Spielart-Festival in MünchenTheaterabende, die provozieren und verbinden

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Bis in die Eingeweide: Die provokante Performance „Three Times Left Is Right“ verbindet Politik mit Splatter.
Bis in die Eingeweide: Die provokante Performance „Three Times Left Is Right“ verbindet Politik mit Splatter. Nurith Wagner-Strauss

Politische Performance aus den Niederlanden, Musik und Tanz aus Ruanda: Das Spielart-Festival für zeitgenössische Theaterformen verbindet in herrlicher Dichte unterschiedlichste Themen und Ästhetiken.

Kritik von Yvonne Poppek

Der Horror kommt zum Schluss. Dann, wenn es Freibier gibt und Wiener Würstchen. Freiheit und Liebe angeblich auch, so verspricht es die Leuchtschrift über dem Stehausschank „Artwurst“. Blaskapellen-Rumtata und goldfarbene Luftballons mit den Buchstaben H, E, L und P hängen metallen in der Luft. „Help“. Ja, Hilfe, wo hat man sich hier freiwillig hineinbegeben? Und warum muss sich das trotz all der freundlichen Leute um einen herum so filzig und falsch anfühlen?

Die Situation ist an diesem Abend des Spielart-Festivals natürlich bewusst so geschaffen, dieses Unwohlsein im vermeintlich Gemütlichen. Die Performance „Three Times Left Is Right“ des Studios Julian Hetzel endet mit diesem bestechenden Get-together auf der Bühne: Das Kunstblut-verschmierte Darsteller-Paar Kristien De Proost und Josse De Pauw gibt Bier und Würstchen aus, das Publikum kann sich dazu einladen lassen. Wenige Momente zuvor hat sie ihn im Bühnen-Ehebett ausgeweidet, die Fake-Eingeweide durch den Fleischwolf gedreht und als Würstchen gebraten. Gegessen haben sie sie beide. Guten Appetit.

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Von Yvonne Poppek

Es ist allerdings nicht nur dieser Ekel, der aus der Spielszene erwächst, wenn sich die Zuschauer nun ihre Wurst holen. Klar ist auch die Assoziation: Es ist eine Einladung von rechts. Der Stand, scheinbar harmlos, könnte auf jedem Platz dieser Republik stehen, vielleicht gäbe es Fähnchen und Flyer einer rechten Gruppierung. In jedem Fall Bier und Blasmusik. Wer nun auf der Bühne mitmacht, spürt dieses filzige Falsche.

Für das Paar in der Performance gibt es ein reales Vorbild

„Three Times Left Is Right“ aus den Niederlanden ist eine Produktion, die das Potenzial hat zu provozieren, auf der politisch linken wie rechten Seite. Das ist alles schon passiert. Regisseur Julian Hetzel hat sich für die Performance vom realen Leben inspirieren lassen, von einem Paar, das es tatsächlich gibt. Er ist ein linker Kulturtheoretiker, sie eine Autorin der Neuen Rechten, die eine Art Handbuch verfasst hat, wie Rechte auf Linke rhetorisch reagieren können. Gemeinsam haben sie drei Kinder. Wie können sie zusammenleben? Und ist das nicht ohnehin ein Spiegel für die heutige gesellschaftliche Situation?

Hetzel hat die knapp zweistündige Performance klug und witzig gebaut. Die beiden sieht man beim Kennenlernen, sie noch seine Studentin. Sie lieben sich, doch mit den Kindern erwachsen Konflikte. Und langsam macht sie sich, als bereits rechte Denkerin, die Begriffe der Linken zu eigen, besetzt sie und verwendet sie neu. Hetzel legt hier die Mechanismen offen. Wie die beiden zusammenleben können, die Frage beantwortet die Performance nicht. Vorher biegt „Three Times Left Is Right“ zu der Splatterszene mit den Eingeweiden ab. Die Rechten essen quasi die Überbleibsel der Linken. Und danach gibt’s Bier.

Das Spielart-Festival zeigt diese unbequeme Performance aus den Niederlanden, die an Grenzen kratzt, aber nicht auf eine politische Selbstbestätigung des Publikums aus ist, was sie besonders macht. Sie fordert eine Haltung, bringt ins Handeln, wenn auch erst einmal nur auf der Bühne.

„Three Times Left Is Right“ ist dabei wie einige Abende bei Spielart ein Solitär in seiner thematischen und ästhetischen Ausrichtung. Das ist grundsätzlich das, was das Festival für zeitgenössische Theaterformen so spannend, einmalig und zwingend für jeden macht, der verschiedene Perspektiven, Zugänge, Ausdrucksweisen aus den verschiedensten Weltteilen kennenlernen möchte. Auch in dieser Dichte.

Choreografin Nora Chipaumire (links) kam mit ihrem Ensemble ins Haus der Kunst. „Dambudzo“ riss das Publikum von Situation zu Situation mit.
Choreografin Nora Chipaumire (links) kam mit ihrem Ensemble ins Haus der Kunst. „Dambudzo“ riss das Publikum von Situation zu Situation mit. Tobias Zangl
Dorothée Munyaneza und ihr fünfköpfiges Ensemble traten in der Muffathalle auf – und verzauberten.
Dorothée Munyaneza und ihr fünfköpfiges Ensemble traten in der Muffathalle auf – und verzauberten. Patrick Berger

So steht also in der Mitte des 16-tägigen Festivals, das sich über verschiedene Spielorte in der Stadt verteilt, die politische Produktion über die Neue Rechte beispielsweise neben der japanischen Performance „Scored in Silence“ von Chisato Minamimura zum Atombombenabwurf in Hiroshima und Nagasaki, die speziell eine Ästhetik für Gehörlose entwickelt hat, die auch Hörende in eine andere, entschleunigte Wahrnehmung führt.

Oder es gibt die beiden überwältigend dynamischen Tanz-Produktionen aus Simbabwe und Ruanda fernab jeder Folklore. „Dambuzdo“ der aus Simbabwe stammenden Choreografin Nora Chipaumire nimmt einem im Haus der Kunst mit durch den Tageslauf in den Township. Sie bildet das mit ihrem Tanz- und Musikerensemble allerdings nicht naturalistisch nach, sondern erzeugt Stimmungen und Situationen über Bewegung und Beats. Hier ist die „Corner“, an der die Schlägereien ausgetragen werden, dort die Bar, der Tanz, die Musik. Mal bellen bedrohlich die Hunde, mal rollt der Fußball. Und das Publikum wandert mit, nein, wird mitgerissen von der Kraft, streift durch die Szenen, die sich mal hier, mal dort entwickeln.

Dorothée Munyaneza aus Ruanda verzaubert mit ihrem fünfköpfigen Musik- und Tanzensemble schließlich in der Muffathalle mit „Umuko“. Traditionelle Instrumente sind hier technisch verstärkt und weiterentwickelt, der Tanz, verwurzelt wohl noch in alten Codes, bedient sich der Moderne, bindet Kampfästhetik genauso wie Triumph- oder Demutsgebärden ein. All das mündet im Jubel, vielleicht eine kurze Feier des Friedens und der Freiheit?

Das Spielart-Festival dauert noch bis Samstag, 1. November. Programm: www.spielart.org

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