Stadtgeschichte Es wurde Licht

Alexander Rotter auf einer modernen Fernwärmeleitung.

(Foto: Florian Peljak)

Wie kam der Strom nach München? Davon erzählen die Überreste des ersten Elektrizitätswerks, die der Geschichtslehrer Alexander Rotter durch Zufall entdeckte.

Von Wolfgang Görl

Alexander Rotter steht in den düsteren und staubigen Katakomben der Riemerschmid-Wirtschaftsschule an der Frauenstraße, und wie ein Zirkusdirektor, der seine beste Nummer präsentiert, verkündet er: "Hier unten begann die technische Revolution, in der München in puncto Elektrifizierung Metropolen wie Berlin den Rang abgelaufen hat." Davon aber ist in den unheimlichen Kellerräumen auf den ersten Blick wenig zu sehen: Die Turbinen, Schwungräder und Generatoren, die diese technische Revolution verkörperten, sind längst verschwunden, auch der Katzenbach, der die Apparate antrieb, ist mittlerweile trockengelegt.

An den Kellerwänden aber hat er schwarze Ablagerungen hinterlassen, und je mehr man sich in den Katakomben umsieht, desto mehr Spuren des einstigen technischen Wunders sieht man: Ein gewaltiger gusseiserner Ring, auf Säulen ruhend, rostige Eisenträger, Verschalungen, Turbinenkammern. Hier, sagt Rotter, befand sich das erste städtische Elektrizitätswerk Münchens. Von November 1893 bis Januar 1913 war die Anlage in Betrieb, zunächst lieferte sie Strom für die elektrische Straßenbeleuchtung der Stadt, die letzten Jahre dann für die Druckerei der Verlagsanstalt Dr. Haas, welche die Münchner Zeitung herausgab.

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Alexander Rotter ist Geschichtslehrer, er lebt nicht weit weg von der Riemerschmid-Schule. Vor etwa drei Jahren fiel ihm auf, dass der Keller seines Hauses in alten Zeiten zum Bett des Katzenbachs gehörte. Rotter machte sich daran, dem Lauf des ehemaligen Stadtbachs nachzuspüren, und eines Tages entdeckte er Erstaunliches: die Räume des Westenriederwerks, eben jenes Elektrizitätswerks, das Münchens Straßenlaternen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Leuchten brachte.

Das war deshalb so erstaunlich, weil er überall gelesen hatte, das Werksgebäude sei abgerissen worden. Stimmt aber nicht, wie sich jetzt herausstellt. Es ist lediglich verbaut und versteckt worden, als man 1901 das Schulgebäude errichtete. Wer heute den Innenhof der Riemerschmid-Schule betritt, kann den flachen Baukörper des alten Werks sehen. Wo ehedem die Generatoren standen, befindet sich heute die Mensaküche. Rotter hat die Entdeckung derart - Pardon - elektrisiert, dass er weiter recherchiert hat, und letztendlich ist daraus ein interessantes und kenntnisreiches Buch geworden: "Wasser und Strom für München" lautet der Titel, es ist soeben im Anton H. Konrad-Verlag erschienen.

Ehe man den Katzenbach zur Stromgewinnung nutzte, diente er der städtischen Wasserversorgung. Auch dies ein Glücksfall für den Autor Rotter: So kann er auf überzeugende Weise zwei Geschichten erzählen: Die eine schildert, wie die Bewohner der Stadt an ihr Trinkwasser herankamen; die andere berichtet von der elektrischen Energie, die das um 1900 zur Großstadt gewachsene München in eine moderne Metropole verwandelte. Im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hatten zahllose Bäche das Stadtgebiet durchzogen, die unter anderem Schmiedehämmer und Mühlen antrieben. Aber auch der Müll, Schlachtabfälle und die Fäkalien der Münchner landeten in den Bächen. Einer davon war der Katzenbach.

An seinen Gestaden errichtete man im Bereich der Befestigungsanlage 1614 das Katzenbachbrunnhaus. Der Bach lieferte die Energie für die Pumpen, mit denen das Grundwasser aus der Tiefe geholt wurde. Dreizehn solcher Brunnwerke gab es im 19. Jahrhundert, das Wasser, das sie lieferten, war aber alles andere als rein. Nicht zuletzt deshalb kam es immer wieder zu Typhus- und Cholera-Epidemien. Im Jahr 1854 etwa starben fast 3000 Münchner an den Folgen der Cholera. Allen voran der Chemiker Max von Pettenkofer, der die Ursachen der Epidemie erforschte, forderte: Sauberes Wasser muss her. Anfang der 1880er Jahre entschloss sich die Stadt, ihre Bewohner mit frischem Wasser aus dem Mangfalltal zu versorgen. Nach dem Bau der 44 Kilometer langen Versorgungsleitung waren die Brunnhäuser überflüssig. So wurde auch das Katzenbachbrunnhaus im Jahr 1883 stillgelegt.

Strom sorgte für Straßenbeleuchtung in München

Bei der "Internationalen Elektricitäts-Ausstellung" 1882 im Glaspalast bot der Ingenieur und Elektropionier Oskar von Miller eine beeindruckende Show: Vom 57 Kilometer entfernten Miesbach aus ließ er elektrische Energie über eine Drahtleitung in den Glaspalast fließen, die dort einen künstlichen Wasserfall antrieb. Diese Demonstration einer Fernübertragung ließ ahnen, welche Möglichkeiten in der neuen Technik stecken. Zur selben Zeit begann man damit, die großen Münchner Theater mit Strom zu beleuchten, der mit kohlebetriebenen Dampfmaschinen erzeugt wurde. Oskar von Miller hatte da schon eine andere Idee: "In ganz hervorragendem Interesse ist die Benützung von Wasserkräften für den Betrieb von dynamo-elektrischen Maschinen." Vor allem die Häuser- und Straßenbeleuchtung hatte Miller dabei im Blickfeld. Bis zu diesem Zeitpunkt illuminierten Gaslampen die Stadt, auf deren Betrieb die Münchner Gasbeleuchtungsgesellschaft ein Monopol besaß.

Der Vertrag verzögerte zunächst die Elektrifizierung Münchens. Nach längerem Hin und Her wurde 1891 anstelle des Katzenbachbrunnhauses das Westenriederwerk errichtet, dessen mit Wasserkraft gespeiste Jonval-Turbinen zusammen mit drei Dynamos den Strom für die Straßenbeleuchtung liefern sollten. Allerdings war die Leistung zu gering, um die Stadt im großen Stil zu erleuchten. Kurze Zeit später verwandelte man das ehemalige Muffatbrunnhaus auf der Kalkofeninsel in ein Kraftwerk, das größer war als das Westenriederwerk.

Die beiden Anlagen wurden gekoppelt, vom 27. November 1893 an lieferten sie die Elektroenergie für die Bogenlampen in der Innenstadt. Im Herbst 1895 kam noch das Maxwerk in den Maximiliansanlagen hinzu. Die in Wien erscheinende Zeitschrift für Elektrotechnik schrieb begeistert: "Nach der Fertigstellung der Erweiterung wird München die bei weiten größte elektrische Straßenbeleuchtung des Continents besitzen und die erste Stadt in Europa sein, welche die Verwendung des Bogenlichtes auf allen Straßen des Stadtgebietes ausgedehnt und von einer Luxusbeleuchtung zu einer wirklichen Gebrauchsanlage erweitert hat."

Alexander Rotter: Wasser und Strom für München. Anton H. Konrad Verlag, 144 Seiten mit rund 160 Abbildungen; 34,95 Euro.

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