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Straßennamen in München:Zweifelhafte Ehrungen für zweifelhafte Menschen

Über eine Erklärtafel unterm Straßenschild ließe sich Georg Freundorfer öffentlich einordnen.

(Foto: Gino Dambrowski)

In München gibt es mindestens 40 Straßennamen mit "erhöhtem Diskussionsbedarf". Sie sind nach Antisemiten, Rassisten und Nationalsozialisten benannt.

Von Andrea Schlaier

Auf seiner Zither hat Georg Freundorfer ihn 1935 gezupft, den "Gruß an den Obersalzberg", und seine Komposition Hitlers oberbayerischem Domizil gewidmet. Der Unterhaltungskünstler ist mit seinem "Freundorfer Trio" bei "bunten Abenden" der NSDAP aufgetreten, deren Mitglied er nach bisherigen Erkenntnissen gleichwohl nicht war. In seinen "Freundorfer Aufzeichnungen" kommt der Münchner Historiker Martin W. Rühlemann zum Schluss, dass der 1881 im Westend geborene Musiker als Sympathisant der Nazis einzuordnen ist.

Bereits 2015 war das dem Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe Anlass, das Stadtarchiv um weitere Nachforschungen zur Vita Freundorfers zu bitten, schließlich ist nach ihm ein zentraler Platz im Viertel benannt, und man will eine möglichst breite wissenschaftliche Basis für den weiteren Umgang mit der Causa. Eine Umbenennung haben die Politikerinnen und Politiker im Viertel von Anfang an in Betracht gezogen.

So weit wird es nach vorsichtiger Einschätzung von Andreas Heusler vom Stadtarchiv München wohl nicht kommen - auch wenn sein Haus den Fall noch gar nicht eigens erforscht hat. Denn vor Freundorfer stehen wenigstens 40 andere Münchner Straßennamen mit "erhöhtem Diskussionsbedarf". Es geht um Antisemiten, Rassisten und Nationalsozialisten. Nach der vor fünf Jahren von der SPD-Stadtratsfraktion angestoßenen Untersuchung von Münchner Straßennamen durch das Stadtarchiv haben Wissenschaftler insgesamt 6177 fachlich evaluiert, damit nicht jedes Mal wieder von vorne mit der Recherche angefangen werden muss. "Das ist 'ne Menge, und wenn man dem Grundsatz Sorgfalt vor Geschwindigkeit folgt, dann kann man sich vorstellen, dass das eine gewisse Zeit braucht", sagt Heusler.

Das Ergebnis dieser Arbeit sind "eine Long- und eine Shortlist". Die lange Liste umfasse 330 Straßennamen, die zwingend einen Kontextualisierungs- oder Kommentierungsbedarf hätten, also auf kleinen dazugehängten Schildern eingeordnet werden müssten. "Man muss in der Öffentlichkeit deutlich machen, womit wir's hier zu tun haben." Auf der Shortlist stehen 40 Namen mit "erhöhtem Diskussionsbedarf, die in die engere Wahl zur Umbenennung kommen". Ein Expertengremium aus innerstädtischen Fachdienststellen und der Politik setzt sich mit den 40 Straßennamen auseinander und formuliert eine Empfehlung, die dann in den Stadtrat wandert, wo die Entscheidung getroffen wird. "Seit Dezember 2019 haben wir viermal getagt", sagt Heusler. Voraussichtlich Ende 2021 sei man mit der Shortlist durch, dann erst ist die lange an der Reihe, auf ihr steht auch Georg Freundorfer.

"Im Hinblick auf den Freundorfer-Platz gibt's 'ne gewisse Fallhöhe, um eine Entscheidung zu treffen." Historiker Heusler erklärt es am Beispiel "der Figur" Friedrich Hilble, nach dem in Neuhausen eine Straße benannt ist. Hilble war bis 1937 Sozialamtsleiter in München, kein NSDAP-Mitglied, aber "sozialpolitischer Hardliner sondersgleichen, er hat Menschen aktiv geschadet und ins Konzentrationslager Dachau geschickt". Das sei die Fallhöhe, bei der Heuslers Ermessen nach über eine Umbenennung von Straßen nachgedacht werden müsse. Er wolle aber keinesfalls der Entscheidung des Expertengremiums und des Stadtrats vorgreifen; "diesen Freundorfer" müsse man sich ebenfalls sehr genau anschauen und sorgfältig diskutieren. Noch sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zither-Virtuosen, der für sein Heimatquartier den "Schwanthaler Höhe Marsch" komponiert hat, äußerst übersichtlich.

Ob man den Entscheidungsweg innerhalb der städtischen Gremien nicht abkürzen könne, will Daniel Günthör wissen, Vorsitzender des Unterausschusses Kultur und Integration sowie Grünen-Fraktionschef im Bezirksausschuss. Günthör denkt an eine Kommentierungstafel, direkt am Straßenschild und zwar baldmöglichst. Oder gleich weitergehend: "Wir könnten den Platz doch umbenennen mit einem Widerstandkämpfer, da haben wir jede Menge im Viertel."

Und der Bereich habe im Gegensatz zu vielen anderen Beispielen in der Stadt den Vorteil, dass es am Georg-Freundorfer-Platz keine Hausnummern gebe, also keine Wohnadressen geändert werden müssten. Heusler hält eine kritische Kommentierung für möglich, noch bevor sich das Expertengremium mit diesem Fall beschäftigt - vermutlich nicht vor 2022. Ein einordnender Text ließe sich in Kooperation mit dem Geo-Daten-Service entwickeln. Ihm als Historiker läge diese Variante auch näher als eine Umbenennung, weil dann darüber öffentlich diskutiert und das Thema wach gehalten werde.

Die Stadtviertelpolitiker beraten nun, ob sie so ein Vorgehen anstoßen wollen. Eine eindeutige Antwort hat der Sitzungsabend dann doch zu bieten - auf die Frage eines Bürgers, ob denn auch berücksichtigt werde, wie der Straßenname zustande kam. Heusler nickt. Erst 1983 wurde der Platz benannt. "Das muss man sich mal geben. Da hat die Verwaltung nicht hingeguckt, und das muss man auch berücksichtigen."

© SZ vom 24.11.2020/vewo/van
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