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Stadtrat:"Ankerzentren sind menschenverachtend"

Die ehemalige Funkkaserne am Frankfurter Ring wurde zum Ankerzentrum für Geflüchtete umfunktioniert. Die Zustände in dem Gebäude sind für eine Mehrheit der Münchner Stadträte nicht tragbar.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Eine Mehrheit im Stadrat würde die beiden Ankerzentren in der Funkkaserne und Am Moosfeld gerne abschaffen.
  • Doch den Mandatsträgern fehlt die Entscheidungsgewalt, die Einrichtungen werden von der Regierung von Oberbayern betrieben.
  • Dennoch will der Stadtrat signifikante Verbesserung der Bedingungen in den Münchner Ankerzentren bewirken.

Wenn es in der Macht des Münchner Stadtrats läge, die sogenannten Ankerzentren für Flüchtlinge wieder abzuschaffen, dann hätte es dafür wohl eine große Mehrheit gegeben. So aber mussten sich die Stadträte in der gemeinsamen Sitzung von Kinder- und Jugendhilfeausschuss und Sozialausschuss damit begnügen, alles zu tun, um die Situation in den beiden von der Regierung von Oberbayern betriebenen Unterkunfts-Dependancen zu verbessern. Unter den schwierigen Bedingungen in der Funkkaserne und der Einrichtung Am Moosfeld leiden vor allem Kinder, Jugendliche und Frauen. Die Stadt will nun rund 1,1 Millionen Euro jährlich ausgeben, um die fachliche Betreuung zu intensivieren, aber auch um Spiel- und Förderangebote aufzubauen.

In der Funkkaserne (370 Plätze) und der Einrichtung Am Moosfeld (400 Plätze) leben Flüchtlinge bis zu 24 Monate. Nach Presseberichten und Begehungen mit dem Sozialreferat hat die Regierung von Oberbayern die Belegung in der Funkkaserne reduziert und mit der Renovierung begonnen. Trotz einiger weiterer Verbesserungen sieht Sozialreferentin Dorothee Schiwy die "Ankerzentren" und ihre Dependancen kritisch. Die in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschriebenen Rechte könnten "nur unzureichend umgesetzt werden", es müsse "sogar von einer das Kindeswohl gefährdenden Umgebung gesprochen werden".

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Ausgleich soll ein "Mini-Family-House" schaffen, das die Innere Mission jetzt als Unterstützungsangebot für Familien in der Funkkaserne eröffnet, wie der Vorstand der Inneren Mission, Günther Bauer, erklärte. Ein weiteres Family-House ist am Moosfeld vorgesehen. Rund 300 000 Euro jährlich gibt die Stadt für beide aus. Zusätzlich will Schiwy das Personal der Sozialbürgerhäuser, die sich um Kinderschutz und soziale Beratung kümmern, um 8,7 Stellen aufstocken. Verstärkt wird auch die psychosoziale Betreuung der Asylbewerber um zwei Stellen.

Die vom Sozialreferat angestrebten Verbesserungen stießen im Rathaus parteiübergreifend auf große Zustimmung. Cetin Oraner (Linke) dankte besonders OB Dieter Reiter (SPD), der sich in einem Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) für die Schließung der "Ankerzentren" eingesetzt hat. Sehr kritisch bewertete auch die städtische Gleichstellungsstelle diese Unterkünfte. Dort seien "grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Schutz nicht gewährleistet", zu dem förderten die Lebensbedingungen Gewalt.

Auch ein CSU-Mann befürwortet Veränderungen

"Ankerzentren sind menschenverachtend", betonte Grünen-Stadträtin Jutta Koller. "Bis sie abgeschafft werden, müssen wir alles machen, um die Menschen dort zu unterstützen." Gerade Kinder und Jugendliche seien durch die Umstände der Flucht traumatisiert, "wir müssen alle Möglichkeiten der Jugendhilfe ausnutzen, um ihnen zu helfen". Koller lobte die zusätzliche psychosoziale Betreuung. Zu versuchen, Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, mit Abschreckung fernzuhalten, sei ein Holzweg, kritisierte Christian Müller (SPD). Soweit möglich müssten wenigstens einigermaßen menschenwürdige Zustände in den "Ankerzentren" hergestellt werden, Ziel aber müsse die Abschaffung bleiben. Der öffentliche Einsatz wegen der Besorgnis erregenden Verhältnisse in der Funkkaserne habe sich gelohnt, sagte auch Günther Bauer. Aber die Verbesserungen begründeten nicht, von der Abschaffung der "Ankerzentren" abzusehen, unter denen vor allem Kinder litten.

Das bekräftigte auch der sozialpolitische Sprecher der CSU, Marian Offman, der in der Funkkaserne Frauen voller Angst vor ihrer Zukunft traf. Unter anderem begegnete er einer nigerianischen Mutter, die von Menschenhändlern entführt und missbraucht worden war. Von der eigenen Familie verstoßen, flüchtete sie mit zwei Kindern auf einem Boot nach Italien und weiter nach Deutschland. Offman wünschte sich, dass die Kinder in der Funkkaserne "eine gute Zukunft bekommen".

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