Verkehrssicherheit:Was Unfallforscher München im Kampf gegen Raser raten

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Verkehrssicherheit: Gerne mal zu schnell in beiden Richtungen: Autofahrer im Berufsverkehr auf dem Mittleren Ring

Gerne mal zu schnell in beiden Richtungen: Autofahrer im Berufsverkehr auf dem Mittleren Ring

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Die Versicherungswirtschaft hat erhoben, wie oft in München zu schnell gefahren wird. Die Zahlen sind rückläufig, trotzdem sind die Experten alles andere als zufrieden.

Von Andreas Schubert

Ein Autofahrer ist mit Tempo 30 unterwegs. Ein Kind läuft auf die Straße. Der Fahrer kann gerade noch bremsen. Wäre er 50 gefahren, hätte er das Kind schon überfahren, bevor er überhaupt auf die Bremse getreten wäre. Denn mit 50 Kilometern pro Stunde ist allein der Reaktionsweg schon länger als der Anhalteweg bei Tempo 30.

Siegfried Brockmann benutzt dieses Bild gerne, um die möglichen Folgen von Raserei zu verdeutlichen. Brockmann ist Unfallforscher beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Am Dienstag hat er im Presseclub erläutert, wie oft die zulässige Höchstgeschwindigkeit an bestimmten Straßen überschritten wird.

Brockmanns Fazit: Das passiert immer noch viel zu häufig, auch wenn sich die Disziplin der Autofahrer inzwischen verbessert hat. 2016 hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) schon einmal die Geschwindigkeiten auf Münchens Straßen gemessen. Damals fuhr in Tempo-50-Bereichen fast jeder Fünfte zu schnell. Heute ist es nur noch knapp jeder Achte. Würden die Stadt und die Polizei die Geschwindigkeit konsequenter überwachen, wären das noch weniger, sagt Brockmann.

Diesen Sommer hat die UDV an 36 Münchner Straßen das Tempo von insgesamt rund 307 000 Autos von einem Ingenieurbüro messen lassen. Dazu postierten sie an Werktagen jeweils für 24 Stunden ein Messgerät am Straßenrand. In 16 Straßen, in denen Tempo 50 gilt, maßen die Ingenieure insgesamt knapp 28 984 Überschreitungen über der Toleranzgrenze von fünf Kilometern pro Stunde. 9177 waren schneller als 60 unterwegs, 921 schneller als 70. Schneller als 80 fuhren 198 Fahrer, 31 sogar schneller als 100. Einen traurigen Rekord stellte ein Raser oder eine Raserin in der Albert-Roßhaupter-Straße mit Tempo 129 auf, an einem Sommertag um 20.45 Uhr. Auf der je Richtung zweispurigen Ausfallstraße zwischen Harras und Mittlerem Ring wurde im Messzeitraum am häufigsten gerast. Jeder Vierte war dort zu schnell unterwegs.

In den drei untersuchten Straßen mit einer Tempo-30-Regelung - Friedenspromenade, Offenbachstraße, Zehntfeldstraße - fuhr jeder Dritte zu schnell. 7317 waren schneller als 35 Kilometer pro Stunde, 2298 schneller als 40. Die 50er-Marke rissen binnen eines Tages 422 Fahrzeuge, 20 waren sogar schneller als 60. Der Rekord von Tempo 68 wurde auf der Friedenspromenade in Trudering gemessen, nachmittags um 16.45 Uhr.

Hamburg zeigt, was Kontrollen bewirken

In Tempo-30-Zonen, in denen das Tempolimit flächendeckend nicht nur auf einer bestimmten Straße gilt, hat die UDV an 14 Punkten messen lassen. Hier war jeder Vierte zu schnell. Der Spitzenwert von 76 Stundenkilometer wurde in der Biedersteiner Straße gemessen, um 14.45 Uhr.

In drei verkehrsberuhigten Bereichen in der Kronwinkler Straße, im Rose-Pichler-Weg und im Zauneidechsenweg hielt sich kaum jemand ans Tempolimit. Dort gilt Tempo 10, allerdings fuhren acht von zehn Personen zu schnell, fünf sogar schneller als 50, wo genau, ist in der Studie nicht aufgelistet. Auch nicht, zu welchen Tages- und Nachtzeiten am häufigsten gerast werde. Doch fest steht: Je weniger Verkehr gerade herrscht, desto mehr drücken die Autofahrer aufs Gaspedal.

Dass in München die Zahl der Raser im Vergleich zu 2016 um durchschnittlich etwa 29 Prozent (ohne verkehrsberuhigte Zonen) gesunken ist, gibt laut Brockmann keinen Grund zur Zufriedenheit. Im Jahr 2017 hat die UDV auch in Hamburg gemessen, das unter den vier deutschen Millionenstädten damals noch so etwas wie die Raserhauptstadt war. Inzwischen hat die Hansestadt begonnen, die Geschwindigkeit intensiver zu kontrollieren, unter anderem mit mehreren mobilen Blitzeranhängern, deren Standort häufig wechselt. Durch diesen Kontrolldruck hat sich die Zahl der Zu-Schnell-Fahrer um 35 Prozent verringert. In München sei die Zahl der Kontrollen zwar nicht gestiegen. Dass sich auch hier etwas verbessert hat, liegt laut Brockmann einerseits an den gestiegenen Benzinpreisen und am neuen Bußgeldkatalog, der deutlich höhere Geldstrafen vorsieht.

Rasen ist teurer geworden. Wer zum Beispiel zwischen elf und 15 Stundenkilometer zu schnell fährt, zahlt nun 50 statt früher 25 Euro. Brockmann schätzt, dass sich das erst einmal nicht ändert. "Wenn die Bußgelder mal erhöht sind, traut sich die nächsten 15 Jahre kein Politiker mehr ran", sagt er. Doch Punkte in der Flensburger Verkehrssünderdatei gibt es nach wie vor erst ab einer Überschreitung von 21 km/h innerorts, ein Fahrverbot ab 31.

Die bei der jüngsten Novelle der Straßenverkehrsordnung zunächst verschärften Regeln für Punkte und Fahrverbote hat der damalige Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nach Protesten wieder zurückgenommen. Das sei ein Fehler gewesen, findet Brockmann.

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