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Stadtplanung:Visionen für das München der Zukunft

Fahrradstraße in München, 2020

An der Sparkassenstraße sind die Radler schon privilegiert. Mehr Raum könnte geschaffen werden, wenn 2200 oberirdische Stellplätze in der Altstadt wegfallen würden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Stadtentwicklungsplan soll bis 2040 festlegen, wo noch gebaut werden kann und wo neue Parks entstehen müssen. Ziel ist es, die Altstadt so schnell wie möglich weitgehend autofrei werden zu lassen.

Von Thomas Anlauf

Auf den ersten Blick wirken die Karten mit ihren bunten Linien, Schraffuren und Kringeln wie Schnittmuster für Kleider. Doch bei näherer Betrachtung entstehen vor dem geistigen Auge neue Stadtbezirke, U-Bahn-Trassen, Parks und andererseits Orte, die künftig besonders vom Klimawandel betroffen sein werden. Der neue Stadtentwicklungsplan für München, den Oberbürgermeister Dieter Reiter, Stadtbaurätin Elisabeth Merk und Stadtplaner Arne Lorz am Freitag vorgestellt haben, ist ein Meilenstein für die Zukunft Münchens. Wenn der Stadtrat dem Konzept am 7. Juli grundsätzlich zustimmt, wird der erste visualisierte und für sämtliche relevanten Handlungsfelder entwickelte Stadtentwicklungsplan seit 1983 eine Grundlage dafür legen, wie sich die Stadt bis 2040 entwickeln kann.

Vor eineinhalb Jahren hat Reiter die Stadtbaurätin gebeten, statt der regelmäßigen Berichte der "Perspektive München" einmal eine optische Gesamtschau zu geben, wo überhaupt noch gebaut werden kann und wo neue Parks entstehen müssen, wo der Verkehr reduziert werden muss und wie gemeinsam mit den Umlandgemeinden die Zukunft geplant werden kann. "Nur wenn man diese Planungsprämissen den politischen Entscheidungen zugrunde legt, kann sich München weiter lebenswert entwickeln", sagt Reiter. "Dafür müssen wir mehr Wert auf das Stadtklima legen, mehr Wert auf eine nachhaltige Mobilität, mehr Wert auch auf die planerischen Abstimmungen mit der Region."

Das Planungsreferat hat in den vergangenen eineinhalb Jahren alle wichtigen Erkenntnisse der verschiedenen Fachbereiche zusammengetragen und sie in Karten visualisiert. Es geht um mehr grüne und untereinander vernetzte Freiräume, die sich in sogenannten Park-Meilen durch die Stadt ziehen. Die Stadtlandschaft ist nun nach ihrer klimatischen Struktur kartiert, das heißt, es sind Räume eingezeichnet, die möglichst erhalten und nicht versiegelt werden sollen, ebenso die innerstädtischen Bereiche, die so stark von der sommerlichen Hitze betroffen sind, dass sie künftig stärker begrünt werden müssen und deshalb auch Tausende oberirdische Parkplätze wegfallen werden.

In den thematischen Karten, die nun auch digitalisiert und miteinander kombiniert werden können, ist natürlich auch die Vision der Mobilität der Zukunft enthalten - mit Radschnellwegen, Trambahn- und U-Bahnplänen, möglichen Seilbahn-Trassen und Ideen für eine Erweiterung des S-Bahn-Netzes. Auch hier ist der Innenstadtbereich so eingefärbt, dass er bis spätestens 2040 entweder autofrei oder "autoarm" wird. Große Fahrradparkanlagen sind ebenso eingezeichnet wie Park&Ride-Stationen, die möglichst am Stadtrand oder außerhalb liegen.

"Stadtplanung kann und darf nie wieder losgelöst vom Mobilitätsgedanken passieren", mahnt Oberbürgermeister Reiter. Für Stadtbaurätin Merk ist es deshalb klar, dass die Altstadt so schnell wie möglich weitgehend autofrei wird, 2200 oberirdische Stellplätze, die wegfallen könnten, würden viel Raum schaffen für Bäume, die die im Sommer aufgeheizte Stadt kühlen könnten.

Trotzdem werde natürlich weiter gebaut, um dem anhaltenden Wohnungsproblem irgendwann einmal Herr zu werden. Allerdings lässt sich aus den Karten für den Entwurf zum Stadtentwicklungsplan herauslesen, dass nicht mehr überall gebaut werden kann. Denn angesichts des Klimawandels könne es sich München überhaupt nicht mehr leisten, Grünflächen künftig zu bebauen. Auch hier soll das digitale Kartenwerk wichtige Hinweise geben, nicht nur für Stadtplaner, sondern auch für Investoren, Umweltschützer und vor allem die Münchnerinnen und Münchner, die wissen wollen, wo denn künftig neue Stadtquartiere entstehen könnten und wo wiederum neue Parks und Grünanlagen oder auch soziale Einrichtungen.

Gerade die Münchner sollen deshalb ausführlich mitdiskutieren können, wie die Stadt der Zukunft aussieht. Wenn der Stadtrat dem Entwurf des Planungsreferats zustimmt, soll es nicht nur mehrtägige Workshops mit etwa einhundert zufällig ausgewählten Bürgern geben, sondern auch regelmäßige Veranstaltungen und Ausstellungen im Plantreff an der Blumenstraße, auch die Bezirksausschüsse können natürlich über die Entwürfe diskutieren.

Außerdem ist ein enger Kontakt mit den Umlandgemeinden und -landkreisen geplant. "Wir werden uns sehr deutlich mit den Landräten und Bürgermeistern abstimmen", sagt Reiter. Ohne die werde eine vernünftige Stadtentwicklung auch im Hinblick auf den Klimawandel nicht funktionieren. Für ihn ist der Entwurf zum Stadtentwicklungsplan "ein Startschuss, wie es ihn seit Jahrzehnten nicht gegeben hat". Der SPD-Politiker weiß, dass dringend die Weichengestellt werden müssen: "Es geht um die Zukunft der ganzen Stadt."

© SZ vom 26.06.2021/kafe
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