Stadtgeheimnisse Zwölf Antworten auf Münchens Mysterien

Organisiert und geordnet: So wirkt München auf den ersten Blick. Wer aber genau hinschaut, entdeckt viele Ungereimtheiten.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Warum sind nicht alle Hausnummern kobaltblau wie vorgeschrieben? Wieso gibt es einen U-Bahnhof, der länger ist als alle anderen? Die Stadt wirft viele Fragen auf.

Die Gleise 1 bis 4 am Hauptbahnhof

Der Münchner Hauptbahnhof ist mit 34 Gleisen der zweitgrößte Bahnhof der Welt. Doch oberirdisch beginnt die Zählung mit Gleis 5. Der Grund: Als der Holzkirchner Flügelbahnhof im Jahr 1922 in Betrieb ging (der Starnberger Flügel ist bereits seit 1893 in Betrieb), hatte der Hauptbahnhof 36 oberirdische Bahnsteige - die Gleise 1 bis 10 waren der Holzkirchner Bahnhof. Als 1972 die S-Bahn in Betrieb ging, bekamen die unterirdischen Bahnsteige die Nummern 1 und 2, die beiden oberirdischen Gleise mit diesen Nummern wurden nicht mehr gebraucht und deshalb stillgelegt. Bei Umbauten in den 1990er-Jahren fielen dann auch die Gleise 3 und 4 weg. Die Nummern der übrigen Gleise behielt die Bahn aufgrund der komplexen Stellwerkslogik des Münchner Gleisvorfeldes bei - vom Zentralstellwerk an der Hackerbrücke aus werden 295 Weichen und weit mehr als 440 Signale gestellt. Man hätte sonst sämtliche Gleise neu den Weichen und Signalen zuordnen müssen. In den 1990ern, so erinnern sich Bahnmitarbeiter, hatte der Hauptbahnhof eine Überkapazität. Dass die Einwohnerzahl Münchens und damit auch der Bahnverkehr in den kommenden Jahren immer mehr zunehmen würde - das war damals nicht absehbar. Andreas Schubert

Das Bier am Viktualienmarkt

München-Anfänger, die schon gelernt haben, dass man Biergärten danach aufsucht, welches Bier sie ausschenken, kommen am Viktualienmarkt schwer ins Schleudern. Dort nämlich gibt's mal Löwenbräu, mal Paulaner, mal Augustiner, Spaten, Hofbräu oder Hacker-Pschorr - aber nie alle gleichzeitig, sondern immer schön abwechselnd. Hintergrund ist, dass die Stadt als Eigentümerin des Markts alle sechs großen Brauereien gleich behandeln will. Als Faustregel kann man festhalten: Alle vier bis sechs Wochen ist eine andere Brauerei dran und darf ein bestimmtes Kontingent ausschenken. Und: Es geht nach Alphabet. Ziemlich kompliziert ist allerdings die Frage, welche Brauerei wie viel ausschenken darf. "Das schwankt von der Hektoliterzahl her oft stark", sagt der Wirt des Biergartens, Werner Hochreiter. Der Grund: Weil der Stadt nicht nur der Viktualienmarkt gehört, sondern zum Beispiel auch noch diverse Theater, das Olympiagelände und der Tierpark, wo Bier ausgeschenkt wird, errechnet der Verein der Münchner Brauereien jährlich ein Gesamtkontingent für alle städtischen Einrichtungen mit Ausschank. Das wird dann gleichmäßig auf die einzelnen Brauereien und Ausschankorte aufgeteilt. Franz Kotteder

Das Badeverbot am Eisbach

(Foto: Catherina Hess)

Sich einfach mal treiben lassen in der hektischen Großstadt, das zählt zu den schönsten Erlebnissen im sommerlichen München. Doch leider ist das offiziell verboten, zumindest das Baden im Eisbach. Die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, die für den Englischen Garten und somit auch für Eisbach, Schwabinger Bach und Oberstjägermeisterbach zuständig ist, hat das Baden im Englischen Garten grundsätzlich untersagt. Besonders der Eisbach gilt wegen seiner teilweise starken Strömung als gefährlich, Schilder warnen deutlich vor der Lebensgefahr in diesem Gewässer. Tatsächlich kommen dort auch immer wieder Menschen ums Leben. Trotzdem lassen sich im Sommer vor allem junge Münchner durch den Park treiben. Kontrolliert wird das Badeverbot üblicherweise nicht, auch Rettungsschwimmer werden nicht eingesetzt. Einerseits liegt das an der großen Ausdehnung des Gebiets, andererseits will die Gartenverwaltung den Eindruck vermeiden, dass es sich mit Bademeistern doch um ein offizielles Flussbad handeln könnte. An der Eisbachwelle dürfen erfahrene Surfer übrigens seit 2010 offiziell aufs Wasser gehen. Baden ist dort aber trotzdem verboten - und ohnehin viel zu gefährlich. Thomas Anlauf

Die Farbe der Hausnummern

Das typische Münchner Hausnummernschild ist - getreu der bayerischen Staatsflagge - weiß-blau. Ein Zufall ist das nicht, denn die Straßennamen- und Hausnummernsatzung der Stadt verlangt explizit weiße Schrift auf kobaltblau emailliertem Eisenblechschild. Ordnung muss sein. Trotzdem findet man in der Stadt auch braune und grüne Schilder, es wären sogar rote oder pinke denkbar. Wie kann das sein? Werner Widemann ist Vermessungsamtsrat und schätzt, dass etwa 90 Prozent aller Schilder in der Stadt blau sind. Jedoch: Vor allem in den Fünfzigerjahren habe es Wohnungsbaugesellschaften gegeben, die - aus welchem Grund auch immer - lieber grüne oder braune Schilder anbrachten. "Solange die noch gut lesbar sind, lassen wir sie nicht austauschen", sagt Widemann. Obwohl sie streng genommen nicht erlaubt sind. Es gibt aber auch eine Möglichkeit, legal andere Farben an die Wand zu bringen: Hauseigentümer können eine Ausnahmegenehmigung beantragen. "Grundsätzlich ist keine Farbe verboten", erklärt Widemann, solange der Kontrast zwischen Nummer und Schild deutlich genug sei, dürften Schilder auch lila sein. Allerdings kämen solche Anträge höchst selten vor. "Das blaue Schild gehört zu München, und den meisten gefällt das auch." Thomas Schmidt

Das Ausschenken unter freiem Himmel

Länger draußen trinken: Am Sendlinger-Tor-Platz ist das kein Problem. Was an anderen Stellen in München verboten ist, ist hier möglich: Drei Betriebe dürfen hier länger als bis 23 Uhr draußen bewirten. Warum? Das liegt an der Umgebung: In Bereichen, in denen laut Kreisverwaltungsreferat "keine unmittelbaren Anwohner in Ihrer Nachtruhe gestört werden könnten", darf länger ausgeschenkt werden. Am Sendlinger-Tor-Platz gibt es drei Betriebe, die zwischen sechs Uhr morgens und drei Uhr nachts draußen bewirten dürfen. Der Weg zur eigenen Freischankfläche führt über die Bezirksinspektion. Hier gibt's ein zweiseitiges Formular, auf dem man sein Vorhaben erläutert, die Lage der Freischankfläche beschreibt und Kontaktdaten der Nachbarn angibt. In der Nähe von Denkmälern ist zudem eine genaue Beschreibung des Mobiliars erforderlich, um "die Einwirkung auf das Stadtbild zu beurteilen". Ist das Formular abgegeben, entscheidet die Bezirksinspektion gemeinsam mit dem zuständigen Bezirksausschuss, der Polizei und bei Lärmfragen auch mit dem Referat für Gesundheit und Umwelt über den Antrag. Stimmen alle zu, steht der Freischankfläche nichts mehr im Wege. Merlin Gröber

Der neue Jingle der Verkehrsgesellschaft

Der neue Jingle, den die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) seit Dezember vor Haltestellenansagen abspielt, ist nicht nur beliebt. Manchen ist er zu laut, manchen zu leise, manche vermissen den Hinweis "nächster Halt". Aber warum kommt einem die Tonfolge f, fis, gis, abgespielt als zwei Sechzehntel und ein Achtel, so bekannt vor? Das erschließt sich nicht sofort. Wer aber bis zu einer Endhaltestelle fährt, bekommt einen erweiterten Jingle vorgespielt, der sich anhört wie das Glockenspiel am Marienplatz und so geht: f, fis, gis, dann kommt zweimal cis als Achtel. Und da dämmert es einem, dass dies ein Motiv aus dem Schäfflertanz ("Aber heit is koid") von Wilhelm Siebenkäs ist. Wer öfter mit der MVG fährt und anfällig für Ohrwürmer ist, der bekommt das Lied unter Umständen den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Die Schäffler tanzen nur alle sieben Jahre. Dem musikalischen Anschlag der MVG sind die Münchner bis auf Weiteres ohne Pause ausgesetzt. Andreas Schubert

Die Jingles der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG)

Hier die Jingles zum Anhören:



Die Trambahnen der Einsteinstraße

Auch der Münchner Nahverkehr birgt so manches Geheimnis, was nichts Schlechtes sein muss. Zum Beispiel beim Grübeln über die Frage, ob und wann denn nun der nächste Bus kommt - dabei lässt sich trefflich die Zeit totschlagen. Viele Fahrgäste, die nicht mit den feinsten Feinheiten der Münchner Verkehrsgesellschaft vertraut sind, fragen sich auch, was es mit den Trams auf sich hat, die zuweilen aus heiterem Himmel auftauchen, die aber gar nicht im Fahrplan vermerkt sind und an denen als Ziel "Einsteinstraße" steht. In diese Tram können Fahrgäste bedenkenlos einsteigen, denn die Züge, die sich auf der sogenannten Einrückfahrt zum Betriebshof befinden, verkehren meistens auf dem ganz normalen Weg der jeweiligen Linie. Bevor der Zug dann diesen regulären Linienweg verlässt, weist eine Durchsage darauf hin. Die Fahrgäste können trotzdem bis zur letzten Haltestelle an der Grillparzerstraße weiterfahren, bevor die Tram in den Betriebshof einbiegt. Alle Trams werden nachts dort abgestellt. Am frühen Morgen steht die "Ausrückfahrt" an, die Züge sind dann auf unterschiedlichen Linienwegen unterwegs. Findige Tram-Fans schätzen die Ein- und Ausrückfahrten wegen Verbindungen, die es regulär nicht gibt. Andreas Schubert

Die Masskrugtresore im Hofbräuhaus

Den Münchnern mangelt es bekanntlich an vielem: sauberer Luft, bezahlbarem Wohnraum, Parkplätzen - und sogar Masskrugtresoren. 616 Plätze gibt es im Münchner Hofbräuhaus, aber wie so oft: nicht für jeden. Geld hilft bei diesem Statussymbol gar nichts. Wer ein Schließfach will, muss mit etwa zwei Jahren Wartezeit rechnen und davor schon fleißig im Hofbräuhaus vorbeischauen. Denn nur wer Mitglied bei einem der mehr als 200 Stammtische ist und von Bedienungen und Stammtischbrüdern und -schwestern auch als solches erkannt wird, kommt überhaupt auf die Liste. Dann wartet man - etwas makaber - quasi auf den Tod, denn freiwillig hat noch keiner seinen Platz im Tresor aufgegeben. Wer einen hat, muss seinen Steinkrug nur rausholen, durchspülen und mit geöffnetem Deckel auf den Tisch stellen, dann weiß die Bedienung: Bitte nachfüllen! Für Münchner Verhältnisse ist die Tresormiete recht günstig, drei Euro pro Jahr. Dann bleibt mehr fürs Bier. Ingrid Fuchs

Der zweite Name der Kaufingerstraße

Dass die Kaufingerstraße ausgerechnet an der Kreuzung mit den eher kleinen Straßenzügen Färbergraben und Augustinerstraße ihren Namen ändert und zur Neuhauser Straße wird - das ist kein Zufall. An dieser Stelle, auf Luftbildern oder in einem Stadtplan noch immer gut am gekrümmten Verlauf der Querstraßen erkennbar, verlief Münchens erste Stadtmauer aus dem späten zwölften Jahrhundert. Wer genau hinsieht, kann auf dem Pflaster der Fußgängerzone vor dem Kaufhaus Hirmer die farbig gekennzeichneten Grundrisse eines nicht mehr existierenden Stadttores entdecken, des Kaufingertors, das wegen seiner reichen Bemalung mit Fresken auch Schöner Turm genannt wurde. Das Tor wurde im Jahr 1807 abgerissen. Auf Höhe der längst abgeräumten ersten Stadtmauer ändern noch zahlreiche weitere Münchner Straßen ihren Namen: Die Weinstraße etwa wird zur Theatinerstraße und die Diener- zur Residenzstraße. Dominik Hutter

Die Diversität des Münchner Kindls

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nicht-Münchner hören das nur ungern, aber München ist häufig weltoffener und moderner als andere Städte. Während die Begriffe "divers" und "drittes Geschlecht" sich nur langsam etablieren, lebt das Münchner Kindl derlei Vielfalt längst vor. Der Beweis stammt aus dem Jahr 1304. Damals war auf dem Stadtwappen ein Mönch abgebildet, die rechte Hand zum Schwur erhoben, in der linken ein rotes Buch. Im 15. Jahrhundert wurden dem Mönch kindlichere Züge verpasst, später wurde die Figur weiter verniedlicht. Dahinter steckte Kunst, nicht Politik. Die Bezeichnung als Münchner Kindl ist erstmals 1727 nachgewiesen. Als Pumuckl-Erfinderin Ellis Kaut im Jahr 1938 in die Rolle schlüpfte, wurde das Kindl weiblich. Seither steckt unter der schwarzen Kutte stets eine Frau - die als Botschafterin Münchens etwa den Einzug der Wiesnwirte anführt. Eine so reibungslose Veränderung wünscht man sich öfter. Leben und leben lassen halt. Ingrid Fuchs

Der U-Bahnhof Goetheplatz

Der Goetheplatz ist die einzige Münchner U-Bahnstation, die nicht auf die Maße des 1971 in Betrieb genommenen U-Bahn-Systems zugeschnitten ist, er ist einige Meter länger. Er wurde bereits 1941 im Rohbau fertiggestellt, zusammen mit dem Streckentunnel Richtung Sendlinger Tor. Damals sollte dort ein anderer Zugtyp verkehren, der eher einer S-Bahn als der heutigen U-Bahn glich - und schlicht länger gewesen wäre. Statt der aktuell bei der U-Bahn üblichen Stromschiene hätte es eine Oberleitung gegeben; bei langsamer Fahrt kann man in den Tunnelwänden Richtung Sendlinger Tor Ausbuchtungen erkennen, in denen die Strommasten untergebracht werden sollten. Die Bauarbeiten wurden 1941 kriegsbedingt eingestellt, der Rohbau diente als Luftschutzbunker und Trümmer-Deponie, später gab es darin auch eine Pilzzucht. Beim Bau der U-Bahn ab 1965 wurden die alten Bauten ins neue System integriert. Dominik Hutter

Die Äußere Wiener Straße

Wer in München nach einer Äußeren Wiener Straße sucht, wird bis zum Wadenkrampf durch die Stadt irren. Auch Google-Maps hilft da nicht weiter, denn es gibt zwar eine Innere Wiener Straße im Stadtteil Haidhausen, von der Äußeren Zwillingsschwester fehlt jedoch jede Spur. Weil die eigenen Beine und das Internet versagen, muss die Stadtverwaltung ran: Beim Geodaten Service München, der sich um die Straßenbenennung kümmert, heißt es: "In München gab es von 1856 bis 1956 auch eine Äußere Wiener Straße, sie wurde im Jahr 1956 in Einsteinstraße umbenannt." Namenspatronin der beiden Wiener Straßen war übrigens nicht die Hauptstadt Österreichs, sondern der Beginn der Landstraße, die München über Braunau und Linz mit Wien verband. Warum aber vor mehr als 60 Jahren Albert Einstein und sein Bruder Alfred als Namensgeber die Landstraße ablösten, weiß selbst bei der Stadtverwaltung niemand mehr. Fridolin Skala

Verkehr in München Die Tram ist nun durchdigitalisiert

Verkehr in München

Die Tram ist nun durchdigitalisiert

Digitale Durchsagen ersetzen die mal grantigen, mal lustigen Schaffner-Kommentare. Irgendetwas fehlt.   Kolumne von Thomas Anlauf