SZenario:Wichtige Nasen

SZenario: Für den Schlussapplaus befreien sich die Solistinnen, Solisten und der Chor von den angeklebten Nasen. Bis zu zehn Maskenbildner sind hinter der Bühne im Einsatz.

Für den Schlussapplaus befreien sich die Solistinnen, Solisten und der Chor von den angeklebten Nasen. Bis zu zehn Maskenbildner sind hinter der Bühne im Einsatz.

(Foto: Robert Haas)

Bei der Premiere von Schostakowitschs Oper am Nationaltheater verstecken sich die illustren Gäste hinter Masken - trotzdem färbt Glanz auf alle ab

Von Ulrike Heidenreich, München

Natürlich liegt es nahe, erst einmal über Nasen zu philosophieren. Das Bild ist ja auch recht gegensätzlich. Oben auf der Bühne des Nationaltheaters sieht man Figuren beim Singen zu, die auf das Übertriebenste mit Nasen ausgestattet sind, mal zwei, mal drei, mal vier. Okay, die Hauptperson verliert ihr Riechorgan zwischenzeitlich, das ist misslich. Unten im Publikum, in den fast vollbesetzten Reihen, jedoch ist keine einzige Nase zu sehen. Keine kleine, keine große, noch nicht mal eine wichtige.

Es hat schon einen besonderen Reiz, die Premiere einer Oper ausgerechnet in Pandemiezeiten zu feiern. Die illustre Gesellschaft der Mäzeninnen und Liebhaber der bayerischen Staatsoper muss sich hinter medizinischen und FFP2-Masken verstecken. Nur schwer sind prominente Nasen bei der Aufführung von Dmitri Schostakowitschs "Die Nase" auszumachen. Leichte Verwirrung auf den besseren Plätzen. Oder, um den Regisseur Kirill Serebrennikow zu zitieren: "Die Nase steht für ein Hauptmerkmal, mithilfe dessen die Gesellschaft Menschen identifiziert. Eine Person, der ein solches Merkmal fehlt, verliert ihre Identität, ihr Charisma, ihre Aura."

Es ist trotzdem ein großes Hallo, es ist trotzdem ein Summen und Sirren beim Entree unter dem prächtigen Säulenportal am Max-Joseph-Platz. Aus "Endlich!" und "Wie schön!" ließe sich flugs ein eingestimmter Chor schon vor dem Orchestergraben formen. Es leuchten die Augen der festlich Gewandeten voller Vorfreude. Es leuchten die Handys, die bei der Eingangskontrolle den Impfstatus vorweisen. Anders als in der gerade eröffneten Isarphilharmonie gehört hier die Maske zur Etikette.

Aber wer gleich rechts hineinhuscht in die "Rheingold"-Bar, darf an der Theke beim Aperitif ablegen. Und staunen. Denn irgendwann im vergangenen Herbst, zwischen Lockdowns und stilleren Zeiten, die man an solchen Abenden gerne verdrängt, hat die Dallmayr-Theatergastronomie hier gründlich saniert und ein grün marmoriertes Kleinod geschaffen, die Gesellschaft spiegelt sich nun noch festlicher vor einer Wand aus Onyx. Ein Stockwerk tiefer verbirgt sich die nächste Überraschung: Wer den tiefstapelnden Hinweisschildern "Erfrischungsraum" folgt, landet in den weiten lichten Räumen des neu gestalteten Opernrestaurants "Ludwig Zwo", das Dallmayr-Geschäftsführer Florian Randlkofer im Sommer eröffnet hatte, und das bislang nur jene sehen durften, die Karten für die Opernfestspiele ergattert hatten.

Wer hier zwischen rotem Samt und weißem Marmor seine Kreise am Premierenabend zog, war der neue Opernintendant Serge Dorny, freudigst begrüßt von allen Seiten. Für den Mut, die Spielzeit mit der sperrigen Schostakowitsch-Oper in München zu eröffnen, gab es später auch für seinen Kompagnon, den neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski, der dirigierte, einen sehr, sehr ordentlichen Applaus. Wer auch seine Kreise zog: Filmfestchefin Diana Iljine, die für kommendes Jahr eine Retrospektive über Kirill Serebrennikov plant. Der Regisseur selbst musste fehlen, wie auch während der gesamten Probenzeit an der Oper. Wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Gelder war er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und darf Russland nicht verlassen. Serebrennikov war ständig per Zoom bei den Proben zugeschaltet - wie auch bei der Premiere. Er grüßte das ziemlich begeisterte Publikum aus der Ferne, durch den Bildschirm, ohne Maske mit freier Sicht auf die Nase.

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