Oktoberfest 2022"Schützenliesl" verdrängt "Schönheitskönigin"

Lesezeit: 3 Min.

Musikanten im Volkssängerzelt "Zur Schönheitskönigin" auf der Oidn Wiesn.
Musikanten im Volkssängerzelt "Zur Schönheitskönigin" auf der Oidn Wiesn. Stephan Rumpf

Wirt Lorenz Stiftl erhält erstmals den Zuschlag für das Zelt auf der Oidn Wiesn, sehr zum Verdruss von Wirtin Gerda Reichert und mancher Stadträte. Die Fahrgeschäfte dürfen in diesem Jahr früher aufmachen, die Bierzelte sind länger geöffnet.

Von Heiner Effern

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Bei den Schaustellern und den Wirten vom Oktoberfest fährt der Puls traditionell im Mai schon einmal Achterbahn. Dann entscheidet der Stadtrat in geheimer Sitzung, wer für die Wiesn zugelassen wird und wer nicht. Beim Wirt Lorenz Stiftl dürfte das Adrenalin in diesen Tagen für besonders gute Stimmung sorgen, denn er zählt zu den großen Gewinnern: Erstmals erhielt er den Zuschlag für das Volkssängerzelt auf der Oidn Wiesn. "Wir sind überglücklich, dass wir unseren lang ersehnten Wunsch mit der Oidn Wiesn und der Schützenliesl jetzt gemeinsam mit den Münchner Familien ausleben können", sagte er nach der Entscheidung.

Bitter dürfte die Entscheidung dagegen der bisherigen Wirtin Gerda Reichert aufstoßen, die zuletzt 2019 mit ihrem Mann verantwortlich war. Sie muss nun zusehen, wie ihre "Schönheitskönigin" - so hieß das Zelt - in Stiftls "Schützenliesl" umgetauft wird. Reicherts Mann Peter geht ohnehin getrennte Wege, er wird als Wirt auf dem Oktoberfest die Bräurosl übernehmen. Das stand schon seit Ende 2020 fest, doch die Pandemie hat bisher seine Premiere verhindert. Er wurde von der Brauerei Hacker-Pschorr als Wirt vorgeschlagen und musste sich deshalb weniger Gedanken machen, ob er das Zulassungsverfahren der Stadt übersteht. Das Wirtschaftsreferat bewertet alle Bewerber für die Wiesn mit einem berühmt-berüchtigten Punktesystem. Wer hier die beste Position hat, der kommt zum Zug. Doch die Vergabe der Punkte stellt nicht immer alle Stadträte zufrieden, auch in der Sitzung am Dienstag soll es einigen Unmut gegeben haben. Wirtschaftsreferent und Wiesnchef Clemens Baumgärtner (CSU) musste sich den Vorwurf anhören, dass er die Politik viel zu spät eingebunden habe. Nämlich erst dann, als Änderungen nicht mehr möglich gewesen seien.

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Die Kritik soll vor allem auf die Vergabe des Volkssängerzelts gezielt haben. Nicht wenige Stadträte hätten dort lieber Gerda Reichert als Wirtin behalten. Denn beim Kulturkonzept, das in diesem Zelt eine ganz besondere Rolle spielt, sei sie deutlich vor Stiftl gelegen. Das Konzept, das mit dem Volkssänger Jürgen Kirner erarbeitet wurde, geben viele Mitglieder des Wirtschaftsausschusses nur ungern auf. Doch in der Gesamtpunktzahl lag Stiftl vorne, und der Stadtrat wollte das Punktesystem nicht antasten. Stiftls musikalische Leiterin wird Traudi Siferlinger sein, im Konzept sah das Kulturreferat eine zu hohe Dominanz von Gstanzln und wenig konkrete Ansätze zur eigentlich geforderten Volkssängerei.

Stiftl macht mit der Übernahme des Volkssängerzelts einen Platz bei den Hühnerbratereien frei, den Kathrin Wickenhäuser-Egger, Alexander Egger und Gerd Schmitz übernehmen. Sie kommen erstmals auf die Wiesn und bringen ein neues Zelt mit. Bei den großen Festhallen ändert sich bis auf die erste Saison von Peter Reichert in der Bräurosl nichts Wesentliches.

In diesem besonderen Jahr mussten Wirte und Schausteller allerdings im Frühjahr schon zweimal Achterbahn fahren. Denn nach zwei Jahren Pandemie und wegen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine stand keineswegs fest, dass das Oktoberfest wie geplant vom 17. September bis 3. Oktober stattfinden kann. Vor eineinhalb Wochen erst hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verkündet, dass es die Wiesn dieses Jahr geben wird - ohne Einschränkungen sogar. Diese letzte Zusage hätte ihm der Stadtrat um ein Haar gekippt. Es soll im Wirtschaftsausschuss noch einmal sehr heftig diskutiert worden sein, ob für den Zutritt nicht doch die 2-G-Regel gelten solle. Dem Vernehmen nach hätten die Kontrollen etwa sieben Millionen Euro gekostet. Letztlich blieb es bei einem Oktoberfest ohne Einschränkungen.

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Doch Wirte und Schausteller müssen damit rechnen, dass in den Verträgen mit der Stadt eine Klausel enthalten ist, die die Stadt so weit wie möglich aus der Verantwortung nimmt, sollte eine Absage wegen einer neuen Pandemielage doch notwendig werden. Das beschloss der Wirtschaftsausschuss ebenso wie eine frühere Öffnungszeit für die Geschäfte. Von neun Uhr an können sie aufmachen, was laut Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne) München kulinarisch bereichern könnte: "Gebrannte Mandeln zum Frühstück" seien künftig eine Alternative für Frühaufsteher.

Im Gegenzug dürfen die Festgäste in den Zelten auf der Oidn Wiesn künftig später aufstehen, nämlich eine halbe Stunde. Bisher galt nach dem Schankschluss um 21.30 Uhr, dass die letzte Mass in 30 Minuten zu leeren war. Künftig bleibt dafür eine Stunde. Kein Lob bekam Wiesnchef Baumgärtner für sein Mobilitätskonzept. Zu wenig Einsatz erkannten da die Grünen, das Mobilitätsreferat müsse eingebunden werden. Das habe keine große Leidenschaft dafür gezeigt, konterte Baumgärtner. Am Ende sprach Linken-Stadtrat Stefan Jagel als Anwohner für die Anwohner: Die Einschränkungen durch die Wiesn seien ein "Ärgernis", der Einsatz des Referats sei nicht ausreichend. Bis zum nächsten Jahr muss Baumgärtner da nacharbeiten.

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