Ukraine-Demos in München:Die Friedenshymne erklingt vor der Oper

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Ukraine-Demos in München: Am Max-Joseph-Platz trafen sich am Sonntagnachmittag rund 2000 Menschen zum Protest.

Am Max-Joseph-Platz trafen sich am Sonntagnachmittag rund 2000 Menschen zum Protest.

(Foto: Stephan Rumpf)

5000 Menschen am Stachus, 4000 vor dem russischen Generalkonsulat, 2000 auf dem Max-Joseph-Platz: Es sind nicht nur Exil-Ukrainer oder Münchnerinnen und Münchner, die gegen den Krieg auf die Straße gehen.

Von Joachim Mölter

Vom russischen Generalkonsulat in Bogenhausen aus hat man eine prima Aussicht auf den Europaplatz und auf den Friedensengel, am Samstagabend mag aber niemand aus dem dreistöckigen Gebäude rausschauen. Nur im Obergeschoss ist Licht zu sehen, ansonsten sind die Fenster dunkel oder die Jalousien runtergelassen. Was auf dem Europaplatz zu sehen wäre, würde den Diplomaten in Diensten der Russischen Föderation wohl auch nicht gefallen. Rund 4000 Menschen haben sich dort versammelt, um gegen den Krieg in der Ukraine zu protestieren. In einem Demonstrationszug sind sie die zwei Kilometer vom Odeonsplatz aus hochgelaufen nach Bogenhausen; nun schwenken sie die blau-gelben Fahnen des vom russischen Präsidenten Wladimir Putin angegriffenen Staates. Sie rufen "Putin weg! Putin weg!" und immer wieder auch "Slawa Ukrajini", was man auf verschiedene Weise übersetzen kann: Ehre der Ukraine. Oder: Ruhm der Ukraine. Etwas freier vielleicht auch: Es lebe die Ukraine!

"Frieden ist seit dem 24.2. keine Selbstverständlichkeit mehr"

Die aus der Zeit des ukrainischen Unabhängigkeitskriegs vor 100 Jahren stammende Grußformel "Slawa Ukrajini" ist schon am Samstag häufig zu hören, als auf dem Karlsplatz rund 5000 Menschen zusammenströmen, um den Angriff von russischen Streitkräften auf das Land zu verurteilen. Auf einem alten Feuerwehrwagen haben die Organisatoren der Kundgebung eine Bühne installiert. "Frieden ist seit dem 24.2. keine Selbstverständlichkeit mehr", mahnt ein Redner. Ein anderer stimmt auf härtere Zeiten ein: "Wir müssen auf ein bisschen Luxus verzichten. Freiheit zum Nulltarif gibt es nicht." Dazu passt die Parole, die ein Zuhörer auf einem Schild vor sich herträgt: "Frieren für den Frieden."

Es ist eine Anspielung auf die Gaslieferungen aus Russland, die wegen des Krieges und der beschlossenen Wirtschaftssanktionen westlicher Länder ausbleiben könnten. Unter den Demonstranten scheinen viele bereit zu sein, diesen Preis zu zahlen: Immer wieder ist die Aufforderung zu lesen und zu hören, Russland vom internationalen Zahlungssystem Swift abzuschneiden, mit dem die Bezahlung der Gaslieferungen abgewickelt wird - am späten Abend gibt auch die Bundesregierung den Widerstand gegen diese Maßnahme auf.

Die Aufrufe zu den Demonstrationen gegen den Krieg in der Ukraine haben in München ein beeindruckendes Echo gefunden. Für die Kundgebung am Stachus waren nur 250 Teilnehmer angemeldet worden, für den Demo-Zug waren es ursprünglich 200. Auch zur Mahnwache am Sonntagnachmittag auf dem Max-Joseph-Platz kommen weit mehr als die 300 erwarteten Menschen: 2000 bevölkern den Platz vor der Oper und singen zwischendurch John Lennons Friedenshymne "Give Peace a Chance".

Es sind nicht nur Exil-Ukrainer oder Münchnerinnen und Münchner, die auf die Straße gehen - die Demonstrationen sind international besetzt. Am Stachus wehen Fahnen von Georgien, Litauen und Lettland, Regenbogenflaggen flattern ebenso im Wind wie die blaue Europa-Fahne mit ihren gelben Sternen. Es gibt Schilder, die offensichtlich von Russen stammen: "Russen sind gegen den Krieg", steht auf einem und auf einem anderen "Russians don't want this war" - Russen wollen diesen Krieg nicht. Mit dieser Botschaft würden sie in ihrer Heimat derzeit wohl im Gefängnis landen.

"Wir schämen uns für alles, was jetzt in der Ukraine passiert"

Eine Frau namens Polina stellt sich als "Bürgerin von Belarus" vor. Auch sie sagt: "Weder Belorussen, noch friedvolle Menschen in Russland wollen den Krieg. Das ist die Entscheidung unserer Präsidenten, die wir leider nicht beeinflussen können. Wir schämen uns für alles, was jetzt in der Ukraine passiert." Am Abend sagt Charlene, eine in München arbeitende Engländerin: "Ich möchte nicht, dass wir hier in Europa einen Krieg haben, aber ich kann nichts machen außer zu demonstrieren." Auch deutsche Soldaten in Zivil sind dabei, Denis sagt: "Man muss die demokratischen Wege nutzen, um seine Solidarität zu zeigen." Wenn eine Armee erst einmal kämpfen müsse, sei schon vorher etwas schiefgelaufen. Noch eine Weile nach dem Ende der Demo am Abend sitzen Menschen am Friedensengel und diskutieren. Die Polizei berichtet, dass alle Versammlungen störungsfrei verlaufen sind.

Am späten Samstagabend, kurz vor 23 Uhr, meldet sich das russische Generalkonsulat dann doch noch mal bei der Polizei: Flaschen sind auf ihr Gebäude geworfen worden, ein Fenster sei zu Bruch gegangen. Ein 28-Jähriger wird wenig später vorläufig festgenommen.

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