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Zwischennutzung in der Maxvorstadt:Maria und die Milliarden

Abrisshaus in München - künstlerische Zwischennutzung, 2021

Ein altes Haus, 26 Kreative, viel Farbe und eine Woche Zeit.

(Foto: Robert Haas)

Das Kollektiv broke.today verwandelt ein Abrisshaus an der Steinheilstraße in ein Gesamtkunstwerk, muss aber wegen Corona auf Publikum verzichten. In den leeren Wohnungen kommen auch Relikte aus dunklen Zeiten zum Vorschein.

Von Benjamin Stolz

Die grob verputzte, ockerfarbene Fassade des Wohnhauses lässt kaum erahnen, dass dahinter Buntes steckt. So sind die Wandbilder in leuchtenden Farben, die hinter der hölzernen Doppeltür warten, im ersten Moment ein ästhetischer Schock und zugleich ein Vorgeschmack auf das, was 26 Künstler innerhalb nur einer Woche in den leer stehenden Wohnungen der Steinheilstraße 14 erschaffen haben. Zwei von ihnen sind Fillin Guas, Mitkurator des sogenannten Trap House, und Graffiti-Künstler Ralf Spitzer. Gemeinsam führen sie durch das vom Künstlerkollektiv broke.today initiierte Gesamtkunstwerk.

Über die knarzenden Treppen geht es zuerst in den dritten Stock hinauf, wo es nach altem Staub und frischer Farbe riecht. Keine Wand ist im Trap House unbemalt, kein Zimmer im Originalzustand. Wegen des Lockdowns darf aber gerade niemand die teilweise aufwendigen Installationen und Gemälde betrachten. Fehlendes Publikum war für Fillin Guas, ein Gründungsmitglied des Kollektivs, kein Grund, das Projekt abzublasen: "Wenn Kunst aufhört zu passieren, dann wird es ganz schön lahm."

Abrisshaus in München - künstlerische Zwischennutzung, 2021

Im Abrissgebäude an der Steinheilstraße befindet sich kein Raum mehr im Originalzustand.

(Foto: Robert Haas)

Die Räume des dritten Stocks sind überwiegend in den Komplementärfarben Orange und Blau gehalten. "Jeder Künstler muss sein Ego vergessen", sagt Guas. Den Urheber der grau-blau-anthrazitfarbenen Wandmalerei im rechten Zimmer darf er gar nicht verraten. "Er ist ein Sprayer, für den sich die Berliner Verkehrsbetriebe schon lange interessieren." Der hohe Anteil von Graffiti-Art im Trap House ist nicht nur den unkompliziert anwendbaren Spraydosen geschuldet, sondern stellt eine Hommage an eine Subkultur Münchner Ursprungs dar.

"Es heißt immer, dass Graffiti-Kunst in Deutschland in Berlin anfing - nein, hier hat es angefangen", sagt Ralf Spitzer, der seit den Neunzigerjahren Teil der szenebekannten ABC-Crew ist. Für das Projekt haben die Kuratoren auch bekannte Graffiti-Künstler aus den Anfangszeiten rekrutiert. Spitzer ist seit zehn Jahren Tätowierer, für das Trap House gürtet er sich aber wieder mit der goldenen Schnalle, die seinen Künstlernamen - "Shamey" - trägt. "Durch Corona habe ich wieder mehr Zeit für die Kunst", sagt der 47-Jährige.

Abrisshaus in München - künstlerische Zwischennutzung, 2021

Maria mit Bitcoin: In den Wohnungen hat das Kollektiv auch Geldverstecke gefunden, im Bild Shamey abc und Fillin Guas.

(Foto: Robert Haas)

An einer bröckelnden Wand im zweiten Stock hängt ein seltsames Bild. Eine Marienfigur mit Heiligenschein hält ein Kind, das im Gesicht das überdimensionierte Logo der Kryptowährung Bitcoin trägt. Rund um die Szene kleben 500 Milliarden "Reichsmark" in bar. "Wir haben hier eine Menge Geld gefunden", erzählt Guas. Mit Noten von einer bis zu einer Milliarde Reichsmark dokumentieren die ausgestellten Scheine aus vergessenen Geldverstecken in den leer stehenden Wohnungen die Hyperinflation einer politisch instabilen Zeit. Reste der Währung aus der Weimarer Republik, die später auch im Dritten Reich galt, sind nicht das einzige Relikt, das man im Wohnhaus fand. Im Erdgeschoss steht ein ganzer Karton voller Devotionalien und Propagandaliteratur aus der NS-Zeit.

Das ausgestellte Geld konfrontiert die Besucher der Schau mit Münchens dunkelster Zeit. So ist der Begriff "trap house" nicht unbedingt als englisches Slang-Wort für "Drogenumschlagplatz" zu verstehen, sondern entfaltet wörtlich übersetzt als "Fallen-Haus" sein Potenzial, zu mahnen und zu erinnern. Es waren nicht die wertlosen Milliarden, sondern es war eine Förderung der Stadt München, die den Künstlerbedarf und die Materialien deckte. Die Miete für Ateliers und Galerien spart sich broke.today seit gut einem Jahr durch das Hin- und Herziehen zwischen leer stehenden Gebäuden. Frühere Projekte betrieb die seit 2019 aktive Gruppe in der 089-Bar oder in der Kaufingertor-Passage.

"Da hinten ist das teuerste Bild der Ausstellung", sagt Fillin Guas und deutet in eine dunkle Wohnung im ersten Stock. Im Flur hängt es: eine Leinwand, beklebt mit Dutzenden von leeren Tabakbeuteln und Zigarettenblättchen. Der Künstler nennt sich "Micci P. aus M.". Der Legende nach hat er für dieses Bild sechs Jahre lang kratzigen Tabak ohne Filter geraucht - und das ist ein Unterfangen, das bekanntlich ins Geld geht. Guas steigt die letzten Treppen hinab ins Erdgeschoss. Im Durchgang zur Straße dominieren Shamey abc dynamische Graffiti-Figuren.

Draußen vor der Doppeltür stößt Dino Maat, der zweite Kurator, verspätet für eine Zigarettenpause dazu. Maat hat den Schlüssel zum Trap House über eine Bekannte organisiert. Obwohl das Haus schon Ende April entkernt werden sollte, glaubt er, "dass nach diesem Monat noch einmal verlängert wird". Deshalb hat das Kollektiv fest vor, die Wohnungen noch einmal komplett umzugestalten. "Wir haben strenge Regeln: kein Alkohol, keine Freunde, nur Künstler, die arbeiten", erklärt Fillin Guas die Haus-Vorschriften.

Bei einer Veranstaltung Anfang April kam es dennoch zu einem Zwischenfall: Die Polizei löste gegen 22 Uhr eine Menschen-Ansammlung im und vor dem Trap House auf und verteilte mehrere Anzeigen wegen Verstößen gegen die Kontaktbeschränkungen. "Wir haben nicht daran gedacht, was passiert, wenn die Leute rausgehen", erklärt sich Guas die missglückte Vernissage.

Ganz risikofrei zeigt die Künstlertruppe ihre versteckten Werke auf einer Instagram-Seite (broke.today), irgendwann später will man ein Buch zusammenstellen. Bis zum endgültigen Abriss darf das aktuelle Projekt von broke.today nicht besucht werden. Münchens coronageplagte Künstler gewinnen hier allerdings zumindest vorübergehend einen Ort, wo die Kunst noch sich selbst genügen darf.

© SZ vom 22.04.2021/infu
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