

Gelegentlich rappt und singt Alligatoah. Hauptsächlich aber pfeffert er Topfpflanzen auf den Boden und fuchtelt mit einem Maschinengewehr herum. „Der ein oder andere mag sich fragen: Alligatoah, warum machst du das?“ Kollektives Nicken. „Für Sex, Drogen und noch mal Sex!“ Es folgt das dazu passende Lied. Jede Überleitung sitzt. Gespickt sind diese Ansagen und die zugehörigen Songs ganz im Alligatoah-Style mit Gesellschaftskritik und allerlei Schimpfwörtern. Und dann kommt die Frage aller Fragen: „Willst du mit mir Drogen nehmen?“ Alle Arme schnellen hoch. Ein Chor aus Stimmen grölt: „Komm, wir geh’n, komm, wir gehen zusammen den Bach runter.“

Wirklich den Bach runtergeht auf dem Superbloom wohl kaum jemand. Sanitäter, Security und Awarenessteams sind präsent. Zwischen den Hauptacts erinnern Durchsagen aus den Lautsprechern daran, auf sich und andere zu achten. Die Kinderfreundlichkeit und weitgehende Barrierefreiheit wird von den Festivalgästen mehrfach gelobt. Für Frustration sorgten jedoch die überfüllten Essensstände und die langen Warteschlangen vor den Toiletten. Von beiden gab es laut Veranstalter genug, jedoch nutzen die meisten nur die Angebote im und direkt am Olympiastadion.

Im Vergleich dazu geht es an den Einlässen der beiden großen Bühnen jedoch flott. So können die Besucher an diesem Abend problemlos alle Hauptacts miterleben.

Nelly Furtados Auftritt entlohnt all jene, die sich vormittags beim kostenlosen Twerk-Workshop eingestimmt haben: Am frühen Abend kommt im Olympiastadion Discostimmung auf. Viele der vor allem jungen Frauen sind ihretwegen und für Post Malone hier. Furtados größte Hits kennen die meisten im jungen Publikum noch aus dem Kindersitz – oder spätestens von einer 2000er-Party.

Das zeigt sich auch an der Reaktion des Publikums: Während bei Hits wie „Say it Right“ oder „Maneater“ die Hüften und Arme geschwungen werden, schaukeln die meisten bei ihren neueren Liedern zaghaft hin und her. Auch Nelly Furtado selbst bewegt sich insgesamt nur wenig auf der Bühne. Anders als ihr 20 Jahre jüngeres Ich, das auf dem Mediascreen erscheint: sonnengebräunt, blondiert, bauchfrei, twerkend. Die Stimmung ist gelöst.

Ein erfolgreicher Abschluss des ersten Festivaltages: Post Malone.
Ein erfolgreicher Abschluss des ersten Festivaltages: Post Malone. Catherina Hess

Zwei Stunden später: Das letzte Konzert des ersten Festivaltages, für viele Besucher der Höhepunkt, ist im vollen Gange. Die meisten tanzen, sogar die Rettungskräfte nicken im Takt. Mit eingestecktem Baumfäller-Hemd eröffnet der bärtige, rundum tätowierte Rapper mit einer Vorstellung seiner Selbst: „My name is Austin Richard Post, Ladies and Gentlemen.“ Das Mikrofon hält Post Malone dabei in seiner rechten Hand, mit der Linken balanciert er einen Becher mit Bier, zwischen Mittel- und Ringfinger steckt eine Zigarette. „Let's fucking party.“

Der 30-jährige Superstar wirkt auf der Bühne routiniert und dennoch chaotisch, wobei das Chaos wohl genauso zu seiner Routine gehört. Einige Male geht er auf die Knie. Zum Ende von „I Fall Apart“, einem Klagelied des gebrochenen Herzens, fällt er sogar vollends auf den Bühnenboden und schmettert im Liegen die letzten Töne.

Seine Übergänge verziert er mit Anekdoten. „Don't ever give up on your dreams, Ladies and Gentlemen“, fordert er das Publikum auf. Er ist nicht der erste Star, der an diesem Tag jene Worte wählt. Und doch scheint der Satz und Auftritt, wie bei vielen der vorangegangenen Acts, ehrlich und unmittelbar aus dem Herzen zu kommen. Zwischen fetziger Pyrotechnik und einer starken Performance sorgt er für einen gefühlvollen Ausklang der ersten Festivalhälfte.

Awareness und Träume – für ein Festival ist das doch eine gute Ausgangsbasis.

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