Deutschkurse:Wie Sprachkurse Ukrainerinnen beim Neustart helfen

Lesezeit: 4 min

Deutschkurse: Gruppenarbeiten sollen den Kursteilnehmerinnen helfen, Deutsch zu üben.

Gruppenarbeiten sollen den Kursteilnehmerinnen helfen, Deutsch zu üben.

(Foto: Florian Peljak)

In einem fremden Land zu sein, in dem man nichts versteht, traumatisiere viele Geflüchtete, sagt Maria Degtiarenko. Mit ihrer Sprachschule will sie diese Menschen unterstützen - und Deutschlehrerinnen helfen, die noch immer in Odessa ausharren.

Von Kathrin Aldenhoff

Die Frauen aus der Ukraine sitzen da und blicken konzentriert in ihre Deutschbücher, machen sich Notizen, überlegen sich, wie alt die Frau oder der Mann auf dem Bild sein könnten, ob sie gerne Sport treiben oder nicht. Ein Profil sollen sie erstellen, hatte ihre Deutschlehrerin Viola Naumenko gesagt, und das tun sie. Sie wurden vom Krieg aus ihrer Heimat vertrieben, sind vor wenigen Wochen mit ihren Kindern geflohen, und nun sitzen sie hier und versuchen, neu zu beginnen.

Sie kommen aus Kiew, aus der Region um Donezk und aus Dnipro. Und nun lernen sie Deutsch, zum ersten Mal in ihrem Leben. 19 Geflüchtete, vor allem Frauen, wenige Männer, sitzen in einem Klassenzimmer im ehemaligen Allianz-Gebäude in Neuperlach, vor ihnen steht Viola Naumenko und unterrichtet sie. Sie macht das nicht zum ersten Mal - Deutsch unterrichten ist ihr Beruf. Bis vor Kurzem hat sie in Odessa unterrichtet. Dann begann der Krieg und sie ist geflohen, wie einige Kolleginnen und ihre Chefin, Maria Degtiarenko.

Degtiarenko leitet eine Sprachschule in Odessa, sie tut das immer noch, mit Telefonaten und Zoom-Konferenzen. Und seit Anfang April leitet die 47-Jährige auch eine Sprachschule in München: die Deutsch-Ukrainische Schule München-Odessa (Dusmo). Degtiarenko ist schon oft von Odessa nach München gereist. Früher hat sie für die Strecke zweieinhalb Stunden gebraucht. Als sie Mitte März mit ihren Kindern vor dem Krieg floh, brauchte sie sechs Tage.

Deutschkurse: Bis vor Kurzem hat Viola Naumenko noch in Odessa unterrichtet.

Bis vor Kurzem hat Viola Naumenko noch in Odessa unterrichtet.

(Foto: Florian Peljak)
Deutschkurse: "Mit den Sprachkursen wollen wir zeigen, dass es möglich ist, im neuen Land ein neues Leben erfolgreich zu beginnen", sagt Maria Degtiarenko.

"Mit den Sprachkursen wollen wir zeigen, dass es möglich ist, im neuen Land ein neues Leben erfolgreich zu beginnen", sagt Maria Degtiarenko.

(Foto: Florian Peljak)

An einem fremden Ort zu sein, nichts zu verstehen - das wirke traumatisierend auf viele, sagt Degtiarenko. Sie spricht fließend deutsch, hat hier studiert. Sie möchte ihr Wissen weitergeben, so wie sie das auch in der Ukraine gemacht hat. "Mit den Sprachkursen wollen wir zeigen, dass es möglich ist, im neuen Land ein neues Leben erfolgreich zu beginnen", sagt sie. "Die Teilnehmer spüren, dass sie aus ihrer stummen Welt herauskommen."

Dabei geht es nicht nur um die Sprache, sondern auch um die deutsche Mentalität und die Tücken des Alltags. Sie erklären zum Beispiel, dass es hier länger dauert als in der Ukraine, ein Bankkonto zu eröffnen. Dass man die Bankkarte nicht gleich nach dem ersten Termin mit nimmt, sondern dass die mit der Post verschickt wird. Und die Pin-Nummer auch, separat von der Karte. "Wenn man das nicht weiß, dann denkt man, man bekommt keine Karte, weil man Ukrainer ist."

Sie haben einen Unterrichtsraum und ein kleines Büro, 50 Geflüchtete lernen dort Deutsch, 15 weitere in Karlsfeld und mehr als 70 lernen online. Auf der Warteliste für den nächsten Anfängerkurs in Neuperlach stehen 75 Namen. "Innerhalb von vier Monaten können sie ein Niveau erreichen, mit dem sie in einfachen Berufen zurechtkommen", sagt die Schulleiterin.

Die Schule wird über Spenden finanziert - noch

Zwei Ziele wollen sie mit der Sprachschule erreichen: Sie wollen ukrainischen Geflüchteten helfen und ihnen einen Neuanfang ermöglichen; und sie wollen die Deutschlehrerinnen, die im Bayerischen Haus in Odessa unterrichtet haben, weiter beschäftigen. Drei von ihnen sind noch in Odessa, geben von dort Online-Unterricht. Vor dem Krieg unterrichteten sie im Bayerischen Haus in Odessa 1000 Sprachschüler pro Jahr. Das Haus ist ein deutsches Kultur- und Begegnungszentrum, dessen Träger ein Förderkreis mit Sitz in Karlsfeld ist.

Im Klassenzimmer tun sich die Schülerinnen und Schüler jetzt in Dreiergruppen zusammen, lesen sich vor, welches Profil sie der Frau oder dem Mann auf dem Foto im Lehrbuch angedichtet haben. Kinder, keine Kinder - die Ansichten gehen auseinander. Fast alle sind sich aber einig: Die Frau spricht mehrere Sprachen. Die Teilnehmer lernen seit dem 2. Mai Deutsch, haben den ersten Kurs bis zum Sprachniveau A1 geschafft und gleich den zweiten begonnen. Bezahlen müssen sie dafür nichts. Die Schule wird über Spenden finanziert. Noch.

Christian von Sydow ist Rechtsanwalt und hat mit anderen Mitgliedern des Förderkreises Bayerisches Haus Odessa die ukrainische Sprachschule in München gegründet. Erst im März kommenden Jahres könne frühestens die Zertifizierung als Integrationsschule durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfolgen, sagt Sydow. Den Antrag dazu wollen sie in den kommenden Wochen einreichen. Die Stadt München hat bisher vier Kurse finanziert, Spenden ermöglichten weitere Kurse. Um bis März weitermachen und sechs Kurse monatlich anbieten zu können, bräuchten sie mehr Geld, rund 170 000 Euro. Für Ende Juli haben sie eine private Spendenaktion geplant.

Besonders gefragt sind die Sprachkurse für Kinder und Jugendliche

Sprachkurse für Geflüchtete gibt es von mehreren Anbietern, das Goethe-Institut Ukraine zum Beispiel bietet einen Onlinekurs an, und an der Münchner Volkshochschule gibt es neben den Integrationskursen auch rund 45 zusätzliche Kurse für Geflüchtete aus der Ukraine, rund 900 Teilnehmer hatten sie bisher.

Heike Richter ist Programmleiterin für den Bereich Deutsch und Integration an der Volkshochschule und sie stellt fest: Besonders im Bereich der Deutschkurse für Kinder und Jugendliche gibt es einen großen Bedarf. "Viele Eltern möchten, dass ihre Kinder wenigstens das mitnehmen aus dieser schweren Zeit." Die Kurse im August seien komplett ausgebucht. Sie bieten nun einen zusätzlichen Kurs an; mehr sei erst einmal nicht möglich, die Kinder und Jugendlichen müssten ja auch betreut werden.

Zurück in der Sprachschule Dusmo in Neuperlach. Maria Degtiarenko erzählt von den ersten Erfolgserlebnissen ihrer Teilnehmerinnen. Eine sagte, sie könne ihrem kleinen Sohn nun schon bei den Hausaufgaben helfen. Eine andere erzählte, eine Frau habe sie in der U-Bahn etwas gefragt. Erst wollte sie antworten, dass sie kein Deutsch spreche - dann hat sie es einfach versucht und mit der Frau gesprochen. "Solche Erlebnisse sind es, die helfen", sagt Degtiarenko. Und zu solchen Erlebnissen möchte sie möglichst vielen Geflüchteten aus der Ukraine verhelfen.

Wer die ukrainische Sprachschule Dusmo unterstützen möchte, kann sich an Maria Degtiarenko wenden, E-Mail: direktor@bayernhaus.com.ua.

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