Ausstellung:Die Freiheit geht auf Sendung

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Ausstellung: Mikrofon von Radio Free Europe, um 1960.

Mikrofon von Radio Free Europe, um 1960.

(Foto: Ernst Jank/Münchner Stadtmuseum)

Die Ausstellung "Radio Free Europe" im Münchner Stadtmuseum und im Jüdischen Museum spürt osteuropäischen Migrationsgeschichten in der Nachkriegszeit nach.

Von Jürgen Moises

Der Kalte Krieg. Das Gleichgewicht des Schreckens. Das sind Begriffe, die viele junge Menschen nur aus dem Geschichtsunterricht oder aus alten James-Bond-Filmen kennen. Für die älteren dagegen waren sie Teil der eigenen Realität. Sie waren der Ausdruck eines ideologischen Disputs, der sich in die Biografien von unzähligen Menschen einschrieb. Ob der Kalte Krieg vor 30 Jahren wirklich sein Ende fand, da ist man sich aktuell nicht mehr so sicher. Gleichzeitig scheint auch Vieles von damals noch nicht auserzählt. Wie stark der Kalte Krieg jedenfalls auch in München einzelne Biografien prägte, das kann man aktuell in einer Ausstellung in der Galerie Einwand des Stadtmuseums und im Foyer des Jüdischen Museums in München erfahren.

"Radio Free Europe. Stimmen aus München im Kalten Krieg" heißt die Doppelschau, die von ihrem Umfang überschaubar ist, die aber einen großen historischen Kosmos aufreißt. Im Großen geht es um den Kalten Krieg, im Kleineren um die Nachkriegszeit und Migration in München. Ein Thema, das bisher in der Wissenschaft nur wenig aufgearbeitet wurde. Wie es "Displaced Persons" (DPs), also Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg in München erging, soll 2023 noch in zwei weiteren Ausstellungen vertieft werden. Außerdem findet vom 5. bis 7. Oktober eine vom Lehrstuhl für Geschichte Ost- und Südosteuropas der LMU organisierte Tagung im Saal des Münchner Stadtmuseums statt.

Während die Tagung "das osteuropäische München in der Nachkriegszeit und im Kalten Krieg" eher breiter in den Blick rückt, geht es in der Ausstellung gezielt um fünf Biografien. Was sie verbindet ist Radio Free Europe: ein amerikanischer, lange in München verorteter Sender, für den sie selber, Verwandte oder Ehepartner tätig waren. Tibor Molek aus dem slowakischen Banská Bystrica etwa arbeitete dort mehr als 40 Jahre, der 1922 in Prag geborene Germanist Peter Demetz war nur für zwei Jahre dabei. Eta Tumanov aus dem lettischen Riga war jahrelang mit dem Chefredakteur von Radio Liberty liiert, das 1976 mit Radio Free Europe fusionierte. Ewgenij Repnikov war genauso wie zuvor sein russischer Vater beim Radio. Und Etienne Bellay lernte Radio Free Europe ebenfalls über den Vater kennen.

Ausstellung: Eingang der Sender Radio Free Europe und Radio Liberty auf einer Fotografie aus dem Jahr 1995.

Eingang der Sender Radio Free Europe und Radio Liberty auf einer Fotografie aus dem Jahr 1995.

(Foto: Münchner Stadtmuseum)

Dass das auf die Sowjetunion bezogene Radio Liberty und das auf die übrigen Ostblock-Staaten Europas konzentrierte Radio Free Europe vorwiegend Exilanten einstellten, hatte seinen Grund. Ging es doch zum einen darum, russische Nachrichten abzufangen und zu analysieren. Zum anderen sendeten die Stationen in mehr als 20 Sprachen Nachrichten, Musik, Sport- und Kulturbeiträge in die Ostblockländer. Die entsprechenden Programme wurden von 1950 bis 1995 in München produziert. Etwa 1400 Mitarbeitende aus mehr als 40 Nationen waren dafür angestellt, darunter viele Künstler, Professoren, Schriftsteller und andere Intellektuelle.

Das Radio war dabei ein Mittel der psychologischen Kriegsführung. Auf jeden Fall war es das in den ersten 20 Jahren, in denen die Stationen der CIA und damit dem Geheimdienst unterstanden. Eine Tatsache, die erst später offiziell bekannt wurde. Und auf die die Sowjetunion mit Störsendern und sogar mit Attentaten reagierte. Dazu gehörte ein Anschlag, der im Februar 1981 auf ein Radiogebäude am Englischen Garten verübt wurde. In der Ausstellung ist dieser durch einen tz-Aufmacher dokumentiert. Acht Menschen wurden damals verletzt und es entstand ein Schaden von vier Millionen D-Mark.

Ausstellung: Mitarbeiter von Radio Free Europe sortieren Hörerpost, Fotografie aus dem Jahr 1960.

Mitarbeiter von Radio Free Europe sortieren Hörerpost, Fotografie aus dem Jahr 1960.

(Foto: Ernst Jank/Münchner Stadtmuseum)

Mindestens zwei Radio-Mitarbeiter wurden außerdem ermordet. Im Sommer 1959 wurde in der Cafeteria der Sendezentrale Gift in die Salzstreuer gefüllt, was aber noch rechtzeitig entdeckt wurde. Und zu diesen "Räuberpistolen" gehört auch, dass Eta Tumanovs Ehemann Oleg nicht nur Chefredakteur von Radio Liberty, sondern auch ein KGB-Agent war. Eta Tumanov erzählt davon in einem kurzen Video-Interview, wie es sie zu allen Porträtierten gibt. Es gibt Texte, historische Dokumente und Objekte sowie kurze Comics, welche Schlüsselszenen aus den jeweiligen Biografien darstellen.

Gezeichnet wurden sie von Studierenden der Hochschule für Kommunikation und Gestaltung in Ulm, die mit den Personen telefoniert oder sie getroffen haben. Dass es diese Zeitzeugen noch gibt, war ein entscheidender Anstoß für dieses Projekt, das eine für die Münchner Stadtgeschichte wichtige Zeit noch einmal ins Bewusstsein holt. Seit 1995 befindet sich die Radio-Free-Europe-Zentrale übrigens in Prag. Es entstehen auch heute noch Hörfunkprogramme in 28 osteuropäischen, vorderasiatischen und zentralasiatischen Sprachen. Der Kalte Krieg, wenn man so will, ist also immer noch auf Sendung.

Radio Free Europe. Stimmen aus München im Kalten Krieg, bis 5. März, Münchner Stadtmuseum und Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 1 und 16

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