Im Juli 2025 verkündeten die Münchner Stadtwerke (SWM) einen vermeintlich hundertprozentigen Erfolg: „Ab dem Jahr 2025 werden wir so viel Ökostrom in eigenen Anlagen erzeugen, wie München verbraucht.“ Der Stadtrat hatte den SWM vorgegeben, die Menge an Strom, die ganz München benötigt, aus erneuerbaren Quellen herzustellen. Nun, da die Zahlen für 2025 vorliegen, zeigt sich: Die SWM haben zwar die rechnerische Kapazität, ausreichend Ökostrom herzustellen. Die tatsächlich durch Wind-, Photovoltaik- und Wasserkraftanlagen erzeugte Menge aber lag weiterhin unter dem Gesamtverbrauch Münchens.
Entscheidend sind diese drei Werte: Ganz München dürfte laut SWM im vergangenen Jahr knapp 6,2 Terawattstunden (TWh) verbraucht haben. Rechnerisch haben die über halb Europa verstreuten Ökostrom-Anlagen der SWM eine Kapazität von 6,7 TWh. In Wahrheit haben sie aber lediglich etwa 5,8 TWh produziert, gut 93 Prozent des Bedarfs. Das ist immer noch eine stolze Zahl. Aber deckt diese die Erfolgsmeldung?

Die SWM stehen unter Druck. Das Ökostromziel ist ein Politikum in einer Stadt, die 2019 den Klimanotstand ausgerufen hat. Vor ein paar Jahren warben die SWM mit diesem Spruch: „Ökostrom für alle Münchner Haushalte“. Dies kritisierten Klimaschützer als irreführend, schließlich wird das Gros des Ökostroms in Windanlagen in und an der Nordsee oder in Norwegen produziert – und ist nicht der Strom, der unmittelbar in München aus der Steckdose kommt. Die Stadt wird also nicht ausschließlich physikalisch mit dem SWM-Ökostrom versorgt; inzwischen suggerieren das die Stadtwerke auch nicht mehr.
Dann aber, Mitte 2025, der Jubel über das Ökostromziel. Auch die grün-rote Rathauskoalition stimmte in diesen ein – im Sinne der jeweiligen Parteien, SPD und Grüne: „Sozialdemokratischer Erfolg: SWM versorgen ganz München mit Ökostrom.“ Und: „Das ist ein großer Erfolg für die grüne Klimapolitik!“
Es wäre wohl eines der wenigen großen Klimavorhaben, das die Stadt pünktlich erreicht; beim Solarausbau auf den Dächern liegt die Stadt sogar über Plan. Das übergeordnete Ziel aber, dass ganz München bis 2035 und die Verwaltung inklusive der städtischen Unternehmen schon 2030 klimaneutral sein sollen, ist nicht mehr zu schaffen. Und ob die SWM bis 2040 die Fernwärme komplett ohne fossile Energieträger produziert, ist zumindest fraglich.
Das Ökostromziel hat der Stadtrat 2009 beschlossen. Entscheidend dafür sind die Windräder, im Meer und an Land: Sie erzeugen gut 90 Prozent des SWM-Ökostroms, der Rest verteilt sich auf Wasser- und Sonnenkraft. Dass die SWM die Vorgabe des Stadtrats vermutlich verfehlen werden, deutete sich bereits zum Zeitpunkt ihrer Erfolgsmeldung an: In den vier Jahren davor lag der Ist-Wert immer unter dem Planwert, mal minus acht, mal minus 16 Prozent.
In der im April veröffentlichten Geschäftsbilanz für 2025 teilen die SWM erneut mit: „Ökostrom-Ausbauziel erreicht“. Man habe geschafft, was der Stadtrat 2009 vorgegeben habe, und könne nun „nominal“ die benötigte Menge erzeugen. Im Stadtratsbeschluss aber ist nicht von rechnerischer Kapazität die Rede. Vielmehr beauftragte er den städtischen Konzern, „so viel Strom aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, dass damit München als erste deutsche Großstadt (…) bis zum Jahr 2025 alle Privat- und Geschäftskunden zu 100 Prozent versorgen könnte“.
Auf Fragen der SZ verweist ein SWM-Sprecher zunächst auf die Leistung seit 2008, dem Beginn der „Ausbauoffensive Erneuerbare Energien“: Man habe die Erzeugungskapazität von Ökostrom von jährlich 0,5 auf 6,7 TWh erhöht, darauf sei man „sehr stolz“. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die erzeugte Menge seit 2022 fast konstant geblieben, zuletzt sogar leicht gesunken ist.
Grundlage der Ausbauplanung, so der Sprecher, sei die „Nominalplanung“, also die Kapazität der Anlagen in einem durchschnittlichen Jahr. Diese rechnerische Größe habe man seit Beginn des Ausbaus „konsistent verwendet“. Der tatsächliche Stromertrag liege mal darüber, mal darunter, abhängig von Wind, Sonne, Wasser. Rechnerisch habe man für München inzwischen eine „signifikante Überkapazität“ aufgebaut: „In einem durchschnittlichen Jahr ist die Erzeugung also mehr als ausreichend.“ Dass der reale Wert „auch darunter liegen kann“, habe man 2025 „transparent“ kommuniziert.
Die entscheidende, plakativ formulierte Botschaft ist aber so, wie es SWM-Chef Florian Bieberbach in einem PR-Video formuliert: „Der Stadtrat hat einen Beschluss gefasst, (…) dass die Stadtwerke München bis 2025 so viel Ökostrom erzeugen sollen, wie ganz München an Strom verbraucht.“ Und weiter: „Wir sind sehr froh und stolz, heute verkünden zu können, dass wir pünktlich zum Jahr 2025 das 100-Prozent-Ziel erreicht haben.“ In diesem Tenor ist auch der erste Satz der entsprechenden Pressemitteilung formuliert, und in einer Überschrift auf der SWM-Internetseite heißt es: „Erzeugter Ökostrom deckt Münchner Verbrauch.“
Auf die Widersprüche zwischen plakativen SWM-Aussagen und der realen Bilanz geht der Sprecher nicht ein. Er betont aber, dass der Ausbau der Erneuerbaren für die SWM nicht abgeschlossen sei: Da der Strombedarf Münchens „absehbar wachsen wird“, baue man weiter „konsequent“ aus, nun mit Fokus auf der regionalen Erzeugung.
Dass die Stadtwerke ihrem großen Ziel überhaupt so nahegekommen sind, ist einer Entwicklung zu verdanken, die den langjährigen Prognosen widerspricht. Der städtische Energiekonzern war 2009 davon ausgegangen, dass der Strombedarf Münchens kontinuierlich steige, bis auf 7,5 TWh im Zieljahr 2025. Wäre es so gekommen, hätten die SWM ihr Ökostromziel viel deutlicher verfehlt. Tatsächlich sinkt der Strombedarf Münchens seit Jahren. Heute verbraucht München gut 17 Prozent weniger Strom als einst erwartet. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren: Der Wirtschaftseinbruch durch die Pandemie dürfte ebenso eine Rolle spielen wie das Stromsparen infolge des Ukrainekriegs. Vielleicht liegt es auch an der Abwanderung von Industrie.
Thomas Meerpohl leitet das Beteiligungsmanagement der SWM und ist zuständig für den größten Teil der Öko-Energieerzeugung. Er vergleicht sein Unternehmen mit einem Marathonläufer, dem unerwartet die Ziellinie näherkomme, und spricht vom „Glück des Tüchtigen“.
2025 herrscht oft eine Windflaute – das wirkt sich negativ auf die Stromerzeugung aus
Und wie ist zu erklären, dass die Ist-Werte regelmäßig von den Planwerten abweichen, meist nach unten? Meerpohl nennt vier Faktoren, die eine Planung volatil machten. Da seien zunächst Änderungen im Windpark. Weil die SWM zuletzt Windkraftanlagen nicht wie vorgesehen verkauft und zudem andere zugekauft hätten, sei die Kapazität 2025 eigentlich größer als geplant gewesen. Negativ wirke sich die Windintensität aus: Diese sei oft schwächer als erwartet, die ersten drei Quartale 2025 etwa seien schlecht gewesen. Ob die Flaute auf den Klimawandel zurückzuführen ist, sei bislang nicht geklärt, sagt Meerpohl. Er beobachte diese Entwicklung „mit gewisser Sorge“. Drittens liege eine Unwägbarkeit in Ausfällen der Windräder wegen Reparaturen.
Den vierten Faktor nennen Energiefachleute „Abregelung“, auch diese sei „schwer kalkulierbar“: Ein Grund sei ein Überangebot am Strommarkt, sodass die SWM dafür zahlen müssten, Strom einzuspeisen. Dann sei es günstiger, Strom zu beziehen, statt ihn selbst zu erzeugen – Windräder werden gestoppt. Hinzu komme der „Redispatch“. Wenn das lokale Stromnetz bei einer Anlage überlastet sei, werde das Windrad abgestellt. Immerhin, dies sei wirtschaftlich kein Schaden, da dieser Strom trotzdem vergütet werde.
Ein genauer Blick zeigt, dass die 2025 tatsächlich verfügbare Ökostrommenge nochmals unter dem angegebenen Ist-Wert liegt: 0,37 TWh seien zwar vergütet, aber nicht eingespeist worden. Und ob München 2025 wirklich 6,2 TWh verbraucht hat, ist nicht sicher. Diesen Wert kenne man immer erst am Ende des Folgejahres, so der SWM-Sprecher, die 6,2 TWh sind also weiterhin eine Prognose.


