Spielart:Brennendes Interesse

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Spielart: Aufgebaut, um bei Spielart verbrannt zu werden: Eine acht Meter hohe Holzskulptur steht im Olympiasee, erste Flammen züngeln zu ihren Füßen.

Aufgebaut, um bei Spielart verbrannt zu werden: Eine acht Meter hohe Holzskulptur steht im Olympiasee, erste Flammen züngeln zu ihren Füßen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Drei Tage "Global Angst": Das Spielart-Festival ist so präsent in München wie nie zuvor - mit einer Parade über die Leopoldstraße und einer Performance am Olympiasee.

Von Yvonne Poppek, München

Es sind Geräusche, die sich in die Erinnerung schmelzen. Die krachend herabstürzenden Latten, das ächzende Knacken im Holz, das Rauschen der Flammen. Dazu kommt die Hitze, die auch in mehr als 20 Metern Entfernung zu spüren ist. Feuer ist ein gewaltiges Schauspiel, es wächst, je mehr es verschlingt. Am Sonntag auf dem Olympiasee ist es eine Holzskulptur, hoch wie ein Sprungturm, die da erst gemächlich, dann in brutaler Geschwindigkeit verbrennt. Das Ufer ist gesäumt von Menschen, die sich dieser Faszination nicht entziehen können, diesem Spektakel, das Teil des diesjährigen Spielart-Festivals ist und auch der Höhepunkt eines Tages, an dem das Festival so präsent ist wie noch nie in München.

Julian Warner hat sich das für Spielart ausgedacht, ausgehend von der These, man müsse nichts mehr fürchten als eine furchtsame Gesellschaft. "Global Angst", so lautet der Titel des dreitägigen Projekts, das verschiedene, auch konträre Ängste betrachtet. Der Kulturanthropologe ist bekannt etwa durch seinen anti-rassistischen Pop unter seinem Alias Fehler Kuti. Kürzlich wurde ihm die Leitung des Augsburger Brechtfestivals von 2023 an übertragen. Warner ist vielfältig vernetzt, hat Ideen und Kontakte in unterschiedliche Richtungen, was für "Global Angst" unbedingt von Vorteil sein sollte. Divers, klug, schräg präsentierte es sich, es war dadurch geprägt, Unsicherheiten zuzulassen, mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben und ganz unterschiedliche Elemente zu kombinieren.

Ins Angst-Parlament waren sehr unterschiedliche Redner eingeladen

Parlament, Parade und Ritual, aus diesen drei Teilen setzte sich "Global Angst" zusammen. Den Beginn machte das Parlament, Tagungsort Muffathalle. Hier sollten die Ängste der Welt verhandelt werden. Ein eindrucksvoller, orientalisch gemusterter Sitz mit zwei Ebenen war für den Parlamentspräsidenten, den Sozial- und Kulturanthropologen Rohit Jain, aufgestellt worden. Die obere Ebene reserviert für ihn, die Ebene darunter für vier Administratorinnen, die die Ängste protokollierten, davor zwei ausladende Sessel für die Diskutanten (Ausstattung: Nicole Marianna Wytyczak).

Dorthin hatte Warner so unterschiedliche Gäste wie den Kulturtheoretiker Klaus Theweleit und die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky oder den Gewerkschafter Kai Burmeister und eine Aktivistin von Extinction Rebellion eingeladen. Am Samstagmittag geht es dann beispielsweise darum, ob die Idee der Vollbeschäftigung nicht hinfällig ist, ob die grüne Bewegung nicht auch elitär ist, um den Umbau von Arbeitsplätzen, um den wachsenden Einfluss von Rechtspopulisten in den Betrieben. Querfeldein läuft das Gespräch, nicht immer stringent, aber an viele Schmerzstellen einmal die Nadel setzend.

Die Diskussion hätte so freilich auch in einem Uniseminar stattfinden können. Warner aber inszeniert die Debatte. Angst soll nicht weggedrückt werden, sie wird zelebriert. Dazu schleichen die Oberammergauer Krampusse vor der Muffathalle umher, schlagen mit ihren Ruten auch mal gegen die Waden der Besucher. Innen gibt es die eigenwillige, sphärische Musik von Zachary Watkins und Mitgliedern von The Notwist. Immer wieder reichen die Administratorinnen während der Debatte dem Präsidenten Zettel, was einen öfter einmal an Kafka denken lässt. Der Angst wird auf diesem Weg sehr feierlich begegnet, ein ungewöhnlicher, überraschender Zugang. Das ist besonders zu spüren, als Samstagnacht die Administratorinnen minutenlang die Ängste verlesen, die sie so gesammelt haben. Ihre Stimmen überlagern sich, Musik schwebt darüber. Angst vor Gewalt, Angst vor Isolation, Angst, nicht gesehen zu werden, Angst vor dem Sparkurs der Stadt München, Angst vor schlechter Pflege, Angst vor Einsamkeit - Konkretes und Diffuses mischen sich, aber alles ist erhaben, gleichwertig. Es ist, als hätte man die Angst aus ihrer schmuddeligen Ecke gezogen und schaue sie einfach einmal an.

Spielart: Ein schwarzer Reiter führte die Parade durch die Stadt an.

Ein schwarzer Reiter führte die Parade durch die Stadt an.

(Foto: Stephan Rumpf)

Darum geht es dann auch am Sonntag irgendwie: die Parade. Noch in der Nacht hat man Wachsblöcke - symbolisch aufgeladen mit den Ängsten - in eine schmuckvolle Kiste gepackt. Und die wird, begleitet von einem langen Zug, am nächsten Nachmittag durch die Stadt gerollt, von der Kunstakademie aus über die Leopoldstraße zum Olympiasee. Ein schwarzer Reiter führt die Parade an, es folgen eine Performancegruppe aus schwarz gekleideten Fantasiekämpfern, die Kiste mit den Ängsten und dann eine komplett inhomogene Mischung aus der Burschenschaft Molestia, dem Weltkongress der Uiguren, dem Bündnis #ausspekuliert, dem Kollektiv Chicks on Speed, den Krampussen, dem Flüchtlingsrat und anderen. Gerade dass so unterschiedliche Gruppen sich zusammenfinden, mache ihm Hoffnung für die Gesellschaft, sagt Warner. Stimmt.

Bei den Zuschauern stößt die Parade oft auf Ratlosigkeit. Eine Zuordnung ist schwierig, Interpretationen in viele Richtungen möglich. Wer hier einigermaßen wissend ausschaut, wird gerne angesprochen. Trotzdem: Neugierde ist spürbar, eine positive Offenheit. Jeder Zweite kramt sein Handy heraus und filmt, am Straßenrand wird diskutiert, der Alltag ist kurz angehalten. Welche Schnipsel da zurückbleiben, ist ungewiss. Vielleicht ein Hauch der Angst-Deklaration, die pausenlos mit einem Megafon in die Menge gerufen wird: Angst vor dem Hautarzt, Angst vor Gewalt, Angst vor Unverständnis, Angst vor der Verletzung der Schweigepflicht, Angst unbequem zu sitzen ...

Spielart: Für das Ritual erinnerte Anna McCarthy an brutale Ereignisse wie die Hexenverbrennung, Bücherverbrennung oder das Treiben des Ku-Klux-Klans.

Für das Ritual erinnerte Anna McCarthy an brutale Ereignisse wie die Hexenverbrennung, Bücherverbrennung oder das Treiben des Ku-Klux-Klans.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit Einbruch der Dunkelheit gelangt die Parade schließlich zum Olympiasee. Dort wartet der Wicker Man, die Holzskulptur, und als Ritual eine abstrakte Oper von Anna McCarthy. Sie soll dazu dienen, die Ängst zu bändigen. Zumindest symbolisch. MacCarthy hat sich hier mehrerer Rituale bedient, schafft es, sie brutal in Erinnerung zu rufen: Hexenverbrennung, Bücherverbrennung, Ku-Klux-Klan. "Out Angst, out!" zischelt der Chor auch einmal, ein gruseliger Exorzismus. Dann brennt der Riese im See. Natürlich lösen sich keine der Ängste in Feuer und Luft auf. Aber ein paar Funken dürften übergesprungen sein, Furcht anders wahrzunehmen. Einmal anders zu denken. Spielart sollte sich öfter auf diese Weise den Stadtraum erobern.

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