Eine Einladung in den Kohlebunker? Was zieht man da an? Smart Casual steht da, aber wenn dann alles voller Kohlestaub ist, sieht das weder „smart“ noch „casual“ aus. Aber heute ist die Halle am Ausbesserungswerk neben der Motorworld in Freimann kein Kohlelager der Bundesbahn mehr, sondern eine Event-Location der Kategorie Industrial-Schick – angemessen cooles Ambiente für eine Preisverleihungs-Premiere.
Denn die von Sports Illustrated (kurz: SI) 1954 ins Leben gerufene Auszeichnung „Sportsman of the Year“ wurde in Deutschland nun erstmals in natura verliehen, als „Sportsperson of the Year“. Preisträger Nummer eins war der Brite Roger Bannister, der als Erster die Meile unter vier Minuten rannte. Es folgten Sportsfreunde wie Billie Jean King, Muhammad Ali, Jack Nicklaus, Wayne Gretzky, Ed Moses, Michael Jordan, Tiger Woods, Lance Armstrong, Tom Brady, LeBron James und ähnliche Kaliber. Im Vorjahr reihte sich Toni Kroos in diese Phalanx ein, als erster Preisträger der deutschen Ausgabe von SI, die seit vier Jahren den Zeitschriftenmarkt bereichert. Playboy-Chef Florian Boitin hatte sich mit seinem mit Myriam Karsch gegründeten Kouneli-Verlag die Lizenz gesichert, und nachdem Kroos die Auszeichnung im Rahmen der Bambi-Verleihung eher so in die Hand gedrückt worden war, will man nun richtig feiern – im Kohlebunker, warum denn nicht?

Statt rotem Teppich hat man fünf rot markierte Laufbahnen aufgeklebt – es geht schließlich um Sport, in weiten Teilen des Abends gar um Leichtathletik. Was wiederum Verlags-Chefin Karsch regelrecht euphorisch stimmt. Die war in einem früheren Leben selbst Leichtathletin, beim TSV Forstenried, wurde als 15-Jährige mit 5,49 Metern oberbayerische Vize-Meisterin im Weitsprung, rannte mit der Staffel um die deutsche Meisterschaft. Kein Wunder, dass sie angesichts des Stargastes ins Schwärmen gerät: „Der Speerwurf von Leo war doch der Wahnsinn, oder? Und dann noch dieser 1500er!“ Ein Blick noch auf das Cover der aktuellen SI-Ausgabe, und schon ist klar, wer der bis dahin noch geheime Preisträger sein wird: Leo Neugebauer, Weltmeister und Olympia-Zweiter im Zehnkampf, der in Texas lebende Mister Sunshine mit dem wohl gewinnendsten Lächeln der Sportwelt, den Laudator Mats Hummels später eine „Inspiration für jeden jungen Sportler“ nennen wird. Und da kommt er auch schon: blütenweißes Hemd, ebensolche Sneaker, helle Hose, sehr güldene Uhr, zwei Meter Gardemaß, Sieger-Lächeln – ein Strahlemann, wie er im sprichwörtlichen Buch steht: „Ich liebe es, mich schick anzuziehen, ist voll mein Ding.“ Auch vor der Kamera: Smart Casual. Das Cover habe er gerade zum ersten Mal gesehen: „Mega geil!“ Und überhaupt, Sports Illustrated: „War schon immer eine der krassesten Zeitschriften. Da jetzt auf dem Cover zu sein, sogar schon zum zweiten Mal …“

Während Smart Leo einen TV-Sender nach dem anderen bedient, stehen ein paar Meter nebenan fünf Riesen etwas luftleer im Raum: Andreas Obst, Leon Kratzer, Johannes Voigtmann, Oscar da Silva und Justus Hollatz, allesamt amtierende Basketball-Europameister sowie Angestellte des FC Bayern Basketball. Tags darauf werden sie in den Flieger nach Dubai steigen, um dort eine Partie in der Euroleague zu bestreiten – schöne neue Sportwelt. Die langen Kerls werden später als Mannschaft des Jahres geehrt – wie sie das finden? „Och, der Leon will auch mal aufs Cover, hat er gesagt“, witzelt Justus Hollatz, und Leon Kratzer zeigt sich in der Tat nicht abgeneigt: „In einer Reihe mit Boris Becker – das wär schon was.“ Doch mit der Berühmtheit ist es noch so eine Sache: Als die Basketballer nach einer wunderbar gefühligen Laudatio des Weltmeister- und FC-Bayern-Trainers Gordon Herbert auf die Bühne schlappen, wird im Publikum nicht klar, wer die Sportler überhaupt sind. Schade, das.
Auch schade, dass es geschlagene zwei Stunden dauert, bis es losgeht. Nichts gegen Kürbispraline mit Zwetschgengel oder Golden Egg mit Rührei an Blumenkohl-Espuma und Forellenkaviar, aber in der Zeit hätten die 200 Gäste, darunter Regina Halmich, Lars Riedel, Sophia Flörsch, Frank Stäbler und reichlich GNTM-Damen, locker noch das Bayern-Spiel gegen Lissabon konsumieren können. Auch der gerade bei Augsburg entlassene Fußball-Trainer Sandro Wagner ist da, will aber naturgemäß nicht über seine jüngste berufliche Vergangenheit sprechen. Nur so viel: Seine Kinder spielen Basketball, wegen der Europameister aus Deutschland.
Playboy-Boss und Bayern-Fan Boitin sagt zum parallel stattfindenden Fußball-Spiel des FC Bayern: „18.45-Uhr-Spiele in der Champions League kann man nicht ernst nehmen.“ Gut, aber wer schon eine Handvoll Basketbälle als Deko auslegt, könnte auch noch einen Korb dazu aufstellen. Oder einen Kicker, Dartscheibe, Tischtennisplatten, irgendwas. Für die Spielkinder im Saal. Und das sind ja fast alle.

