Theater:Mut zur Probe

Für das Spielart-Festival im Herbst sind 43 Produktionen aus 29 Ländern geplant. Viele sollen live zu sehen sein. Eine genauso unwägbare wie mutige Entscheidung.

Von Yvonne Poppek, München

Die Entscheidung ist mutig, vielleicht sogar waghalsig. Und zugleich ist sie ein starkes Signal, dass es wieder zurückgehen soll zu einem Kulturleben, das dem in vorpandemischen Zeiten gleicht: Das Spielart Theaterfestival soll in diesem Herbst stattfinden, live, mit internationalen Gästen. Vom 22. Oktober bis zum 6. November ist es geplant - im vergangenen Jahr begann genau um diese Zeit herum der lange Lockdown. 43 Produktionen aus 29 Ländern sind bislang eingeladen, darunter neun Uraufführungen, sieben europäische Erstaufführungen und fünf deutsche Erstaufführungen. "Bis der Rest der Welt geimpft ist, da wird man lange warten", sagt Festivalleiterin Sophie Becker. Ergo gibt es ein Programm, das sich sehen lassen kann. Auch wenn es anders ist als bei den 13 Ausgaben zuvor.

Das liegt nicht nur daran, dass Sophie Becker zum ersten Mal in Nachfolge von Tilmann Broszat als Leiterin das Festival zu verantworten hat. Erstmals wird Spielart keine reine Live-Veranstaltung sein, sondern auch digitale Produktionen zeigen, ein Zugeständnis an die nicht absehbaren Auswirkungen der Pandemie und zugleich eine Reaktion auf die jetzige Zeit. Sollte alles gut gehen, werde in München so viel geprobt wie noch nie, sagt Becker bei der Programmvorstellung. Viele Produktionen hätten vor einem Jahr Premiere feiern sollen, seien aufgrund der Pandemie aber nicht fertig geworden. Die Endproben gibt es deshalb in München. Das und der Umstand, dass Reisen schwer möglich war, führt zu einem weiteren Novum: Mehr als die Hälfte der eingeladenen Produktionen wird die künstlerische Leitung erst in München sehen.

Mehr als 14 Spielorte in München geplant

Es ist also ein bisschen eine Wundertüte, die das Publikum erwartet. An mehr als 14 Spielorten werden die Produktionen zu sehen sein, an großen Häusern wie dem Volkstheater, Gasteig oder Residenztheater ebenso wie in kleineren Spielstätten wie dem Bellevue de Monaco, dem Köşk oder dem Theater Hoch X. Im Letzteren wird beispielsweise Taigué Ahmeds Tanzperformance "The Drying Prayer" zum bedrohten Lebensraum am Tschadsee zu sehen sein. Die Chilenin Manuela Infante untersucht, wie ein Stück aussehen könnte, das sich wie ein Stein verhält, und tritt damit im Muffatwerk auf. Und der indische Regisseur Sankar Venkateswaran zeigt seine jetzt abendfüllende Performance zum hinduistischen Kastensystem im Volkstheater.

Münchner Künstler sind dabei wie Christiane Huber mit ihrer Performance zu den Wundertaten der Schwarzen Madonnen oder Christine Umpfenbach mit ihrem Stadtraumprojekt "What keeps us alive?". Ebenso kommen vertraute Gäste wie nora chipaumire, Wen Hui oder Forced Entertainment. Zwei eigens für München entwickelte Projekte der beiden Ko-Kuratoren gehören ebenfalls zum Programm: Julian Warner befasst sich in einer Konferenz, einer Parade und einem Ritual mit "Global Angst", Eva Neklyaeva widmet sich im Köşk unter dem Titel "Nose - making sense of scents" vielen Aspekten des Geruchs. Eines der großen digitalen Projekte wird "Rest of the Struggle" von Mallika Taneja sein. Darin geht es um Strategien, wie Kunst im Alltag heilsam wirken kann. Das Ende von Spielart soll wieder dem internationalen Nachwuchs gehören mit dem Festival im Festival "New Frequencies" mit elf Produktionen. "Wir hoffen, dass wir möglichst viel umsetzen können", sagt Becker. "Aber was, wird der Herbst zeigen."

Spielart Theaterfestival, 22. Oktober bis 6. November, mehrere Spielorte, Infos: www.spielart.org

© SZ/chj
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