Zwei Jahre lang musste man auf diese Bereicherung an Perspektiven und Formen in München warten. Nun ist es wieder da: „Spielart“, das biennal stattfindende Festival für zeitgenössische Theaterformen beginnt am 17. Oktober und endet am 1. November. Die künstlerische Leitung liegt bei Sophie Becker, Veranstalter ist der Verein Spielmotor München. 30 Produktionen, darunter sieben Uraufführungen, sind an 15 verschiedenen Spielorten in der Landeshauptstadt zu sehen. Dazu gehören kleine, intime Inszenierungen, genauso wie solche für die große Bühne, es gibt Tanz, Theater, genauso wie Performance oder Installation. Angebunden ist auch ein Workshop- und Diskussionsprogramm. Die Künstlerinnen und Künstler kommen teils aus München, teils aber auch von weit her – unter anderem aus Chile, Island, Libanon, Indonesien, Ruanda, Simbabwe. Diesmal steht das Festival unter dem Motto, „Some Kind Of Tomorrow“, die Zukunft, sie lässt sich also gestalten. Ein Überblick über das Programm.
Die politischen Stücke

Stücke, die sich mit politischen oder gesellschaftlichen Geschehnissen auseinandersetzen, gehören zur DNA von „Spielart“. Es ist immer wieder faszinierend, wie nah das Festival historische oder gegenwärtige Ereignisse aus anderen Ländern an einen heranholen kann. Oft ist es so inspirierend, dass man noch stundenlang nach der Aufführung Vorgänge auf anderen Kontinenten recherchiert. Diesmal gibt es keinen Länder- oder Regionsschwerpunkt, die Themen sind indes sehr unterschiedlich.
Da wäre etwa Mila Turajlić aus Belgrad; von ihr wird es eine Installation (18.10.–1.11., Florida), eine Performance (18.10., Hoch X) und einen Filmabend (20.20., Theatiner) geben, alle überschrieben mit „Non-Aligned Newsreels“. Sie blickt auf die „Blockfreien-Bewegung“, speziell auf die Rolle Jugoslawiens unter Tito. Die Organisation setzte sich für Frieden und Abrüstung, gegen die Blockbildung, Rassendiskriminierung und Kolonialisierung ein. Turajlić hat dazu Material im jugoslawischen Wochenschau-Filmarchiv gesichtet und stützt darauf ihre verschiedenen künstlerischen Umsetzungen.

Politisch ganz nah rückt „Three Times Left Is Right“ des Studios Julian Hetzel: Wie geht man miteinander um, wenn die Partnerin plötzlich der Neuen Rechten angehört? Wenn diese Partnerin auch Mutter der gemeinsamen Kinder ist und man selbst linker Kulturtheoretiker? „Weltpolitik am Küchentisch“, so ist dieses auf realen Begebenheiten beruhende Zwei-Personen-Stück in der Ankündigung eingeordnet, was mehr als ein bloßes Versprechen sein dürfte (25. und 26.10., Münchner Volkstheater).
Der Rechtsruck spielt auch in Michael Turinskys Soloperformance „Work Body“ eine Rolle, wenn er sich mit Antonio Gramsci, Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, auseinandersetzt (31.10., 1.11., Schwere Reiter). Und Stefan Kaegi von Rimini Protokoll zeigt mit „Dies ist keine Botschaft (Made in Taiwan)“ ein dokumentarisches Stück über Taiwan, das Setting ist eine fiktive taiwanesische Botschaft (31.10., 1.11., Muffatwerk) – eine solche gibt es beispielsweise in Deutschland aus politischen und diplomatischen Gründen nicht.
Die lustigen Stücke

„Spielart“ setzt auch auf Witz. Als „sehr lustige Stücke“ bezeichnet die Festivalleiterin Sophie Becker drei Arbeiten aus Santiago de Chile, Berlin und München. Guillermo Calderón kommt mit „Vaca“ (Kuh) ins Residenztheater (18. und 19.10.). Darin werden drei Menschen, die am Existenzminimum leben, gebeten, auf eine kranke Kuh aufzupassen. Sie tun es, doch keiner kommt mehr, um sie abzuholen. Dürfen sie sie nun verkaufen? Oder töten? Wem sind sie verpflichtet? Ein groteskes Spiel am Rand der Gesellschaft tut sich auf.
„This Plot Is Not For Sale“ des Netzwerks Münchner Theatertexter*innen und Gisemba Ursula ist eine der fünf europäischen Erstaufführungen des Festivals (31.10. und 1.11., Pathos Theater). Es geht um postkoloniale Machtverhältnisse, Erinnerung und Identität. Dazu spannt der Abend drei Perspektiven zusammen, überzeichnet sie so, dass sie zur Groteske werden. Da gibt es den serbischen Fotografen, die Europäerin mit Schuldkomplex und die ehrgeizige Kenianerin. Fakten treffen Spekulatives treffen Absurdes.

Überzeichnend und ironisch geht auch Christiane Rösinger mit ihrer Produktion „Die große Klassenrevue“ vom HAU Berlin um. Sie seziert den Modebegriff „Klassismus“ in einer „Agitpop-Revue“, an der sich unter anderem auch die Autorinnen Stefanie Sargnagel und Paula Irmschler beteiligen (28. und 29.10., Münchner Kammerspiele).
Für junges Publikum

Erstmals hat das Spielart-Festival drei Produktionen im Programm, die sich dezidiert an ein junges Publikum wenden. Es sind Formate, die oft partizipativ funktionieren. Auch wenn es pathetisch klinge, aber „gegen Einsamkeit kann Theater wirklich etwas tun“, sagt Sophie Becker. Dagegen wirkt insbesondere „Teenage Songbook of Love and Sex“ von Alexander Robert & Ásrún Magnúsdóttir. Zehn Jugendliche aus Reykjavík singen selbst geschriebene Songs. Es sind Themen, die sie beschäftigen, Liebe und Sex eben. In jeder Stadt kommen zehn Jugendliche dazu, so auch in München. Sie erweitern die Anzahl der Songs, schreiben neue Texte und treten schließlich gemeinsam mit der isländischen Gruppe auf (18. und 19.10., Schwere Reiter).

Über Landesgrenzen hinweg funktioniert auch „Raum ohne Wände“ des Künstlerkollektivs Ligna. Aus verschiedenen Teilen der Welt fließen hier Textnachrichten von Kindern ein, die von ihrem Alltag und ihren Lieblingstänzen erzählen. Daraus hat ein Choreografenteam ein performatives Hörspiel für Kinder ab acht Jahren gestaltet. Über Kopfhörer erhält das Publikum choreografische Anweisungen, lässt sich davon leiten und findet so, vielleicht, zu etwas Gemeinsamem (19.10., Muffatwerk). Zuletzt ist noch das Familienstück „Géologie d’une Fable“ aus Beirut eingeladen. Das Collectif Kahraba erschafft aus Ton Tiere und Landschaften und legt so universell und poetisch grundlegende, menschliche Erzählungen frei (25. und 26.10., Einstein Kultur).
Tanzperformances

In der vergangenen Ausgabe gehörte Nadia Beugrés „Prophétique“ zu den kraftvollen Blockbustern des Spielart-Festivals, ein wild pulsierendes Tanzstück über Transgender-Community in ihrer Heimatstadt Abidjan. Nadia Beugré ist auch dieses Jahr wieder dabei, jedoch mit dem kleinen, persönlichen Abend „Épique!“ über Erinnerung und Herkunft, die sie zusammen mit einer Balafon-Spielerin – ein Balafon ist ein westafrikanisches Xylophon – und einer Sängerin in Bewegung und Musik übersetzt (19. und 20.10., Volkstheater).
Ebenfalls wieder dabei ist die aus Simbabwe stammende Künstlerin Nora Chipaumire, die mit „Dambudzo“ an die privaten Bars der schwarzen Bevölkerung, die „Shebeens“, zur Kolonialzeit erinnert und an die dort gespielte Jit-Musik. Sie bringt acht Performer und das Publikum in einer an die „Shebeens“ angelehnte Kulisse zusammen; die Performance soll sich dort zu einem „ausgelassenen Konzert“ entwickeln (23. und 24.10., Haus der Kunst).
Tanz und Musik gibt es diesmal viel bei „Spielart“, mehr als 15 Produktionen insgesamt. Beispielsweise ist aus Indonesien noch die Tanzperformance von Tianzhuo Chen & Siko Setyanto eingeladen mit dem Titel „Ocean Cage“. Es geht um ein Küstendorf, den dortigen traditionellen Walfang und das dazugehörige Ritual, das durch Tanz und Musik als „immersives, bildgewaltiges Erlebnis“ erfahrbar werden soll (17. und 18.10., Muffatwerk). Ein anderer Abend kommt aus Ruanda: Dorothée Munyaneza verknüpft Tradition und Gegenwart ihres Geburtslandes, indem sie traditionelle Instrumente, Tänze und Musik mit der Performance junger Künstler zusammenbringt (27. und 28.10., Muffatwerk).
Münchner Künstlerinnen und Künstler

In diesem Jahr besonders stark auf „Spielart“ vertreten, sind Künstlerinnen und Künstler aus München. Fünf Produktionen steuern sie bei, wozu das bereits erwähnte Netzwerk Münchner Theatertexter*innen mit „This Plot Is Not For Sale“ gehört, aber auch einmal mehr eine Arbeit von Caroline Anne Kapp. Sie hat sich mit Katarína Marková zusammengetan und nimmt die Münchner Feldherrnhalle als Ausgangspunkt, um auf die Verbindung von Kunst und Militarismus zu blicken („Der taktische Körper: Feldherrnhalle“, 19.10., Odeonsplatz).
Kapp hat wie Lennart Boyd Schürmann Regie an der Otto-Falckenberg-Schule studiert. Er ist mit seinem Kollektiv „Bruch“ und der Uraufführung „Spirit Plastic“ ebenfalls dabei, eine Tanzperformance, die anhand eines historischen Geschehens auf die Dilemmata des heutigen Künstlerseins blickt (24. und 25.10., Fat Cat).
Wer bereits den großartigen „Wallenstein“ in den Kammerspielen gesehen hat, der dürfte auch Serge Okunev kennen, der mit Entertainer-Qualität mehrere Teile der Inszenierung bestreitet. Seine Regie-Abschlussarbeit an der Theaterakademie „Oder kann das weg“ ist zu „Spielart“ eingeladen. Okunev geht auf seine eigene Biografie ein, seinen Wehrdienst in Russland, die damalige Heldenverehrung und schafft eine kritische Auseinandersetzung mit Kunst, ihrer Funktionalisierung und der eigenen Verantwortung (17. und 18.10., Münchner Kammerspiele).
Für München als BMW-Standort dürfte Nihan Devecioğlus „Yoldaş - Frauen, die einander halten“ spannend sein. Sie hat mit der ersten Generation von Gastarbeiterinnen gesprochen, die im BMW-Werk arbeitete; Devecioğlu ist selbst Enkelin von türkischstämmigen Arbeitern aus dem Umfeld des Münchner Autobauers. „Yoldaş“ ist eine Collage aus Zeitdokumenten, Recherchematerial und Musik. Dabei sind die gesammelten Aussagen durchaus von Stolz geprägt, ein O-Ton: „Das, was BMW zu dem machte, was es heute ist, das waren wir.“ (20.–22.10., Einstein Kultur).
Birds On Peripheries

Zu „Spielart“ gehört auch ein von einem eigenen Kuratorenteam zusammengestelltes Programm junger Künstler, diesmal stammen sie aus Beirut, Bangalore, Kuala Lumpur, Pachuca, Goma und Abidjan. Ihre fünf Performances sind verdichtet am letzten Festivalwochenende zu sehen, allesamt im Kreativquartier, sodass das Publikum sie einfach nacheinander besuchen kann (31.10. und 1.11., Kreativquartier). Es geht um so unterschiedliche Themen wie Kolonialgeschichte in Mexiko, visuelle Reizüberflutung oder um den indischen Tanz Odissi und dessen Einstudierung. Die Chance, auf Inspirierendes zu stoßen, ist also groß.
Spielart Festival München, Freitag, 17. Oktober, bis Samstag, 1. November, verschiedene Spielorte

