Dreifachmord-Prozess:Frühe Zweifel an der Suizid-These

Lesezeit: 2 min

Auftakt im Prozess um Dreifachmord von Starnberg

München: Einer von zwei wegen Mordes angeklagten Männer wird vor Beginn der Verhandlung in den Sitzungssaal geführt.

(Foto: dpa)

Ein 21-Jähriger erschießt in Starnberg zuerst seine Eltern, dann sich selbst? Indizien wiesen von Anfang an in eine andere Richtung, sagt die leitende Kommissarin vor Gericht.

Von Andreas Salch

Nur einen Tag, nach dem eine Streife der Polizei am 12. Januar 2020 die Leichen einer dreiköpfigen Familie in einem Haus im Norden von Starnberg gefunden hatte, waren sich die Ermittler sicher: Irgendwann in den frühen Morgenstunden des 11. Januar habe der 21-jährige Sohn, der mit seinen Eltern in dem Haus lebte, erst diese und dann sich selbst mit Schüssen aus einer Pistole getötet.

Am zweiten Verhandlungstag um den sogenannten Dreifachmord von Starnberg vor der Jugendkammer am Landgericht München II berichtete jedoch eine Kriminalhauptkommissarin der Kripo Fürstenfeldbruck, die die Ermittlungen leitete, dass es von Anfang an Zweifel an der Hypothese "Doppelmord mit anschließendem Suizid" gegeben habe. Bei der Untersuchung des Tatorts entdeckten die Fahnder den toten Sohn in seinem Bett. Er hatte einen Kopfschuss.

Die Lage des Getöteten habe jedoch "viele Fragezeichen aufgeworfen", sagte die Kriminalhauptkommissarin bei ihrer Vernehmung. Der 21-Jährige hatte die Pistole, mit der er sich angeblich erschossen hatte, noch in seiner Hand. Sei dies der Fall, so die Ermittlerin, sei "Vorsicht geboten", das lerne man schon auf der Polizeischule. Normalerweise falle einem Suizidenten in dem Moment, in dem er sich tötet, die Waffe nämlich aus der Hand. Zumal dann, wenn sie schwer sei.

Die Pistole, die der 21-Jährige in der Hand hatte, eine sogenannten Selbstladepistole Walther Zella-Mehlis, Modell 9, Kaliber 6,35 Millimeter, gehöre zu den Typen mit einem höherem Gewicht.

Bei der Tatwaffe habe es sich ursprünglich um eine Dekorationswaffe gehandelt, die wieder voll funktionsfähig gemacht worden sei. Warum die Polizei trotz der Zweifel dennoch so schnell mit der These "Doppelmord mit anschließendem Suizid" an die Öffentlichkeit ging, sagte die Ermittlerin der Kripo Fürstenfeldbruck nicht. Nach der Entdeckung der Leichen hatten sich laut Gericht "zahlreiche Zeugen" bei der Polizei gemeldet und angegeben, "wer die Tat begangen haben könnte."

Unter anderem habe eine Frau sogar ihren Ehemann, einen CSU-Politiker, der Tat bezichtigt, sagte die Kripo-Beamtin aus Fürstenfeldbruck. Recherchen jedoch ergaben, dass der Mann mit dem Dreifachmord nichts zu tun habe.

Im Rahmen ihrer Vernehmung berichtet die Ermittlerin nur über den Zeitraum von der Auffindung der Leichen am 12. Januar 2020 bis zur Festnahme der beiden Angeklagten Maximilian B. und Samuel V. Im weiteren Verlauf werden die Richterinnen der Jugendkammer die Beamtin noch einmal laden, um sie unter anderem zu den Vernehmung der mutmaßlichen Täter zu befragen.

Am Tag seiner Festnahme habe sie den 21-jährige Maximilian B. in seiner Zelle in der Kriminalinspektion Fürstenfeldbruck besucht und sich mit ihm unterhalten, sagte die Beamtin. Auf die Frage,ob ihr am Verhalten des Olchingers etwas besonders aufgefallen sei, antwortete sie: Angesichts der Vorwürfe sei der 21-Jährige "erstaunlich ruhig" gewesen. Anders dagegen Samuel V.

Der damals 18-Jährige muss sich nach seiner Festnahme in einer schweren Krise befunden haben. Ein psychiatrischer Sachverständiger sagte, V. habe ihm gesagt, "dass er nicht mehr ausschließen könne, sich das Leben zu nehmen."

Am gestrigen Dienstag wurde Samuel V. 20 Jahre alt. Vor Beginn des Prozesses überreichte ihm sein Verteidiger Alexander Stevens eine Linzer Torte. Auf Nachfrage von Journalisten erklärte der Verteidiger, er habe die Torte selbst gebacken und keinerlei "moralische Bedenken", seinem Mandanten dieses Geschenk zu machen. Und zwar deshalb "weil wir ihn für unschuldig halten", so Stevens.

Zur SZ-Startseite
Auf der Friedrichstraße Ecke Taubenstrasse wächst in einem Blumenkübel ganz unbehelligt von den Passanten und scheinbar

SZ PlusDrogendelikte vor Gericht
:München, die Stadt der Kiffer

Kokain nehmen eher hippe Leute, Heroin ist als Elendsdroge fast aus der Stadt verschwunden. Und Cannabis? Ist dem Münchner Amtsgericht zufolge "die Droge Nummer eins". Gekifft wird offenbar in rauen Mengen - und in allen Bevölkerungsschichten.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB