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Münchner Stadtrat:Die Reisebilanz ist durchwachsen

Der Münchner Stadtrat erhält regelmäßig eine Flugbilanz.

Der Münchner Stadtrat erhält regelmäßig eine Flugbilanz.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Zahl der Flugreisen entwickelt sich in den Fraktionen unterschiedlich: Grüne und SPD steigen seltener in den Flieger, CSU und Bayernpartei deutlich häufiger.

Von Jakob Wetzel

Womöglich haben die großen Demonstrationen von "Fridays for Future" Eindruck im Rathaus hinterlassen, vielleicht war auch ein bisschen Flugscham im Spiel. Das lässt sich zumindest beim Blick auf die Zahlen vermuten. Im Jahr 2019, als es noch keine Corona-Pandemie gab, aber dafür die Klimabewegung weltweit im Fokus der Aufmerksamkeit stand und der Münchner Stadtrat den Klimanotstand ausrief, sind vor allem die Stadträte von SPD und Grünen deutlich weniger oft dienstlich geflogen als in den Jahren zuvor.

Das geht aus dem jüngsten Bericht der Stadt über städtische Flugreisen hervor. Allerdings ist die Bilanz des Stadtrats trotzdem durchwachsen. Denn was die einen an Flügen eingespart haben, das haben die anderen wieder mehr als wettgemacht, allen voran die CSU und die Bayernpartei.

Der Münchner Stadtrat hat bereits 2010 beschlossen, bei allen dienstlichen Flugreisen der Stadt eine Kompensation für das dabei ausgestoßene Treibhausgas Kohlenstoffdioxid zu bezahlen. Nebenbei erhält der Stadtrat dadurch regelmäßig eine Flugbilanz. Die jüngste solche Bilanz hat der Klimaschutz-Ausschuss des Stadtrats nun am Dienstag ohne Diskussion zur Kenntnis genommen.

Vor wenigen Jahren war das noch ganz anders. Da mussten sich insbesondere die Grünen Sticheleien gefallen lassen, waren sie doch 2017 etwas häufiger geflogen als im Jahr zuvor: 32 Mal statt 30 Mal, und das als Öko-Partei! Anspruch und Wirklichkeit klafften auseinander, hieß es. Diesmal dagegen bieten die Grünen kaum Angriffsfläche: 2019 flogen die 13 damaligen Stadträte nur neun Mal. Seltener ging nur die ÖDP in die Luft: Deren Stadträte flogen lediglich zweimal, waren aber auch nur zu zweit. Gemessen an ihrer Fraktionsstärke waren am seltensten die Stadträte der SPD und der Grünen auf dem Luftweg unterwegs.

Die CSU dagegen legte deutlich zu: Ihre Stadträte flogen 2019 am häufigsten von allen Fraktionen, nämlich 43 Mal. Im Vorjahr waren sie nur 28 Mal per Flugzeug gereist. Der damalige zweite Bürgermeister Manuel Pretzl und seine Mitarbeiter wiederum flogen 2019 ganze 13 Mal. Im Vorjahr waren es nur zwei Flüge gewesen.

Die höchste Vielflieger-Quote pro Kopf verzeichneten allerdings nicht die Stadträte der Union, sondern diejenigen aus der Fraktion der Bayernpartei. Die ist im Laufe der zurückliegenden Wahlperiode von anfangs gemäß Wahlergebnis einem Stadtrat durch Übertritte am Ende auf sechs Stadträte angewachsen, und auch bei den Flugreisen hat die Fraktion ordentlich zugelegt. So stiegen ihre Mitglieder 2019 gleich 18 Mal ins Flugzeug - das bedeutet in der Rangliste der Vielflieger Platz zwei hinter der mehr als viermal so großen CSU-Fraktion. Tatsächlich flogen die Stadträte der Bayernpartei doppelt so oft wie die immerhin noch mehr als doppelt so große Fraktion der Grünen.

Insgesamt kam der Stadtrat im Jahr 2019 auf 117 Flugreisen, das waren zehn mehr als 2018. Insofern können sich die Stadträte freuen, dass in der städtischen Statistik nicht nur Dienstreisen der Rathauspolitiker erfasst werden, sondern die aller städtischen Mitarbeiter. Und so fällt die Gesamtstatistik ganz anders aus: 2019 gab es demnach insgesamt um 30 Prozent weniger Flugreisen im Auftrag der Stadt als im Vorjahr. Die Zahl der zurückgelegten Flugkilometer sank von gut 5,1 Millionen Kilometer auf knapp vier Millionen Kilometer. Dabei ging vor allem die Zahl der Kurzstreckenflüge zurück. Und auf dem Boden geblieben sind dafür vor allem die Münchner Philharmoniker.

Die Philharmoniker reisten aus Umweltgründen mit dem Zug nach Paris

Das international renommierte Orchester der Stadt hat freilich wegen seiner vielen Konzertreisen auch das größte Einsparpotenzial. So hatten die Münchner Philharmoniker 2017 ein sehr reisefreudiges Jahr. Wegen einer Tournee nach China stieg die Zahl ihrer Flugreisen von zuvor noch 771 auf 1332. Im Jahr 2018 stand eine dreiwöchige Konzertreise durch Asien an, durch Taiwan, Japan, Korea. Generell habe man viele Einladungen ins Ausland erhalten, weil das Orchester sein 125-jähriges Bestehen feierte, heißt es von den Philharmonikern.

In Zahlen heißt das: Die Anzahl der Flugreisen stieg auf 1918. Im Jahr 2019 dagegen habe es nur eine Tournee in den USA gegeben. Die Musiker flogen daher übers Jahr gerechnet ganze 755 Mal weniger oft. Besonders groß war der Rückgang bei den Kurzstrecken. Gab es 2017 im Kulturreferat inklusive Philharmoniker noch 267 kurze Flüge, stieg die Zahl 2018 auf 670. Im Jahr 2019 waren nur noch 30.

Der Rückgang der Flugreisen liege aber nicht nur an der Tourneetätigkeit, heißt es von den Philharmonikern. Nach Paris etwa sei das Orchester 2019 extra mit dem Zug gefahren, statt zu fliegen. Zuletzt hat sich das Orchester nach "Ökoprofit" zertifiziert, hier habe man sich mit verschiedenen Themen auseinandergesetzt, vom Papiersparen bis zur Klimabilanz von Sälen, sagt ein Sprecher. Und man habe sich unter anderem auch den "Orchestern des Wandels"angeschlossen, einem Zusammenschluss von Musikerinnen und Musikern, die sich für Klimaschutz engagieren und sich unter anderem für die Aufforstung auf Madagaskar einsetzen. Holz von dort ist vielen Musikern nahe: In Musikinstrumenten sind teilweise exotische Hölzer verbaut.

© SZ vom 19.05.2021/wean
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