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München:Wie sich das Nazi-Regime die Stadtverwaltung gefügig machte

1. Mai 1933 in München

Mitglieder der neu gegründeten Nazi-Organisation "Deutsche Arbeitsfront" ziehen am 1. Mai 1933 durch die Neuhauser Straße.

(Foto: SZ-Photo)

In seiner mit dem Hochschulpreis ausgezeichneten Dissertation untersucht der Historiker Jan Neubauer die Methoden zur Sicherung der Macht in den Ämtern.

Von Jakob Wetzel

Ulrich Holzner ist einer der ersten gewesen. 1931 hatte er als Chef des Betriebsrates mitgetragen, dass der städtische Schlacht- und Viehhof zehn Nazi-Aktivisten kündigte, nachdem diese Kollegen und Vorgesetzte bedroht hatten. Kaum waren die Nationalsozialisten dann an der Macht, rächten sie sich. Schon Mitte März 1933, noch bevor die Nazis das Rathaus unter ihre Kontrolle gebracht hatten, verschleppten SA-Leute ihren früheren Kollegen Holzner und folterten ihn, später steckten sie ihn ins Konzentrationslager Dachau. Nicht nur Holzner, auch den übrigen Arbeitern musste danach klar sein, wie das Regime mit Widersachern umsprang. Mehrere der Schlachthof-Nazis dagegen saßen später im Münchner Stadtrat.

Ulrich Holzner war nicht der einzige Mitarbeiter der Stadt, dem es in den ersten Monaten der Nazi-Herrschaft schlecht erging. Das Regime habe die Macht in den kommunalen Amtsstuben und Betrieben nicht zuletzt mit dem Knüppel gesichert - doch die Gewalt sei keineswegs alles gewesen, heißt es in der Dissertation von Jan Neubauer, die jetzt unter dem Titel "Arbeiten für den Nationalsozialismus" als Buch erschienen ist. Die Stadt München hat die Arbeit mit ihrem Hochschulpreis ausgezeichnet. Schon seit 2009 lässt sie von der Ludwig-Maximilians-Universität und dem Stadtarchiv erforschen, welche Rolle die Kommunalverwaltung in der Nazi-Zeit gespielt hat. Neubauers Studie ist dazu bereits der sechste Beitrag. Der Historiker beschäftigt sich in ihr mit der nationalsozialistischen Arbeitswelt, mit der Personalstrategie der Stadt und, anhand von Personalakten, auch mit einzelnen Beschäftigten. Und er stellt einmal mehr jene Frage, die sich stets aufdrängt, obwohl sie sich wohl nie völlig nachvollziehbar beantworten lassen wird: Warum nur haben so viele mitgemacht?

Gerade bei der Stadt. Denn die war im Jahr 1933 mit mehr als 15 000 Beschäftigten nicht nur eine der größten Arbeitgeberinnen in der Region, sondern sie trat unmittelbar für das Regime ein. Stärker als in der Privatwirtschaft seien die Beschäftigten hier mit dessen Zielen konfrontiert gewesen - dabei habe der öffentliche Dienst ja nicht nur aus überzeugten Nazis bestanden, schreibt Neubauer. Zugleich war die Stadt systemrelevant, besonders im Krieg: Hätte es nach einer Bombennacht keinen Strom und kein Wasser mehr gegeben, hätte das vielleicht das Regime destabilisiert. Um das zu verhindern, mussten die Nazis die städtischen Mitarbeiter unter Kontrolle behalten, komme was wolle. Und das sei ihnen auch gelungen, stellt Neubauer fest. Die Stadt sei bis zum Einmarsch der Amerikaner 1945 funktionstüchtig geblieben.

Wieso? Neubauer zufolge war zunächst die Ideologie der Nazis anschlussfähig: Antisemitismus, Führerkult und Hass auf die Demokratie hätten bei vielen Mitarbeitern Anklang gefunden. Zusätzlich setzte das Regime auf Einschüchterung und Denunziation, auf kleine Belohnungen sowie auf den Korpsgeist der nationalsozialistischen "Betriebsgemeinschaft" - zu der nicht jeder gehören durfte.

Neubauer beschreibt das alles in vielen kleinen Dingen. Bis September 1933 etwa schmiss die Stadt fast 1000 politische Gegner und Juden hinaus, bis das Innenministerium intervenierte und die Stadt zwang, die meisten wieder einzustellen. Umgekehrt heuerte die Stadt gezielt alte Nazis als Handwerker oder Arbeiter an, um die Mitarbeiter zu kontrollieren und zu indoktrinieren, schreibt Neubauer: Die Neuen bespitzelten nun die Alten, sie sprachen bei Beförderungen und Disziplinarverfahren mit und organisierten etwa gesellige Runden mit antisemitischen Hetzreden. Ähnlich arbeiteten der Reichsbund der Deutschen Beamten und die Deutsche Arbeitsfront. Beide ersetzten die Gewerkschaften, vertraten fortan aber nicht die Arbeitnehmer, sondern überwachten sie und versuchten sie ideologisch zu erziehen. Daneben mussten die Beschäftigten regelmäßig Fragebögen ausfüllen; wer keiner Nazi-Organisation angehörte oder womöglich älter als 27 war, aber noch keine Kinder hatte, musste sich rechtfertigen. Die Stadt führte gemeinschaftliche Speisesäle ein, damit sich beim Essen niemand separieren konnte, und richtete Betriebskantinen ein, um die Mittagspausen zu verkürzen.

Im Krieg, als das Personal zunehmend knapp wurde, setzte die Stadt dann zum einen auf weibliche Arbeitskräfte, zum anderen, und zwar bevorzugt - Frauen sollten sich schließlich im Gesellschaftsbild der Nazis um Heim und Kinder kümmern - auf Zwangsarbeit. Neubauer erzählt von den Lebensbedingungen dieser Gefangenen - und berichtet von Diskussionen in der Stadtspitze, ob man alle diese Menschen im Falle eines Aufstands besser mit Panzern oder mit Sprengstoff töten solle.

Einen klaren Bruch gab es 1945 nicht, so wenig wie 1933. In Fluren der Ämter und Betriebe trafen die einen, die sich mit den Nazis arrangiert hatten, auf die anderen, die entlassen worden oder in Haft gewesen waren. Viele fehlten.

Jan Neubauer: Arbeiten für den Nationalsozialismus. Die Stadt München und ihr Personal im "Dritten Reich", Göttingen: Wallstein Verlag 2020, 452 Seiten, 42 Euro.

© SZ vom 12.10.2020/vewo
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