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Stadtentwicklung:Mehr Verrücktheit für die Stadt

Diskussion über München mit (von links) Michi Kern, Anna Kleeblatt, Alain Thierstein, Elisabeth Merk, Dietmar Holzapfel und Christos Chantzaras.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Make Munich Weird" - das wünscht sich die gleichnamige Initiative. Konkrete Ideen oder Visionen kommen bei einer Debatte aber nicht heraus

Von Sabine Buchwald

München ist eine privilegiert gelegene Stadt, in der es sich angenehm sicher leben lässt. Man kann über die Verdichtung stöhnen, die das Wachstum mit sich bringt und über die steil steigenden Preise für Wohnraum und Lebensunterhalt. Auf solche Jammerei kann man aber auch mal verzichten, weil sie ohnehin Thema Nummer eins ist - bei den Zwanzigjährigen wie bei denen, die 30 oder älter sind. Und so war es sinnvoll, dass am Mittwochabend darüber nicht lamentiert wurde während der Diskussion über ein programmatisches Manko dieser Stadt: über deren fehlende Weirdness, also Verrücktheit. Davon könnte München eine große Portion mehr gebrauchen, meinten sowohl die Gäste wie auch die Gastgeber der Veranstaltung. Letztere haben dieses Ansinnen plakativ zum Namen ihrer Initiative gemacht: "Make Munich Weird". Dahinter stehen neben anderen die Architektur-Professoren der TU München, Christos Chantzaras und Alain Thierstein, Thomas Sattelberger, Mitglied des Bundestags (FDP) und auch Isabell Welpe vom TU-Lehrstuhl für Strategie und Organisation, die wegen Krankheit an diesem Abend nicht dabei sein konnte. Zwei Gedanken vorweg: Es ist immer gut miteinander zu sprechen. Und es passt zu München, dass man nach zweieinhalb Stunden Input und Diskussion zu einem zukunftsweisenden Thema in offensichtlichem Wohlgefallen auseinander geht. Weil man nun mal einander braucht, das jedenfalls wurde deutlich.

Ganz sicher war man sich von Seiten der Initiatoren wohl nicht, ob man richtig verstanden werden würde. Denn "weird sein" kann man durchaus unterschiedlich auslegen. Kreativität ist schön und gut, aber das ganz und gar Verrückte, das eventuell auch wehtut, das will man in dieser Stadt wohl nicht. Und so setzte man einleitend mit kurzen Vorträgen den Fokus des Abends: die Gestaltung von Raum, einen möglichst mutigen Umgang damit und auf diesem Wege auch eine Weiterentwicklung des Stadtlebens.

Es war zu hören, dass Stadtentwicklung mit "Technologie, Talent und Toleranz" zusammenhänge (Chantzaras) und mit der Kraft sich "neu zu erfinden" (Thierstein). Laut Sattelberger keinesfalls durch Bewahrung des Ist-Zustands oder gar einer Rückbesinnung zum Alten: "Change in the City", Veränderung in der Stadt, sei für ihn wie die "Hefe im Teig".

Zum Gespräch hatte man Menschen eingeladen, die in München Dinge entscheiden und vorantreiben, die aus ihrem Arbeitsalltag, von ihren Erfahrungen und Visionen erzählten: Dietmar Holzapfel, seit Jahrzehnten Betreiber des Hotels Deutsche Eiche, und Michi Kern, Gastronom und Unternehmer, der etwa die Veranstaltungshalle Utopia betreibt, die freie Kultur-Unternehmerin Anna Kleeblatt und Stadtbaurätin Elisabeth Merk. "Ein Panel der Arrivierten", sagte Sattelberger dazu, der als einziger den Wunsch nach mehr Auseinandersetzung äußerte. Dann aber hätte man wohl die Rebellen einladen sollen, von denen etwa Kulturunternehmer Daniel Hahn an diesem Abend spricht. Wer das aber ist, wird nicht gesagt. Von Stehen Hahn und Merks Stellvertreter Thomas Rehn auf der Bühne fallen jedenfalls keine rebellischen Worte. Rehn sei der beste Mann in der Lokalbaukommission, lobte Hahn. Rehn wiederum zeigte sich von dem 29-Jährigen, der die Alte Utting auf die Brücke am Großmarktgelände stellte, "begeistert", weil er "extrem mutig" sei.

Mehr Mut, mehr Unternehmergeist wie sie Holzapfel, Kern und Hahn beweisen, etwa auch um Zwischennutzung von Räumen zu realisieren, wurde unisono gefordert. Dass dies nicht selten mit finanziellem Risiko einhergeht, betonte Anna Kleeblatt: Zwischennutzung sei fein, aber mache auf Dauer müde. "Als Veranstalter muss man auch ein bisschen Perspektive haben", sagte sie. Die ganz Jungen hätten kein Geld und bekämen auch keins - etwa von der Stadt oder gar von ansässigen Firmen, bemängelte sie. Und überhaupt: "München ist zu brav."

Dass ihr Engagement ein immerwährender Kampf sei, sagten Kern und Hahn. Wohl eine Selbstverständlichkeit. Die Lokalbaukommission, "vor der alle zitterten" (Kern), reagiere nicht darauf. Sie und die "Übermacht des Denkmalschutzes" seien eine Bremse, hieß es. Eine Dachterrasse auf einem Haus in der Klenzestraße, sagte Holzapfel, scheitere wohl daran. Am Ende: Keine konkreten Ideen, keine Visionen, aber Zeichen für Diskussionsbereitschaft. Außerdem die Erkenntnis, dass die Stadt mehr Zugang zur kreativen Szene braucht. Ihre Vertreter saßen vielleicht im Publikum. Vielleicht waren es jene, die still vorzeitig die Halle verlassen hatten.

© SZ vom 28.02.2020
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