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Maxvorstadt:Umstrittenes Gedenken an Nazi-Opfer

Stolpersteine für NS-Opfer in München

Stolpersteine sind in München umstritten, trotzdem wurden sechs Stück in und vor dem Ägyptischen Museum verlegt.

(Foto: Gino Dambrowski)

Auch das Ägyptische Museum des Freistaats erinnert nun mit "Stolpersteinen" an Menschen, die dort einst lebten, dann aber vertrieben und ermordet wurden. Doch eigentlich lehnt die Stadt dies im öffentlichen Raum ab.

Von Jakob Wetzel

Die Nazis wollten das Grundstück - also mussten die Bewohner weg. Zum Beispiel Ernst Darmstädter: Der gebürtige Mannheimer arbeitete in München als Chemiker und gab medizinhistorische Schriften heraus. Er wohnte an der Arcisstraße 28, bis 1934. Dann wurde er enteignet und vertrieben, so wie seine Nachbarin Laura Dobriner: Sie lebte mit zwei Söhnen und ihrer Schwester Henriette Drey an der Arcistraße 32, bis die Nazis kamen. Darmstädter nahm sich später, nach dem Novemberpogrom 1938, das Leben. Drey und Dobriner wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Das Staatliche Ägyptische Museum erinnert nun an diese und drei weitere von den Nationalsozialisten Verfolgte: Seit Freitag liegen drei "Stolpersteine" vor dem Eingang zum Museum an der Gabelsbergerstraße. Drei weitere Gedenkplaketten sind im Foyer angebracht. Es sei bewegend gewesen, in Sichtweite der Nazi-Bauten am Königsplatz Gedenksteine zu verlegen, sagt Terry Swartzberg von der "Initiative Stolpersteine für München".

Das Ägyptische Museum wolle seit Langem an die Geschichte seines Standortes erinnern; die sei auch im Stadtteil kaum bekannt, sagt Museumsdirektorin Sylvia Schoske. Auf dem Grundstück, das sich das 2013 dort eröffnete Museum mit der Hochschule für Fernsehen und Film teilt, wollten die Nazis ab 1938 ein gigantisches Kanzleigebäude errichten, in dem sie die bis dahin über verschiedene Gebäude in der Maxvorstadt verstreute Verwaltung der NSDAP zusammenführen wollten. Geplant war ein wuchtiger, 180 Meter langer Gebäuderiegel. Um dafür Platz zu schaffen, mussten Bürgerhäuser weichen. Wirklich errichtet worden ist dieses Kanzleigebäude nie, fertiggestellt wurde lediglich das Kellergeschoss inklusive massiver Bunkeranlagen. Im Krieg wurden die weiteren Bauarbeiten eingestellt. In den Sechzigerjahren wurde das Gelände dann mit Instituten der Technischen Universität bebaut, die unterirdischen Bunker wurden jedoch erst beim Bau des Ägyptischen Museums entfernt.

Im Foyer des Museums weist eine Tafel mit Übersichtskarte auf diese Geschichte hin. Die neuen "Stolpersteine" sollen zusätzlich darauf aufmerksam machen: So könne man Museumsbesucher ebenso erreichen wie Passanten, hofft Schoske.

Der Weg, den das Museum damit geht, ist freilich umstritten, gerade in München. Das "Stolpersteine"-Projekt des Künstlers Gunter Demnig gilt mit bereits mehr als 80 000 verlegten Steinen als weltweit größte dezentrale Gedenkstätte. Doch in München wurde jahrelang heftig gestritten, ob diese Gedenkform angemessen ist - oder die Ermordeten nicht erneut mit Füßen getreten werden, wenn Plaketten mit ihren Namen in den Boden eingelassen werden. Der Stadtrat verbot daher, "Stolpersteine" auf städtischem Boden zu verlegen und ließ eine Alternative ausarbeiten: ein ebenso dezentrales Gedenkprojekt, das aber mit Stelen und Wandtafeln sowie ausführlichen Biografien im Internet arbeitet und damit ein Gedenken auf Augenhöhe und mit mehr Informationen ermöglichen soll. Seit Juli 2018 werden diese "Erinnerungszeichen" errichtet; mittlerweile gibt es in der Stadt mehr als 70 von ihnen. "Stolpersteine" wurden ebenfalls weiter verlegt, jedoch auf Privatgrund. Das ist nun anders.

Am Freitag protestierte der Verein "Respect & Remember Europe" gegen die Verlegung, forderte den Freistaat auf einzuschreiten und kündigte an, sich mit einer Petition an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zu wenden, um rechtlich klären zu lassen, ob die Steine überhaupt verlegt werden dürfen. Mit "Stolpersteinen" könnte zu wenig Information vermittelt und daher keine Empathie geweckt werden, kritisiert der Verein. Respektvolles Erinnern verlange nach Augenhöhe. Zudem stehe das Ägyptische Museum eben nicht auf Privatgrund. Anders als bei Kunst im öffentlichen Raum sonst üblich, sei aber kein Wettbewerb ausgeschrieben worden. "Warum halten sich Staat und Stadt nicht einvernehmlich an die beiden mehrheitlich beschlossenen Stadtratsbeschlüsse gegen die Verlegung von Stolpersteinen in München?", fragt der Verein.

Warum Steine im Boden und nicht Tafeln oder Stelen? Das Museum wolle damit nicht provozieren, sagt Schoske. Wichtig sei, an die Opfer der Nazi-Diktatur zu erinnern. Dafür gebe es in München zwei Wege. Das städtische Verbot der "Stolpersteine" habe sie nie verstehen können, sagt Schoske. Gerade für Archäologen, die berufsbedingt mit großer Achtsamkeit auf den Boden blickten, seien die Stolpersteine eine passende Form. Und sie finde es schön, dass Passanten den Kopf neigen müssten, um die Inschriften im Boden zu lesen. Als die Münchner "Initiative für Stolpersteine" vorgeschlagen habe, diese Steine zu verlegen, habe sie das daher gerne aufgegriffen.

© SZ vom 24.10.2020/syn
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