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LGBTI-Geschichte:Münchens queere Seite

Regenbogenflaggen zum Christopher Street Day in München, 2020

Der Christopher Street Day ist ein fixer Termin in der Stadt.

(Foto: Robert Haas)

Von schillernden Bars und schwulen Traditionalisten bis hin zu Freddy Mercurys Geburtstagsfeier: Die gleichgeschlechtliche Liebe ist Teil des Münchner Lebens. Eine neue Sammlung soll das nun dokumentieren.

Als der Wirt der Bräurosl damals, vor über 30 Jahren, die Anfrage bekam, sechs Tische für den Münchner Löwenclub zu reservieren, sagte er sofort zu. Er stand den Sechzgern nahe und empfand es als Ehre, die Fans des Fußballvereins bei sich im Zelt begrüßen zu dürfen. Als die Gäste am verabredeten Tag kamen, war das Erstaunen jedoch groß: Denn die "Löwen" waren keine 1860-Anhänger, es waren schwule Männer, allesamt Mitglieder eines der ältesten Leder- und Fetischclubs in Europa.

Drei Jahrzehnte später ist der "Gay Sunday" am ersten Wiesn-Sonntag längst zum Ritual geworden. Tausende Homosexuelle aus aller Welt reisen an, um in der Bräurosl zu feiern, und werden dort vom Oberbürgermeister begrüßt. Außerdem findet am zweiten Oktoberfest-Montag die Prosecco-Wiesn in der Fischer-Vroni statt.

Als das Stadtmuseum eine Ausstellung zum 200-jährigen Jubiläum der Wiesn plante, wollten sich die Kuratoren auch mit der schwulen Seite des Oktoberfests auseinandersetzen. Ursula Eymold, Leiterin der Sammlung Stadtkultur, nahm 2009 Kontakt zum Münchner Löwenclub auf und bekam von den Mitgliedern die ersten Ausstellungstücke: historische Plakate, aber auch besondere Lederhosen und andere Kleidungsstücke. "Es war das erste Mal, dass wir festgestellt haben, wie eng die LGBTI-Geschichte mit Themen verbunden ist, von denen man es gar nicht erwarten würde", sagt sie heute.

Das Museum entschied sich, Münchens LGBTI-Geschichte - die Abkürzung steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transexuell/Transgender und Intersexual - zu einem Sammlungsschwerpunkt zu machen und aktiv nach Zeugnissen Ausschau zu halten. Von nun an musste sich das Team nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart auseinandersetzen. Dabei lässt sich im Nachhinein deutlich einfacher sagen, welche Entwicklungen eine Stadt geprägt haben. "Das zeigt sich schon daran, was einem im Gedächtnis geblieben ist, was als Konsistenz eines Ereignisses oder Themas übrig bleibt", sagt Frauke von der Haar, die das Stadtmuseum seit Januar leitet. "Gegenwartsbezogenes Sammeln erfordert den Mut, die Frage zu stellen: Wie wichtig ist diese Geschichte für München? Und woran mache ich das fest?"

Eine Institution, die sich dieser Aufgabe schon seit mehr als 20 Jahren verschrieben hat, ist das Forum Queeres Archiv München. Ziel des Vereins ist es, die Geschichte von Lesben und Schwulen anhand von Unterlagen und Erinnerungsstücken aus Alltag und Kultur zu dokumentieren. Regelmäßig bietet das Forum Rundgänge durch das eigene Archiv oder "queere" Stadtführungen an. Im Gegensatz zum Stadtmuseum ist es in der homosexuellen Szene etabliert und gut vernetzt. Dem Verein fehlen jedoch die Räumlichkeiten, um große Objekte fachgerecht zu lagern und restaurieren zu können.

Anfang 2019 entschieden sich das Stadtmuseum, das Forum und das Stadtarchiv deshalb zu einer Kooperation. Gemeinsam starteten sie einen Sammlungsaufruf: "Helfen Sie uns dabei, die Geschichte der Münchner Lesben-, Schwulen-, Bi-, Trans*- und Inter*-Communitys sichtbar zu machen und als Teil der Münchner Stadtgeschichte und Erinnerungskultur zu bewahren!", heißt es darin. Das Archiv nimmt vor allem Fotos, Dokumente und Unterlagen entgegen, das Museum Gegenstände mit besonderer Geschichte, das Forum Protestbanner oder Flyer.

"Durch die Zusammenarbeit haben sich neue Türen geöffnet", sagt Eymold. Große Banner von Various Voices, einem schwul-lesbischen Chorfestival, hat das Museum vom Forum übernommen. "Wir versuchen, das gegenseitige Verständnis zu fördern", erklärt Eymold. "Zuletzt haben wir in unser Depot eingeladen, um den Unterschied zwischen guter und professioneller Lagerung zu zeigen. Es reicht für einen langfristigen Erhalt eben nicht aus, einen trockenen Keller zu haben." Ein klassisches Beispiel sei eine Latex-Uniform, die nach einiger Zeit zwischen den Fingern zerbrösele. Eine bestimmte Atmosphäre bei der Lagerung könne gewährleisten, dass sie auch in 100 Jahren noch existiere.

Manchmal, so wie beim Löwenclub auf der Wiesn, braucht es eine Weile, bis man den Zusammenhang zwischen der LGBTI-Geschichte und der Entwicklung der Stadt bemerkt. Manchmal ist der Zusammenhang aber auch offensichtlich. So wie bei der Münchner Aids-Hilfe, sie war die erste regionale Selbsthilfegruppe ihrer Art in Deutschland. Und auch bei der Rosa Liste: 1996 zog sie als erste schwul-lesbische Wählerinitiative Europas in ein Kommunalparlament ein und ist dort bis heute vertreten. "Und natürlich war das Glockenbachviertel schon immer ein Zentrum der Schwulenbewegung, in dem starke Begegnungen stattgefunden haben", sagt Eymold.

Doch welche Art von Objekten erzählt nun schwule, lesbische und trans-Geschichte? Und wie lassen sie sich sammeln? Mit diesen Fragen ist Pia Singer konfrontiert, die das LGBTI-Projekt inzwischen verantwortet. "Wir haben einen roten Sessel aus dem legendären Club Morizz bekommen, der 2012 schließen musste. Die Sessel waren ikonisch, ein Symbol für die Szene in München", sagt Singer. Andere Objekte aber seien nichts weiter als Alltagsgegenstände, die nur durch die mit ihnen verbundene Geschichten relevant würden. Sie zu erzählen, ist die Aufgabe ihrer Besitzer. Mit jedem, der etwas an die Sammlung abgeben möchte, führt Singer ein intensives Gespräch. Auch, um Vertrauen aufzubauen - denn eine Übergabe an das Archiv bedeutete gleichzeitig einen Abschied.

Die erste Frage sei in der Regel, wann das Objekt im Museum zu sehen sein werde. Doch gesammelt wird nicht für einen konkreten Anlass. Stattdessen soll LGBTI-Geschichte zukünftig in allen Bereichen mitgedacht und mitberücksichtigt werden: in jeder Ausstellung, bei jeder Veranstaltung, an jedem Gedenktag. "Nicht als eigenes Thema, sondern als selbstverständlicher Bestandteil dieser Stadt", sagt Singer. Wann genau ein Gegenstand wieder aus dem Archiv geholt wird, kann sie deshalb nicht versprechen.

Um die 100 Objekte seien inzwischen zusammengekommen. "Wenn ich mit den Leuten spreche, merke ich, wie froh sie sind, dass ihre Geschichte anerkannt und sichtbar gemacht wird", sagt Singer. Der Sammlungsaufruf solle die Menschen dazu ermutigen, zu sagen, was für sie Bedeutung habe. Das könne eine Tasse genauso gut sein wie ein Kleidungsstück, das man zum ersten Date trug. Nicht das Museum schreibe die Geschichte, das täten die Münchnerinnen und Münchner selbst.

© SZ vom 25.02.2020
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