Statt des obligaten Firmen-Outfits (grünes Poloshirt) trägt Wolfgang Suckfüll heute lieber zivil: buntes geringeltes Polo. Eine Schutzmaßnahme, wie er sagt: „Sonst muss ich mir von jedem anhören, wie lange er schon bei uns einkauft und wie schlimm das jetzt alles ist.“ Das muss ihm niemand erzählen, das weiß er selbst am besten, gibt es doch wohl niemanden, dem dieser Schriftzug neben dem Firmennamen mehr weh tut: „Wir schließen“, steht da in der Türkenstraße 31, wo Suckfülls Großvater Karl 1932 mit Bruder Stefan die Firma „Gebrüder Suckfüll – Detailgeschäft für Eisen- und Haushaltswaren“ gegründet hatte.
Mit der dritten Generation endet nun die Firmengeschichte. „Wir waren schon ein Ankerpunkt in der Gegend hier“, sagt Wolfgang Suckfüll, „für viele hat der Ratsch beim Suckfüll zum Samstags-Ritual gehört.“ Vorbei. Noch bis Ende Juli läuft auf 1000 Quadratmetern der Räumungsverkauf der mehr als 30 000 Artikel, aber glücklich macht das den Firmenchef natürlich nicht: „Schauen’s, jetzt geht die Kassenschlange bis ganz hinter“, sagt der Frühsechziger und zückt das Handy: „Wenn wir diesen Andrang früher gehabt hätten…“

Hatte er aber nicht. Rein betriebswirtschaftlich gesprochen ist die Schließung das Ergebnis eines kumulativen, mehrjährigen Strukturbruchs. Fachleute sprechen von einem strukturellen Nachfrage-Shift: Supermärkte wie Rewe, Edeka, Aldi oder Norma haben während der Pandemie Non-Food-Flächen ausgebaut und Haushalts- und Werkzeugsortimente verkauft; die Kunden kombinierten Grundversorgung mit Ausstattungs- und DIY-Käufen. Prime-Adoption und Liefergewohnheiten verstetigten sich, womit sich die „Bequemlichkeitsgrenze“ zugunsten Online verschob. Steuer- und Förder-Asymmetrien zugunsten großer Plattformen verschärften den Kostendruck.
Parallel hat eine Großbaustellen-Dauerbelastung seit 25 Jahren den Zugang zum Laden systematisch beschädigt, während das zur Stammkundschaft zählende Handwerk im Viertel durch Verdrängung und Auflagen nahezu vollständig erodierte. Hinzu kommen laut Suckfüll politisch begünstigte Logistikzentren und milliardenschwere Rettungen großer Immobilienakteure wie Benko: die Beweiskette für eine Wettbewerbsordnung, in der kleine Händler die Fixkosten tragen, aber nicht mehr die Nachfrage gewinnen.
Die Folge: manifeste Umsatzeinbrüche 2023 bei unveränderten Kosten und externen Umsatz-Killern (monatelange Zufahrtssperrungen, zig Schanigärten), die den wirtschaftlichen Kipppunkt erreicht haben. Internationale Krisen von Corona über Ukraine und Gaza bis Iran sowie staatliche „Sondervermögen“-Debatten senkten die Konsumneigung zusätzlich. Suckfüll musste die Reißleine ziehen: Ladengeschäft einstellen, am projektbasierten Beschlag- und Schließanlagen-Geschäft festhalten. „Das Rad wird nicht zurückgedreht“, sagt Suckfüll, „die Entscheidung ist final.“



Und wird natürlich allgemein bedauert. Statt des Firmenchefs steht am ersten Tag des Räumungsverkaufs Schwester Susanne am Eingang, gibt jedem Kunden einen grünen Einkaufs-Eimer in die Hand und nimmt allerlei Beileidsbekundungen entgegen: „Voll schade, dass ihr schließt“, sagt eine junge Frau im Lauf-Dress; eine alte Frau mit Rollator berichtet, dass sie schon seit 30 Jahren regelmäßig von der Barer Straße hierher zum Einkaufen komme, eine andere Dame meint womöglich nur halb im Scherz: „Ich weiß nicht, wie ich ohne euch überleben soll.“ ‚Alles für den Hand- und Heimwerker‘ war lange der Claim der Suckfülls, aber es gibt in diesem verwinkelten und engen Raum noch viel mehr zu entdecken, etwa einen Schlüsselservice oder das riesige Regal mit Holzschubladen aus den 50er-Jahren. „Das fand ich schon als Kundin toll“, erzählt Maria Müller, eine der 18 Angestellten. Als sie einen Job suchte, habe sie sich gefragt ‚Wo gehst du gerne einkaufen? Zum Suckfüll!‘ – und prompt gab es eine freie Stelle und sie wechselte sozusagen die Seite.
Vorn im Schaufenster werden vor allem Küchen-Utensilien beworben: Die 16-Zentimeter Stielkasserolle der „Spring Topf-Serie Brigade mit Glasdeckel“ ist für 59 statt 89 Euro zu haben, die „Küchenprofi Provence Bauernpfanne“ für 89 statt 119 Euro. Der Andrang ist gewaltig, Tendenz zum Ausnahmezustand findet Wolfgang Suckfüll: „Schon um acht, eine Stunde vor Öffnung, stand eine alte Dame mit Rollator vor der Tür.“ Um neun sei dann ein ganzer Schwall Schnäppchenjäger eingefallen. Suckfüll formuliert es so: „Da waren jetzt nicht nur Stammkunden dabei.“ Von denen habe es zuletzt aber immer weniger gegeben: „Oft standen acht Mann von uns im Laden – und kein einziger Kunde. Schon traurig.“ Jetzt gilt es bis Ende Juli, den Laden, in dem ihn seine Mutter früher schon gewickelt hat, geräumt zu haben, wozu wieder die ganze Familie mit anpackt: Gattin Katharina steht an der Kasse, Tochter Julia und Sohn Timo helfen ebenfalls mit. Eine vierte Generation Sückfüll wird es in der Türkenstraße 31 nicht geben, sagt Wolfgang Suckfüll: „Selbst wenn die Kinder Interesse gehabt hätten: Ich hätte es ihnen nicht empfohlen. Der Einzelhandel stirbt.“

