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Städtepartnerschaft:München will sich nochmal trauen

View of Neve Tzedek district skyline and Mediterranean in the evening Tel Aviv Israel Middle East

Tel Aviv wäre ein möglicher Partner für München.

(Foto: imago/Robert Harding)

Sieben Städtepartnerschaften gibt es bereits, doch im Laufe der Jahre sind die Beziehungen weitgehend eingeschlafen. Nun soll nach langer Pause eine neue Verbindung entstehen - mit einer Stadt in Israel.

Von Julian Hans

Fast ein Vierteljahrhundert hat sich die Stadt an das Keuschheitsgelübde gehalten, das ihr der Ältestenrat vor Jahren auferlegt hatte: Keine neuen Partnerschaften mehr eingehen! Es ist schließlich schon schwer genug, sieben Beziehungen parallel zu führen. So viele ist München seit dem Krieg mit Gemeinden auf der ganzen Welt eingegangen. Und wie bei Partnerschaften zwischen Menschen geht auch solchen zwischen Städten mit den Jahren leicht der Schwung etwas verloren.

Nun aber mehren sich die Signale, dass München sich vielleicht doch noch einmal traut. Die Partnerin steht noch nicht fest, wohl aber ihre Herkunft: Israel. In einem Antrag im Stadtrat baten die Fraktionen von SPD/Volt und Grünen/Rosa Liste am Dienstag den Oberbürgermeister, in dieser Angelegenheit das Gespräch mit der Generalkonsulin des Staates Israel in München zu suchen.

Der ist die Idee schon lange ein Herzensanliegen. "Wir hatten die Idee einer Städtepartnerschaft bereits in der Vergangenheit angebracht und unterstützen den nun eingebrachten Antrag vollkommen", teilt Sandra Simovich mit. Viele andere deutsche Städte haben schon vor langer Zeit Partnerschaften mit Städten in Israel geschlossen. Münchens Vergangenheit als "Hauptstadt der Bewegung" und Geburtsort der NSDAP sieht die Diplomatin dabei nicht als Hindernis, sondern im Gegenteil als einen Grund, sich ganz besonders für eine enge Freundschaft zwischen Israelis und Münchnern einzusetzen.

"Wir erinnern uns auch an die schrecklichen Terror-Anschläge der 1970er Jahre: die versuchte Entführung einer El Al-Maschine auf dem Flughafen Riem, der Brandanschlag auf das Jüdische Altenheim und dann das Olympia-Attentat mit der Ermordung von elf israelischen Sportlern", erklärte Simovich. Gleichwohl sei es über die Jahre gelungen, eine besondere Freundschaft zwischen Israel und Bayern aufzubauen: "Wir sitzen als einziges israelisches Generalkonsulat in der Europäischen Union hier in München", erklärte die Diplomatin. Es gebe unzählige Kooperationen und nicht zuletzt sei München bei Touristen aus Israel ein beliebtes Reiseziel. Eine Städtepartnerschaft könne dazu beitragen, diesen Austausch und diese Freundschaft noch zu vertiefen: "Das wünsche ich mir".

Auch für die Antragstellerinnen im Stadtrat ist Münchens Rolle im Nationalsozialismus ein Hauptmotiv: 75 Jahre nach dem Holocaust über eine Partnerschaft mit einer israelischen Stadt zu sprechen, grenze fast an ein Wunder, sagt Anne Hübner, die Vorsitzende der Stadtratsfraktion von SPD/Volt. "Ich finde es wichtig, dass wir im Rahmen einer solchen Partnerschaft die gemeinsame Vergangenheit weiter aufarbeiten". Aus der Erfahrung mit den sieben Städtepartnerschaften, die München eingegangen ist, habe man gelernt, dass es viel Energie brauche, um diese mit Leben zu füllen und lebendig zu halten. "In den vergangenen Jahren ist wenig passiert", räumt Hübner ein. Ohne eine treibende Kraft im Rathaus komme der Austausch bald zum Erliegen.

Mit den ersten Städtepartnerschaften nach dem Krieg war der Traum nach Versöhnung verbunden, und die Idee einer Art Volksdiplomatie auf kommunaler Ebene. 1954 schloss München eine erste Partnerschaft mit Edinburgh. Sie war aus der Freundschaft mit Lehrern und Schülern aus der schottischen Hauptstadt erwachsen. Es folgten Verona (1960) und Bordeaux (1964). Zu den Olympischen Spielen 1972 ging München erstmals eine Partnerschaft mit einer Stadt außerhalb Europas ein - mit dem mehr als 8000 Kilometer entfernten Sapporo in Japan. Im Jahr des Mauerfalls verpartnerte sich München gleich mit zwei Städten - einer in den USA und einer in der in Auflösung begriffenen Sowjetunion: Cincinnati und Kiew. 1996 war bei der Verbindung mit Simbabwes Hauptstadt Harare schließlich nicht mehr nur Völkerverständigung das Ziel, sondern gleichzeitig Entwicklungshilfe.

Bei Sapporo erschöpfte sich die Partnerschaft in den vergangenen Jahren im Wesentlichen darin, dass der jährlich stattfindende Weihnachtsmarkt in der japanischen Stadt den Titel "Münchner Weihnachtsmarkt" trägt. Mit Edinburgh gab es 2019 einen Schüleraustausch mit 21 Teilnehmern.

Im Rathaus gibt es niemanden, der sich dieser Aufgabe mit voller Kraft widmet. Wenn man die anfallenden Aufgaben zusammenzählt, wäre das vielleicht eine halbe Stelle, schätzt Andrea Deller. Als stellvertretende Leiterin der Protokollabteilung ist sie unter anderem für den Empfang von Delegationen aus den Partnerstädten zuständig. Das Wirtschaftsreferat unterstützt außerdem den Austausch zwischen Unternehmen. Ein festes Budget gibt es für die Pflege der Partnerschaften nicht. Im vergangenen Jahr wendete die Stadt dafür insgesamt 104 000 Euro auf.

Mit den Schulen fing es an

Das Ziel und die Bedeutung von Städtepartnerschaften hat sich über die Jahrzehnte immer wieder gewandelt: Nach dem Krieg waren sie zu allererst ein Weg zur Versöhnung und Verständigung zwischen benachbarten Ländern in Europa. Menschen, die sich vielleicht noch Jahre zuvor auf dem Schlachtfeld gegenüberstanden, wollten sich im Frieden kennenlernen. Der Tourismus war bei Weitem noch nicht so entwickelt wie heute, und ein Austausch zwischen Schulklassen, Sportvereinen oder Chören war eine seltene Möglichkeit, seine Nachbarn in Europa kennenzulernen.

Es war der Stadtschulrat von Edinburgh, der bei einem Besuch in Deutschland mit seinem Münchner Kollegen vereinbarte, regelmäßig gegenseitige Besuche von Schülergruppen zu organisieren. Daraus ging 1954 Münchens erste Städtepartnerschaft hervor. Schüleraustausch zwischen beiden Städten gibt es auch heute noch, aber darüber hinaus findet nicht mehr viel statt.

Die bayerische Kultur und Lebensart spielte bei der Verschwisterung mit Cincinnati und Sapporo eine gewisse Rolle. Sapporo hat in Japan einen Ruf als Bierbrauer-Stadt und Cincinnati richtet nach der Wiesn das zweitgrößte Oktoberfest der Welt aus.

Mit wachsendem Wohlstand kam dann der Gedanke auf, der Welt auch etwas zurückzugeben. Bei der Partnerschaft mit Harare waren Entwicklungszusammenarbeit und Demokratieförderung von Anfang an wichtige Motive. Aber als der Bürgermeister von der autoritären Regierung aus dem Amt gejagt wurde, kam München der Partner abhanden.

Und seit in Verona die rechte Lega Nord den Bürgermeister stellt, sind die Kontakte mit dem von SPD und Grünen dominierten Rathaus in München deutlich abgekühlt. Der einzige Bürgermeister einer Partnerstadt, den Dieter Reiter 2019 in München begrüßte, war Nicolas Florian aus Bordeaux. anh

Oft hängt es von einzelnen Personen ab, die sich für den Austausch engagieren. Wenn sie abtreten, ist manchmal niemand da, der die Staffel übernimmt. So war es mit Hep Monatzeder. Der grüne Bürgermeister war die treibende Kraft hinter der Partnerschaft mit Harare. Monatzeder engagiert sich zwar weiter im Verein "München für Harare", sitzt aber nicht mehr im Rathaus, sondern im Landtag. Bei Kiew war es die grüne Fraktionsvorsitzende Lydia Dietrich, die sich insbesondere für die Rechte von LGBT in der ukrainischen Hauptstadt einsetzte. Seit ihrem Rückzug aus dem Stadtrat vor zwei Jahren hält Dominik Krause die Tradition aufrecht: Der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Fraktion besucht einmal im Jahr die Parade zum Christopher Street Day in Kiew. Und nach Cincinnati fuhr bisher Mario Schmidbauer von der Bayernpartei, um dort auf dem zweitgrößten Oktoberfest der Welt ein Fass anzustechen.

Reiter und Simovich wollen demnächst erörtern, welche Stadt zu München passen könnte. Im Gespräch sind Tel Aviv oder Haifa. Dass die Städtepartnerschaften ein bisschen aus der Mode gekommen seien, hänge wohl auch damit zusammen, dass es heute andere Formen der Integration und der Zusammenarbeit gebe, glaubt SPD-Fraktionschefin Hübner. Auf EU-Ebene sowieso, aber auch im internationalen Austausch über Europa hinaus. "In Zeiten, in denen Städtepartnerschaften geschlossen wurden, war München noch nicht so weit. Inzwischen ist bei der Aufarbeitung der eigenen Geschichte viel passiert", findet sie. Vielleicht sei die Zeit für eine solche besondere Partnerschaft jetzt erst reif.

© SZ vom 19.09.2020/kbl

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