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Stadtarchiv:Archivare fürchten um Unabhängigkeit

Muenchen Erweiterungsbau des Stadtarchiv in der Wizererstrasse 68

Die Stadt München verfügt in Schwabing über das größte Kommunalarchiv Deutschlands.

(Foto: Imago)

Nach dem Willen der Grünen soll das Stadtarchiv in einem neuen Institut für Stadtgeschichte aufgehen. Die Leitungsposition ist seit Monaten vakant.

Von Heiner Effern

Als der bisherige Stadtarchivar Michael Stephan zum 1. Mai in den Ruhestand getreten ist, verabschiedete er sich wehmütig von seinem Traumjob. Nun aber befürchtet er, dass seiner Institution Schlimmes droht: der Verlust der aus seiner Sicht unbedingt gebotenen Unabhängigkeit. Die Wahl des Nachfolgers ist nach der Vorstellung der Bewerber am 20. Februar dieses Jahres geplatzt.

Der Stadtrat mochte keinen von ihnen einstellen. Seither ist die Stelle offen, vor allem wegen der Grünen. Diese wollen das Stadtarchiv aus dem Direktorium, also dem Referat des Oberbürgermeisters, nehmen und es dem Kulturreferat zuschlagen. Diese Neuorganisation hätte zur Folge, dass wohl kein ausgebildeter Archivar an der Spitze eines neu zu bildenden Instituts für Stadtgeschichte mehr stehen müsste.

"Das wäre für uns der worst case", sagt Stephan. Mit wir meint er nicht nur seine ehemaligen Kollegen in München, für die er wohl sprechen dürfte, die sich selbst jedoch nicht äußern wollten. Er meint auch seine ganze Zunft im Land. Der Vorsitzende des Verbands der deutschen Archivare (VdA), Ralf Jacob, betont in einem Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dass ein Archiv nur jemand mit Fachausbildung leiten dürfe. "Eine andersgeartete Entscheidung bei der Wiederbesetzung würde die systemrelevante Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Stadtarchivs beschädigen und katastrophale Signale in das gesamte kommunale Archivwesen senden."

Ein "veraltetes Verständnis" von Archivarbeit

Als Hauptargument führen die Archivare ins Feld, dass sie nicht nur einen Beitrag zur Stadthistorie und zur Erinnerungsarbeit im Sinne einer Kulturinstitution leisten sollen, sondern dass sie einen konkreten gesetzlichen Auftrag haben. Der umfasse im Kern "Überlieferungsbildung und Bewertung, Erhaltung, Erschließung und Nutzbarmachung von Archivgut".

Dafür verfügt München in Schwabing über das größte Kommunalarchiv Deutschlands. Dort findet sich auf 20 Regalkilometern Material aus städtischen Ämtern und Betrieben, privaten Nachlässen und noch viel mehr Quellen. Die Grünen sehen im Eigenleben der Institution ein "veraltetes Verständnis" von Archivarbeit und wollen die gesamte historische Arbeit in München in einer Behörde zusammenfassen. Anfangs sah es so aus, als ob sich die Archivare durchsetzen könnten.

Als die Grünen im Juli 2019 ihren Antrag stellten, befanden sie sich noch in der Opposition. Doch dann platzte die Wahl des neuen Chefs, und danach änderten sich in der Kommunalwahl die Machtverhältnisse. Die Grünen sind als stärkste Fraktion an der Regierung, und auf Nachfrage heißt es aus dem Direktorium, dass sich der Ältestenrat des Stadtrats auf ein neues Vorgehen festgelegt habe. Zuerst solle der Antrag der Grünen behandelt und dann über die Chefstelle entschieden werden.

Liest man den Koalitionsvertrag von Grün-Rot, ist die Lage eindeutig: "Das Stadtarchiv wird zum Institut für Stadtgeschichte weiterentwickelt und im Kulturreferat angesiedelt, wo es mit dem Bereich Stadtgeschichte verbunden und eng mit Stadtmuseum, Jüdischem Museum und NS-Dokuzentrum verknüpft wird."

Die SPD scheint jedoch mit dieser absoluten Formulierung im Nachhinein ihre Probleme zu haben. Der VdA zitiert den Oberbürgermeister aus einem Schreiben vom Juni mit den Worten: "Gerne werde ich Ihre in dem Schreiben dargelegten Argumente auch bei der Ausschreibung und Auswahl einer neuen Leitung des Stadtarchivs einfließen lassen." Seine Fraktionschefin Anne Hübner betont, dass das Stadtarchiv eine wichtige Institution sei und es der SPD "schwer fallen" werde, dessen Eigenständigkeit gegen den Willen der Archivare aufzugeben.

© SZ vom 17.08.2020/amm

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